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Der Bundesdatenschutzbeauftragte holt den Pinguin ins Haus

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Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Joachim Jacob, will Microsoft weit gehend aus den Büros seiner Mitarbeiter verbannen. In einem ersten Schritt werden noch in diesem Jahr fast alle Server auf Open-Source-Software umgestellt. Das betrifft zunächst die Rechner für den Mailverkehr, fürs File-Management, für DHCP und DNS sowie alle weiteren Intranet- und Internet-Services. Der Server für das Dokumentenmanagementsystem wird voraussichtlich 2003 umgerüstet. Ebenfalls im kommenden Jahr soll -- zunächst probeweise -- der Einsatz von Linux und anderer quelloffener Software auf den rund 75 Desktops in Angriff genommen werden. Wie die Pressesprecherin des Bundesdatenschutzbeauftragten, Ira von Wahl, gegenüber heise online erklärte, sei ferner "aus Sicherheitsgründen" die Verwendung von Open-Source-Software auf den Laptops der Behörde fest in Planung.

Jacob sieht sein Haus mit dem Migrationsprojekt als Schrittmacher innerhalb der öffentlichen Verwaltung. Nach der richtungsweisenden Entscheidung des Ältestenrats, Linux im Bundestag einzusetzen, sowie dem langsam konkret nutzbaren Rahmenvertrag für Open-Source-Support des Bundesinnenministeriums mit IBM liebäugeln momentan zahlreiche Ämter -- nicht zuletzt aufgrund leerer Kassen -- mit freier Software. Vor allem vor der Umrüstung der Clients schrecken viele aber noch zurück. Der Bundesdatenschutzbeauftragte macht nun als einer der ersten im Verwaltungsbereich Nägel mit Köpfen. Beim Desktop ruhen seine Hoffnungen dabei vor allem auf der mit Mitteln des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) fortentwickelten Groupware-Lösung. Sie soll E-Mail, gruppen- und personenbezogene Terminkalender sowie die Adressverwaltung integrieren und so den Büroalltag erleichtern.

Den häufig gegen Linux ins Feld geführten erhöhten Schulungsaufwand fürchtet Jacob nicht. Im Serverbereich seien bei Behörden und bei Unternehmen ausreichend Kenntnisse zu Unix und Linux vorhanden. Die Mitarbeiter des Bundesdatenschutzbeauftragten sollen zwar mit einer umfangreichen Schulungsmaßnahme auf die neue Computerumgebung vorbereitet werden. Allerdings wäre man laut von Wahl auch beim weiteren Einsatz proprietärer Software nicht darum herumgekommen, da sich auch in diesem Bereich die neuen Produkte von den heute eingesetzen, etwa fünf Jahre alten Programmen unterscheiden würden.

Als Vorteile der neuen Lösung nennt von Wahl neben Kostenersparnissen für Lizenzen die hohe Verfügbarkeit von Linux, die leichtere Wartung im Vergleich zu Windows-Rechnern sowie eine bessere Abwehr von Viren und Hackerattacken. Insgesamt sieht der Bundesdatenschutzbeauftragte die im Open-Source-Konzept beschriebene vollständige Offenlegung des Quelltextes von Programmen für die IT-Sicherheit und den Datenschutz als "große Chance", insbesondere um verdeckte Programmfunktionen im Rahmen einer Analyse durch kompetente Entwickler besser erkennen zu können. "Für uns ist von besonderer Bedeutung", erläutert von Wahl, "dass Open-Source-Produkte im Sinne des Datenschutzes weiterentwickelt werden können, also etwa in Richtung Datenvermeidung, Datensparsamkeit oder prüfbare Sicherheit." Eine ausführliche Abwägung der Möglichkeiten und Gefahren bei der Verwendung frei verfügbarer, quelloffener Software will Jacob in den kommenden Monaten vorstellen.

Mit dem Status von Open Source nach dem Platzen der Dot.com-Blase und dem Abklingen des ersten Hypes beschäftigt sich c't in der aktuellen Ausgabe 26/2002 (seit dem heutigen Montag, den 16. Dezember, im Handel):

  • Ausgesourct? - Freie und Open-Source-Software nach dem Hype, c't 26/2002, S. 96

(Stefan Krempl) / (jk)

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