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Der Mann, der die Königin vernetzte: zum Tode von Peter Kirstein

Der britische Internet-Pionier Peter Kirstein ist gestorben. Er schloss Großbritannien ans ARPANET an und gab der Queen seinen Account.

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Peter Kirstein

(Bild: The Marconi Society)

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Im Alter von 86 Jahren ist der britische Informatiker und Internet-Pionier Peter Kirstein am Mittwoch an den Folgen eines Hirntumors gestorben. Er überließ 1973 den ersten britischen ARPANET-Account der Königin Elizabeth II und benannte seinen Usernamen PETERK in HME2 um.

Peter Kirstein wurde am 20. Juni 1933 als Sohn des Berliner Zahnarztehepaares Walter und Eleanor Jacobsohn-Kirchstein geboren. Seine Mutter stammte aus London und besaß sowohl die deutsche als auch die britische Staatsbürgerschaft. Sein Vater Walter Kirchstein wurde im 1. Weltkrieg als Offizier mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und war ein überzeugter deutscher Patriot. 1937 übersiedelte die Familie nach Großbritannien.

Mit dem Erhalt der britischen Staatsbürgerschaft im Jahre 1947 nahm der junge Peter den Namen Kirstein an. Er studierte bis 1954 Mathematik an der Universität Cambridge und promovierte in den USA an der Stanford University im Fachbereich Elektrotechnik mit einer Arbeit zur Nachrichtentechnik. Er arbeitete zunächst am Genfer Kernforschungsinstitut CERN, dann bei General Electric in Zürich, ehe er eine Professur in London erhielt. 1969 lernte Kirstein Larry Roberts kennen, der ihm vom ARPANET berichtete.

Schließlich war das Netz damals via London bereits mit Norwegen verbunden, wo das Norwegian Seismic Array (NORSAR) lauschte, ob in der UdSSR Atombombentests stattfanden. "Das war 1969-70 und da forschte bei uns Donald Davies über paketvermittelte Datenkommunikation. Zu dieser Zeit wollte Großbritannien unbedingt in den gemeinsamen Markt der EU und da war alles europäische gut und die USA waren schlecht. Es gab keinen Weg, dass Davies eine Verbindung in die USA legen konnte. Er schlug vor, dass ich das Projekt leiten sollte," erinnerte sich Kirstein später.

Er bekam für das am University College London angesiedelte Projekt 5000 Pfund pro Jahr und vom British Post Office (später British Telecom) eine kostenlose Standleitung nach Norwegen. Weitere Gelder stellte Larry Roberts seitens der ARPA zur Verfügung. "1973 traf der erste Interface Message Processor bei uns ein, doch zu dieser Zeit hatte Großbritannien die Mehrwertsteuer eingeführt und ich brauchte die gesamten 5000 Pfund, um das Ding aus dem Zoll zu bekommen." Im September 1973 stand die erste Verbindung zum ARPANET. Kirstein informierte das Verteidigungsministerium über die "bedeutsame militärische Verbindung" und erhielt für die nächsten zehn Jahre eine Befreiung von der Mehrwertsteuer.

"1973 sollte unser RRE (Radar Research Establishment) seinen Namen zu 'Royal Radar' ändern. Natürlich kam die Königin zu solch einer Einweihung. Sie wollten dabei einen Link zu den USA herstellen und die Königin sollte diese Verbindung irgendwie starten. Ich musste der Königen einen Account verschaffen, also gab ich ihr meinen Account unter dem Usernamen HME2 – Her Majesty Elizabeth II. Soweit ich weiß, war dies das erste Mal, dass ein Staatsoberhaupt über das Netz eine Nachricht schickte (die wir vorbereitet hatten)." Kirstein nahm aktiv an der Entwicklung von TCP/IP unter Vint Cerf teil und hatte das Glück, mit Judy Estrin eine Ingenieurin in Stanford zu finden, die sich mit TCP/IP und mit der Satelliten-Übertragungstechnik auskannte.

Ab 1976 konnte die Netzkommunikation so komplett über Satellit abgewickelt werden, wofür British Telecom einen Kanal zu Forschungszwecken zur Verfügung stellte. Kurze Zeit später startete in Europa EARN, das European Academic Reseach Network und der Netzverkehr via Satellit nahm rasant zu. Kirstein bekam Ärger mit der British Telecom, die nun auf der Bezahlung des Datenverkehrs bestand. "Ich musste eine Nachricht an alle Teilnehmer schicken, dass wirklich nur forschungsrelevantes geschickt wird und hatte großen Ärger. Da gab es Leute, die schickten Mails an 3000 andere und machten sich überhaupt keine Gedanken, was da ablief."

Im Jahre 1985 übernahm das Computerzentrum der Universität London die Vernetzung und Kirstein begann, sich mit Video über IP zu beschäftigen. Neben zahlreichen Ehrungen als Internet-Pionier erhielt Kirstein für seine Grundlagenforschung zu Multicast IP, und ATM einige Auszeichnungen wie den SIGCOMM Award oder den Marconi-Award. Im Jahre 2003 ernannte ihn die Königin zum Commander of the Order of the British Empire. Ob sie sich an ihre erste E-Mail erinnerte, ist nicht überliefert. Zusammen mit seinem Landsmann Donald Davies und seinen Freunden Larry Roberts und Vint Cerf gehörte Peter Kirstein zu den ersten Personen, die 2012 als Pioniere in die Internet Hall of Fame aufgenommen wurden. (mho)