Der Computer schafft Umordnung: Zum 100. Geburtstag von Max Bense

Heute vor 100 Jahren wurde der Mathematiker und Philosoph Max Bense geboren. Sein populärstes Werk vermittelte vielen den Einstieg in die Computerwelt.

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Von
  • Detlef Borchers

Heute vor 100 Jahren wurde in Straßburg der Mathematiker und Philosoph Max Bense geboren. In den 50er und 60er Jahren lehrte er kybernetisches Denken in Deutschland. Viele seiner Schüler halfen dabei, die Informatik in Deutschland zu etablieren. Doch der Weltprogrammierer beeinflusste auch Literatur und Malerei nachhaltig.

Max Bense wollte die Kybernetik in Deutschland etablieren. Am 7. Februar 1910 in Straßburg geboren, studierte Bense Naturwissenschaften und Philosophie, seine Promotion über "Quantenmechanik und Daseinsrelativität" verteidigte Albert Einstein gegen die nationalsozialistischen Eiferer der "Deutschen Physik". Eine Universitätskarriere war ihm damit verbaut und Bense musste als Laborant arbeiten.

Als das Dritte Reich zusammenbrach, arbeitete Bense am Labor für Hochfrequenztechnik und Ultraschall. Sein Chef, der Radarspezialist Hans Erich Hollmann gehörte zu der Gruppe von Wissenschaftlern, die in der "Operation Paperclip" in die USA transferiert wurde und dort in der geheimen Militärforschung arbeitete. Hollmann schickte im Jahre 1949 Bense die Arbeit eines Forschers, der ebenfalls Flugabwehrsysteme entwickelt hatte. Norbert Wieners "Cybernetics or control and communication in the animal and the machine" beeinflusste Max Bense nachhaltig. In der Kybernetik fand er eine Systemtheorie, eine neue Philosophie, die mit Begriffen wie Nachricht, Information, Entropie und Selbstregulation arbeitete.

Parallel zu seiner Beschäftigung mit Wittgenstein besorgte sich Bense die grundlegenden Werke der Computer Science von Shannon, Weaver und anderen. In der Zeitschrift Merkur veröffentlichte er 1951 eine Analyse des Computers ENIAC unter dem Titel "Kybernetik oder die Metatechnik einer Maschine". Nach einem Intermezzo an der Universität Jena kam Bense zur Technischen Hochschule Stuttgart, wo er Philosophie und Wissenschaftstheorie lehrte und über "Ästhetik und Computerprogrammierung" forschte. Seine Arbeiten über den Computer gelten heute als Grundlagen der Computerkunst.

Wie der Bense-Bewunderer Herbert W. Franke in Telepolis schrieb, ging es Bense um die möglichst präzise Bestimmung der ästhetischen Funktion. Deshalb spielten Computer eine wichtige Rolle in seinen Abhandlungen zur Ästhetik: Ein Programm wird aufgestellt, das die ästhetischen Kriterien als Daten liefert, die von einem Computer bearbeitet werden. Ein Zufallsgenerator erzeugt Varianzen, ein Realisator genannter Zeichenarm (heute Plotter genannt) gibt die Kunst aus.

Seine Ideen stellte Bense Anfang der 60er Jahre in einem rororo-Taschenbuch über informationstheoretische Ästhetik vor, das sein populärstes Werk wurde und vielen den Einstieg in die Computerwelt vermittelte. Seine Studenten, Mitglieder der Stuttgarter Schule, setzten seine Ideen um: Ebenso wie Bense sich Zeit seines Lebens weigerte, einen Führerschein zu machen, wollte er keine Computer bedienen. Maler wie Frieder Nake und Georg Nees programmierten Anfang 1960 einen Zuse Z22 und schickten seine Ergebnisse zu einem Zuse-Graphomat, "Dichter" wie Theo Lutz und Rul Gunzenhäuser fütterten einen IBM-Computer mit Kafka-Worten und nannten die Ausgabe über den Fernschreiber "stochastische Gedichte". Die vier forschten und lehrten später als Informatik-Professoren.

Während sich die Informatik entwickelte und als Disziplin die "technische Grundausstattung für die Informationsgesellschaft" (Wolfgang Coy) schuf, konnte die Kybernetik in Westdeutschland nicht Fuß fassen. Für Max Bense war dies kein Grund zur Verbitterung. Er befasste sich beständig mit Kunst und Literatur und stand im regen Austausch mit Schriftstellern und Malern: Eine Ausstellung im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) zeigt seinen weit reichenden Einfluss. Max Bense starb am 29. April 1990 in Stuttgart. (anw)