Der Humanist der Physik - zum 150. Geburtstag von Max Planck

Am 23. April 1858 wurde in Kiel Max Planck geboren, Urheber der Quantentheorie und einer der größten deutschen Wissenschaftsorganisatoren.

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Von
  • Ralf Bülow

Ein Revolutionär war er nicht, auch keiner "wider Willen", wie man heute gerne sagt, sondern zeitlebens auf Ordnung bedacht und auf der Suche danach, was hinter der Ordnung steckt – das Wahre, das Ewige, das Absolute – und sich gelegentlich in der Wissenschaft offenbart. Max Karl Ernst Ludwig Planck kam am 23. April 1858 in Kiel zur Welt, wo der Vater Juraprofessor war; die Wurzeln der Familie lagen im Schwabenland. Als er elf war, zog man nach München um, hier machte er mit sechzehn das Abitur. Es folgte das Studium der Physik an der Münchner Universität und für zwei Semester in Berlin. 1878 bestand Planck das Lehrerexamen; 1879 promovierte er mit einer Arbeit über den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik.

1880 habilitierte sich Planck und arbeitete zunächst als schlecht bezahlter Privatdozent. 1885 erhielt er dann in Kiel eine der neuen Professorenstellen, die das Königreich Preußen für theoretische Physiker schuf und die keine teuren Labore erforderten. Der Zulauf an Studenten war gering, doch das feste Gehalt erlaubte ihm, zu heiraten und eine Familie zu gründen. 1889 folgte er einen Ruf an die Berliner Universität, und in dieser Stadt sollte er über fünfzig Jahre lang tätig sein. Die Hauptstadt-Uni galt als beste deutsche Hochschule für Naturwissenschaften, außerdem gab es vor den Toren in Charlottenburg die Technische Hochschule und die Physikalisch-technische Reichsanstalt, Vorläuferin der heutigen PTB. Der Theoretiker Planck traf sich mit den amtlichen Forschern und verfolgte besonders ihre Messungen an sogenannten Schwarzen Körpern.

Solche Körper, schmale Zylinder mit einer winzigen Öffnung, dienten als normierte Lichtquellen. Die Energie der Strahlung, die die Öffnung verließ, hing nur von der Temperatur ab, auf die der Körper erhitzt wurde, und verteilte sich unterschiedlich auf die Skala der Frequenzen. In den 1890er-Jahren waren schon Formeln für diese Verteilung bekannt, doch keine deckte die Skala komplett ab. Erst Planck legte im Oktober 1900 eine passende Gleichung vor, die er allerdings rein empirisch und quasi nach Gefühl entwickelt hatte. Allerdings fand er in wenigen Wochen die fehlende systematische Ableitung und trug sie am 14. Dezember 1900 in Berlin der Deutschen Physikalischen Gesellschaft vor. Dabei musste Planck voraussetzen, dass die Materie des Schwarzen Körpers Energie nur in winzigen Portionen E aufnimmt und abstrahlt, die über eine Konstante, das Wirkungsquantum h, von der Strahlungsfrequenz v abhängen: E = h × v. Dieser Gedankengang gilt heute als Geburt der Quantentheorie.

Während Planck noch hoffte, sein Resultat in die auf kontinuierlichen Prozessen basierende Physik des 19. Jahrhunderts einbauen zu können, hatte 1905 ein Patentprüfer in Bern weniger Skrupel: Albert Einstein befreite die Energiepäckchen aus den Wänden des Schwarzen Körpers und verwandelte sie in Photonen, die mit Lichtgeschwindigkeit umhersausen. Aus Plancks Grundidee und Einsteins Geniestreich entstand dann die Physik des 20. und 21. Jahrhunderts.

Der Berliner Universitätsprofessor setzte seine Karriere fort und übernahm 1912 den einflussreichen Posten eines "beständigen Sekretars" der Preußischen Akademie der Wissenschaften. In dieser Funktion gelang es ihm auch, Albert Einstein nach Berlin zu holen. 1913/14 war Planck Rektor der Universität, 1920 bekam er rückwirkend für das Jahr 1918 den Physik-Nobelpreis. Semester für Semester erfüllte er seine anstrengenden Vorlesungspflichten und schrieb außerdem dicke Lehrbücher.

1926 wurde Max Planck emeritiert, trat aber 1930 das Amt des Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und ihrer 19 Forschungsinstitute an. In der NS-Diktatur lenkte ihn der Grundsatz, die deutsche Wissenschaft am Leben zu erhalten; über die Natur des Regimes machte er sich keine Illusionen. Nach sieben Jahren übergab er das Amt an den Chemiker und Industriellen Carl Bosch und widmete sich bis in den 2. Weltkrieg hinein vor allem Vortragsreisen. Im Mai 1943 zog Planck von Berlin nach Rogätz an der Elbe um; sein Haus im Grunewald mit seinem persönlichen Archiv wurde Anfang 1944 bei einem Bombenangriff zerstört. Der schwerste Verlust bedeutet aber für ihn die Hinrichtung seiner Sohnes Erwin am 23. Januar 1945. Erwin Planck hatte zum Umfeld der Verschwörer gehört, die am 20. Juli 1944 das Attentat auf Adolf Hitler unternahmen.

Im Chaos des Kriegsendes gelangte der schwer an Arthrose leidende Planck nach Göttingen, und von hier aus erneuerte er das Netzwerk der Kaiser-Wilhelm-Forscher. Im Juli 1946 hatte er sich so weit erholt, um in London an der Feier zu Ehren von Isaac Newton teilzunehmen. Als einziger deutscher Gast vertrat er, wie der Ansager im Saal ausrief, "no country". Die britischen Besatzungsbehörden erlaubten kurz darauf die Neugründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft unter anderem Namen, und der Physiker wurde Ehrenpräsident. Im März 1947 hielt er seinen letzten auswärtigen Vortrag in Bonn. Am 4. Oktober 1947 starb Max Planck in Göttingen; sein Grab liegt auf dem Friedhof an der Groner Straße.

Planck war ein Mann des 19. Jahrhunderts, patriotisch, kultiviert, tiefreligiös und hochmusikalisch, ein Bürger im Sinne des Wortes. Preußische Tugenden, eiserne Konstitution und Optimismus halfen ihm durch viele Krisen: Seine erste Frau und seine beiden Töchter verlor er durch Krankheit, sein ältester Sohn fiel im 1. Weltkrieg, der zweite Sohn wurde ein Opfer Hitlers. Das schönste Lob fand wohl die Physikerin Lise Meitner, die sinngemäß schrieb: Wenn er ins Zimmer kam, wurde die Luft besser.

Im Internet ist er auf einem Film von 1942 zu sehen, den die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften auf ihrer Max-Planck-Seite zeigt, außerdem in einer Wochenschau vom Dezember 1946. Plancks Vorträge sind im Originalton auf CD, aber auch als Buch erhältlich, eine gut lesbare Biographie stammt von Armin Hermann; die Familie Planck "zwischen Patriotismus und Widerstand" schildert die Biographie von Astrid von Pufendorf. Kolloquien und Ausstellungen finden unter anderem in Berlin, Rogätz, Ilmenau und Kiel statt. Weitere interessante Links liefert die Deutsche Physikalische Gesellschaft. (Ralf Bülow) / (jk)