Der Mann, der Visionen hatte: Zum 80. Geburtstag von Alan Kay

Der Informatiker Alan Kay prägte den Begriff "Personal Computer" und baute einen tragbaren Lerncomputer. Die Computer-Revolution steht für ihn noch aus.

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Alan Kay mit dem Prototyp des Dynabook (2008)

(Bild: Marcin Wichary from San Francisco, U.S.A. / CC BY )

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Am 17. Mai 2020 feiert der US-amerikanische Informatiker Alan Kay seinen 80. Geburtstag. Er gilt als der Erfinder des Ausdrucks "Personal Computer" und hatte einige bahnbrechende Ideen für den Einsatz dieser Computer.

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Alan Kay gehört zu den Informatikern, die eine zukünftige Nutzung ihrer Erkenntnisse aus der Forschung stets weiterdachten. Zu diesen gehörte in den 60er-Jahren das Dynabook als Lerncomputer und in den 70ern Smalltalk als Programmiersprache. Im Palo Alto Research Center (PARC) von Xerox entwickelte er eine grafische Benutzeroberfläche und ließ Kinder mit den Computern spielen. Als "Fellow" war er bei so unterschiedlichen Firmen wie Apple, Hewlett Packard und Disney. Heute engagiert sich der 80-Jährige für die Idee einer Kreislaufwirtschaft.

Alan Kay (2001)

(Bild: Detlef Borchers / heise online)

Alan Kay wurde als Sohn eines australischen Prothesenbauers und einer US-amerikanischen Musikerin in Springfield, Massachusetts geboren. Er wuchs zunächst in Australien auf und ging dann in New York zur Schule. Nicht überprüfbar ist die Erzählung, nach der er sich schon vor der Schulzeit selbst das Lesen beibrachte und 100 oder 150 Bücher las. Prägend für seine Zukunft wurde jedenfalls die Lektüre der Time-Life-Ausgabe, in der die Fotografin Margaret Bourke-White Bilder aus dem Konzentrationslager Buchenwald veröffentlichte. In einem Interview in der legendären Programmier-Zeitschrift Dr. Dobb's Journal erzählte Kay, wie ihn die Fotos schockten und er lernen musste, dass Erwachsene wirklich böse sein können. Sie veränderten sein Leben. "Die Fotos waren dafür verantwortlich, dass ich mich für die Bildung interessierte. Mein Interesse an der Bildung ist unspektakulär. Ich habe keinen besonderen Wunsch, Kindern zu helfen, aber ich habe den dringenden Wunsch, bessere Erwachsene zu bekommen."

Am College wurde Alan Kay von Robert Barton unterrichtet, der ihm das Denken über Computer und Gesellschaft vermittelte. Er studierte Mathematik und Anthropologie, später Informatik an der Universität Utah, wo Ivan Sutherland lehrte. Seine Doktorarbeit schrieb Kay 1968 über die von ihm entwickelte Programmiersprache FLEX für einen angedachten Kleincomputer: "Menschen, die sich wirklich für Software interessieren, sollten ihre eigene Hardware entwickeln." Sein eigener Beitrag zur Hardware war ein Konzept für einen flachen tragbaren Rechner, mit dem Kinder lernen können: das Dynabook.

Kay ging anschließend zu Xerox und entwickelte am PARC mit einem Dutzend weiterer Visionäre den Xerox Alto. Im Gegensatz zum offiziellen Video, das den Alto im Geschäftsleben zeigt, drehte Kay Videos, in denen Kinder mit dem Rechner spielen und mittels Smalltalk eigene Lösungen etwa für die optimalen Wege in einem selbst angelegten Schulgarten errechnen. Über den 2016 verstorbenen Seymour Papert kam Kay in Kontakt mit den Ideen von Jean Piaget über die kindlichen Entwicklungsstufen, die ihm halfen, am besseren Erwachsenen zu arbeiten.

1981 wechselte Alan Kay in die Industrie und ging zunächst zu Atari, dann zu Apple und schließlich zu den Disney-Studios. Schon der Xerox Alto war vernetzt, doch die anstehende Kommerzialisierung des Internets beschäftigte ihn sehr. Er entwickelte Gedanken und Konzepte für das, was heute "Digitalisierung des Schulunterrichts" genannt wird. 1990 erschien ein Dossier der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft zur "Datenautobahn", in dem Alan Kay seine Gedanken über "Neue Informationssysteme und Bildung" veröffentlichte: "In dem Maße, wie intensiv vernetzte Westentaschenrechner Allgemeingut werden, wird sich das Verhältnis der Menschen zu ihren Informationsträgern noch einmal qualitativ verändern. Mit immer mehr verfügbaren Informationen – darunter vielen widersprüchlichen – wird die Fähigkeit, den Wert und die Gültigkeit einer Vielzahl verschiedener Standpunkte kritisch zu beurteilen und ihre Entstehungszusammenhänge zu erkennen, noch bedeutsamer." Auf Basis dieser Prognose gelangte Alan Kay 1997 zu der Erkenntnis, dass die sogenannte Computer-Revolution noch nicht stattgefunden habe; ein Fazit, das er bis heute vertritt.

Alan Kay sprach 2001 im ehemaligen Bundestag in Bonn

(Bild: Detlef Borchers / heise online)

Zuletzt arbeitete Alan Kay bei HP und betrieb das Viewpoint Research Institute. Im Laufe seines Lebens wurde der passionierte Organist Alan Kay mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen geehrt, darunter mit dem Kyoto-Preis, den er 2004 zusammen mit Jürgen Habermas erhielt. Die höchste Auszeichnung dürfte der Turing Award gewesen sein, den er für das Jahr 2003 erhielt. Zum 80. Geburtstag mag man sich vorstellen, das Alan Kay an seiner Orgel in seinem Haus spielt und den Chorus erklingen lässt, den der englische Kirchenmusiker Martin Shaw nach dem Stück "The Rock" von T.S. Eliot vertonte.

Where is the life we have lost in living?
Where is the wisdom we have lost in Knowledge?
Where is the knowledge we have lost in information?


(tiw)