Der Trend geht zum Teilen

Von der "Zuvielisation" in eine Ökonomie der Bedeutsamkeit und Verantwortlichkeit einlenken, lautete ein Denkansatz beim 14. Trendtag in Hamburg, der unter dem Motto "Wer teilt, gewinnt" stand.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 225 Beiträge
Von
  • Volker Briegleb

Wenn internationale Koryphäen zusammenkommen, um entlang der (Glas-)Fasern des weltumspannenden Netzes neue Trends auszuloten, dauert es zurzeit nicht lange, bis der Begriff Twitter fällt. Beim 14. Trendtag am Donnerstag in Hamburg war das nicht anders. Der aktuelle Netzhype lieferte das auf eine Twitter-Wall projizierte, dezente Hintergrundrauschen zu der bunt besetzten Veranstaltung des Hamburger Trendbüros, einer Beratungs- und Forschungsgesellschaft. Das Motto der Veranstaltung: "Wer teilt, gewinnt".

"Sozialer Reichtum schöpft sich aus gemeinsamen Interessen, gemeinsamer Kommunikation, gemeinsamem Handeln und gemeinsamer Innovation", steckt Peter Wippermann vom Trendbüro das Themenfeld des Tages ab. Dem versuchten sich Referenten unterschiedlichster Disziplinen aus ihrem jeweils eigenen Blickwinkel zu nähern. Dabei waren so routinierte Vortragsreisende wie Creative-Commons-Erfinder Lawrence Lessig oder der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz ebenso der Einladung in die Hansestadt gefolgt, wie der britische Innovationsexperte Charles Leadbeater, die italienische Konsumpsychologin Simonetta Carbonaro oder der New Yorker Autor Matt Mason.

Das zentrale Motiv des Trendtags war das Netz als Plattform für Kreativität und Innovation. Der direkte Austausch, den das Internet ermögliche und damit die Bildung von neuen, ganz unterschiedlich ausgerichteten Gemeinschaften fördere, werde die Zukunft wesentlich prägen, darin waren sich die Experten in Hamburg einig. Die Kommunikation im Netz könne helfen, einen modernen Kapitalismus zu formen, meint Medientheoretiker Bolz. Aus den Nischen im Netz könnten Initiativen entstehen, die aus der "erlernten Hilflosigkeit" und zu mehr sozialer Gerechtigkeit führen.

"Du bist, was du teilst", postulierte der Brite Charles Leadbeater einen offeneren Umgang mit Ressourcen, auch bei eher unbeweglichen Monopolen wie etwa Pharma-Riesen. Die Wirtschaft müsse im Dialog mit Wissenschaft und Verbrauchern an den bestehenden Problemen vor allem der Dritten Welt arbeiten, wenn sie ihren Erfolg dauerhaft sichern wolle. Aufkeimende Ideen mit der Rechtsabteilung zu ersticken, sei dabei nicht der richtige Weg. Ähnlich sieht das Lawrence Lessig, der in unserem Rechtssystem ein wesentliches Hemmnis für die volle Entfaltung des Potenzials der neuen Gemeinschaften sieht.

Selbst eine von der Industrie als Bedrohung empfundene Community wie die Filesharing-Szene habe innovative Kraft, argumentierte Matt Mason. Piraten seien Trendsetter, wie das Beispiel der britischen Piratensender der 1960er Jahre zeige. Von Schiffen im Ärmelkanal sendeten sie ihr Programm für ein Publikum, das vom staatlichen Radio nicht bedient wurde. Masons Rat an die von Nachahmern, Kopisten und filesharenden Teenagern geplagten Unternehmen: den Wettbewerb aufnehmen und von den Piraten lernen.

David Bosshart vom Schweizer Gottlieb-Duttweiler-Institut forderte mehr Mut zum Experiment und eine Abkehr vom Effizienzdenken alter (Management-)Schule. Einer der Wege aus der Lifestyle-Krise des 20. Jahrhunderts führe über weniger Konsum: "1. Iss weniger. 2. Konsumiere weniger. 3. wirf weniger weg". Konsum spielt auch für Simonetta Carbonaro eine zentrale Rolle. Die "Zuvielisation" der postmodernen Konsumgesellschaft, in der jeder Mensch im Durchschnitt 10.000 Gegenstände besitze, entwickle sich weiter zu einer Ökonomie der Bedeutsamkeit und Verantwortlichkeit. In den Nischen des Netzes entstünden neue Formen von Konsum, Arbeit und Zusammenleben. (vbr)