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Der Pate des Internets: zum 100. Geburtstag von Joseph Licklider

Der US-amerikanische Sinnespsychologe Joseph C. R. Licklider (1915–1990) wurde zum Computervisionär sowie Inspirator und Förderer von Zukunftsprojekten in der Frühzeit der digitalen Vernetzung.

Der Pate des Internets: zum 100. Geburtstag von Joseph Licklider

Licklider mit Studenten

(Bild: Webmuseum des MIT)

Als Joseph Carl Robnett Licklider heute vor 100 Jahren, am 11. März 1915 als Sohn eines Baptistenpredigers in St. Louis (US-Bundesstaat Missouri) geboren wurde, lag ein Triumph US-amerikanischen Erfindergeistes nur zwei Monate zurück: Am 25. Januar des Jahres hatte die Telefongesellschaft AT&T die erste kontinentale Leitung von New York nach San Francisco eröffnet. Auch der junge Joseph Licklider interessierte sich für Technik und hatte speziell das Talent, Schrottautos wieder fahrtüchtig zu machen, er studierte dann aber Physik, Mathematik und Psychologie.

Joseph C. R. Licklider

(Bild: Webmuseum des MIT)

1942 promovierte Licklider an der Universität von Rochester mit Forschungen, für die er die Verarbeitung von Tönen im Gehirn von Katzen untersuchte. Danach wechselte er zum psychoakustischen Labor der Harvard-Universität und wurde 1945 Dozent. Ab 1950 lehrte er als Direktor des Akustik-Labors am Massachusetts Institute of Technology. Er wirkte auch im Projekt SAGE mit, das ein computergestütztes Luftabwehrsystem zum Ziel hatte, und lernte dabei den MIT-Rechner Whirlwind kennen, der schon in Echtzeit lief und einen Monitor mit Lichtgriffel-Eingabe besaß.

Von 1957 bis 1962 arbeitete Licklider für die Beratungsfirma BBN und entwickelte sich dort zum Computervisionär. Belege sind Studien über die Partnerschaft von Mensch und Maschine und ihren Online-Austausch und ein Buch über digitale Bibliotheken der Zukunft, das an Konzepte von Vannevar Bush anknüpfte. Ihnen gemeinsam ist die Idee, dass sich der Computer vom Rechner und Datenspeicher zu einem Medium der Information und Kommunikation wandelt.

Richtig zur Tat schritt Licklider in seinem nächsten Job. Von Oktober 1962 bis Juli 1964 leitete er in der ARPA, der Forschungsabteilung des US-Verteidigungsministeriums, das Büro für Informationsverarbeitung oder IPTO. Hier förderte er mit einem Minimum an Bürokratie Zukunftsprojekte für Time-Sharing und Künstliche Intelligenz; so erhielt das MIT 2 Millionen Dollar für sein Projekt MAC. Zugleich baute er eine Gruppe gleichgesinnter Wissenschaftler und Ingenieure auf, die "Members and Affiliates of the Intergalactic Computer Network", wie es in einem Rundbrief von 1963 heißt.

Nachfolger von Licklider an der Spitze des IPTO wurde der Computergrafik- und Virtual-Reality-Pionier Ivan Sutherland; nach diesem kam 1965 der Psychologe Robert W. Taylor, ein treuer Gefolgsmann Lickliders, was auch ein gemeinsamer Artikel über den Computer als Kommunikationsgerät zeigt. Taylor erteilte im April 1969 der Firma BBN den Auftrag für das ARPANET, der Start des Netzes am 29. Oktober 1969 gilt heute als Geburtstag des Internets.

Nach seiner Zeit im Pentagon arbeitete Licklider kurz bei IBM und danach bis zur Pensionierung 1985 wieder im MIT; 1974 leitete er noch einmal das IPTO. Er starb am 26. Juni 1990.

Weggefährten rühmen besonders seine Bescheidenheit, Freundlichkeit und tief sitzende Genialität. Zwei Jahre vor seinem Tod entstand ein langes biografisches Interview, persönlich erleben lässt sich "Lick" neben anderen Netzpionieren in einem Film von 1972 (siehe unten). 2013 wurde Joseph C. R. Licklider in die Internet Hall of Fame aufgenommen.

(Ralf Bülow ) / (anw)

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