Der Duden erklärt die New Economy

Manch ein Zeitgenosse fühlt sich ob der Flut der neuen Wörter in der New Economy überfordert. Abhilfe schaffen will Mannheimer Duden-Verlag.

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  • Carsten Hoefer, dpa

Mausbeutung, Kodierklitsche, Chaosmanagement und Stock Exchange: Die inzwischen nicht mehr ganz so neue New Economy trägt nicht nur zum rasanten Wandel des Wirtschaftslebens bei, sondern verändert auch die Sprache. Manch ein Zeitgenosse fühlt sich ob der Flut der neuen Wörter überfordert. Abhilfe schaffen will der Mannheimer Duden-Verlag mit einem Wörterbuch der New Economy. Das Werk dürfte Fremdwort-Kritikern reichlich Nahrung liefern: Die große Mehrheit der fast 1000 aufgeführten Wörter ist englischen Ursprungs.

Internet, Modem und die Abkürzung IT für Informationstechnologie sind in den vergangenen Jahren bereits in den allgemeinen Sprachschatz eingegangen. Viele andere Wörter hingegen sind außerhalb der Branche bisher unbekannt: "Chinese Wall" etwa bezeichnet nicht die chinesische Mauer, sondern Informationsbarrieren innerhalb eines Unternehmens. Dass die Reklamebotschaften vom kreativen, selbstbestimmten Arbeiten in der "neuen Wirtschaft" nicht unbedingt der Wirklichkeit entsprechen, daran erinnert ein japanisches Wort: "Karoshi" – Tod durch Überarbeitung.

Gegliedert ist das Wörterbuch in sechs – sämtlich englisch betitelte – Kapitel: "E-conomy" für die Internet-Branche, "Work- Culture" für das Arbeitsleben, "Stock-Exchange" für Börse und Finanzen, "New Marketing" für Reklame, "Knowledge-Management" für neue Trends in der Unternehmensführung und "Life-Sciences" für die Biotechnologie. Poppig aufgemacht und flott geschrieben, erinnert das neue Werk des von Umsatzrückgängen geplagten Mannheimer Verlags nur wenig an einen traditionellen Duden. Es ist das zweite gemeinsame Projekt mit dem Hamburger Trendbüro. Im vergangenen Jahr hatten Duden und Trendbüro bereits das "Wörterbuch der Szenesprachen" aufgelegt, das sich über 40.000 Mal verkaufte.

Die deutschen Ausdrücke entstammen häufig der Sphäre des Galgenhumors: Von der "Mausbeutung" für ausgebeutete Angestellte eines Computerunternehmens über den "Pixelschrubber", der am Bildschirm mit wenig unterhaltsamer Bildbearbeitung befasst ist, bis zur "Chef-Taste" auf der Computer-Tastatur: Diese ermöglicht es dem videospielenden Mitarbeiter bei Herannahen eines Vorgesetzten, das Spiel vom Bildschirm verschwinden zu lassen.

Manchem Ausdruck dürfte eine ähnlich kurze Lebensdauer bemessen sein wie vielen Internet-Firmen. "Viele Wortneubildungen verschwinden wieder, insbesondere bei Produktbezeichnungen und in der Werbesprache", sagt Gerhard Stickel, der Leiter des ebenfalls in Mannheim ansässigen Instituts für Deutsche Sprache (IdS). Eine Forschungsgruppe des Instituts stellte fest, dass sich in den neunziger Jahren nur etwa 1.000 Neubildungen durchsetzen konnten.

"Davon waren etwa 40 Prozent Anglizismen, 40 Prozent deutsche Neubildungen wie der Warmduscher und 20 Prozent Mischformen", sagt Stickel. Heutzutage seien Anglizismen die Prestige-Ausdrücke, während es noch vor wenigen Jahrzehnten die französischen Fremdwörter waren. "So wurde das Mannequin zum Model."

Das Wörterbuch der New Economy ist nicht beschränkt auf reine Worterklärungen: Es finden sich auch Zitate von 100 Managern, die die New Economy teilweise eigenwillig definieren: "Für mich bedeutet New Economy, die Firma Beate Uhse international auszurichten.", schreibt Beate Rotermund, die Chefin der Erotik-Kette. (Carsten Hoefer, dpa) / (jk)