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Der Neue Markt, ein schwarzes Loch

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Hatten die Börsianer in den letzten Wochen viele schlimme Stunden zu durchstehen, so erwartete sie zum Jahresauftakt ein rabenschwarzer Dienstag. Schlimmer kommts nimmer, denn heute patzten auch die Musterschüler und Wackelkandidaten rutschten endgültig in den Keller. Intershop, der E-Commerce-Spezialist aus Jena, musste am Dienstagmorgen mit einer Gewinnwarnung für das vierte Quartal 2000 herausrücken und seinen Umsatz erheblich nach unten korrigieren. Statt der ursprünglich anvisierten 50 Millionen rechnet das Unternehmen nur noch mit einem Umsatz von knapp 30 Millionen Euro. Im vierten Quartal droht deshalb ein Nettoverlust von rund 30 Millionen Euro.

Dabei wollte der Hoffnungsträger des Aufschwungs Ost in diesen Tagen eigentlich endgültig die Gewinnzone erreichen – Pustekuchen. Anscheinend hat das schleppende Geschäft in den USA den Jenaern die Bilanz verhagelt; wegen der sich abkühlenden Konjunktur im Mutterland der freien Marktwirtschaft drosseln viele Unternehmen neue Investitionen in Hardware und Software. "Zahlreiche potenzielle Aufträge in Millionenhöhe, die wir für Ende des Quartals erwartet hatten, wurden ins nächste Jahr verschoben", erklärt Finanzvorstand Wilfried Beeck die Situation. Insgesamt fiel das Intershop-Papier im Laufe des Tages um knapp 70 Prozent auf einen Endstand von 10,06 Euro. Analysten sehen das Unternehmen aus Jena bereits in den gefährlichen Status eines Übernahmekandidaten hineinrutschen.

Das Debakel um Intershop riss die Kurse in den Keller: Brokat sackte um 27,7 Prozent auf 19,5 Euro ab, Gauss gab um 25,4 Prozent auf 4,62 Euro nach und der Co-Shopping-Anbieter Letsbuyit hatte sich wohl die Intershop-Aktie zum Vorbild genommen. Das Papier ging in den freien Sturzflug über, brach um 60 Prozent ein und erreichte einen neuen Tiefststand von 0,52 Euro. Schade eigentlich, denn nach dem Fall des Rabattgesetzes steht zumindest juristisch dem Erfolg des Co-Shopping-Konzeptes nicht mehr viel im Wege. Aber das Unternehmen hat anscheinend zu viel Geld in millionenschwere PR-Maßnahmen investiert; nachdem Letsbuyit vor einigen Tagen seine Gläubiger um Zahlungsaufschub bat, gilt der Rabattstaffel-Anbieter als extrem knapp bei Kasse. Experten sehen die Firma bereits auf dem Weg in den Totalverlust.

Insgesamt ein schwarzer Tag für die Börse, und die morgentlichen schlechten Vorgaben aus den USA verstärkten noch den ohnehin schon miesen Trend. Der Nemax 50 fiel um fast 11,5 Prozent auf 2.539 Zähler; unter den fünfzig Schwergewichten des Neuen Marktes gab es heute nur drei Gewinner: Steag Hamatech, Ixos Software und die Comdirect Bank. (ku)