Der digitale Behörden-Funk sucht nach seiner Zukunft

Das Digitalfunknetz der "Blaulichtbehörden" steht zu 98 Prozent, der "Digitalfunkstecker" ist fertig. Nun bleibt die Frage übrig, wie lange dieses Netz betrieben werden soll, war ein Thema auf der Critical Communications Expo in Berlin.

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Rolf Krost

BDBO-Präsident Rolf Krost

(Bild: heise online / Detlef Borchers)

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  • Detlef Borchers

Das digitale Funknetz für Behörden und Organisationen mit SIcherheitsaufgaben (BOS) steht in Deutschland zu 98 Prozent und hat in diesem Jahr härteste Belastungsproben bestanden. Mit dieser Botschaft konnte Rolf Krost, Präsident der Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) auf dem Kommunikationskongress der Critical Communications Expo in Berlin aufwarten. Nun müsse die entscheidende Frage von Bund und Ländern beantwortet werden, wie lange dieser Digitalfunk noch betrieben werden soll.

Von 4500 Basisstationen sind derzeit 4340 Stationen an 4300 Orten in Betrieb, mit 62 Vermittlungsstellen ist die flächendeckende Funkversorgung für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste nahezu fertig. Insgesamt gibt es 564.000 eingetragene Teilnehmerstellen, darunter allein 17.300 beim Technischen Hilfswerk für die Betreuung der Flüchtlinge.

Mit der Abwicklung des G7-Treffens in Elmau habe der Digitalfunk einen neuen europäischen Rekord aufgestellt: Zeitweise waren 30.587 verschiedene Funkgeräte rund um das Alpenhotel in Einsatz, ohne dass das erheblich verstärkte BOS-Funknetz mit 27 Basisstationen zusammenbrach. Während der Olympischen Spiele in London, dem bisherigen Rekordhalter, wurden noch 25.300 Geräte eingesetzt.

Selbst beim kritisch verlaufenen Einsatz anlässlich der Eröffnung der Europäischen Zentralbank habe es das BOS-Netz geschafft, zusätzlich und ungeplant weitere 1500 Endgeräte zu unterstützen. Dennoch hätten diese Ereignisse wichtige Erkenntnisse für den künftigen gemeinsamen Einsatz der Blaulichtbehörden gebracht, erklärte Krost. So müsse bei kommenden Schulungen verstärkt die "Funkdisziplin" bei Gruppenrufen gelehrt werden. Auf der Seite der Endgeräte-Hersteller müsse das Verhalten der Funken während des Zellenwechsels geändert werden. Es gehe nicht an, dass das Gerät in kritischen Momenten mitten im Gespräch von sich aus einen Zellenwechsel durchführt und sich der Traffic dadurch "hochschaukelt".

Eine ganz andere Erkenntnis brachte das Sturmtief Niklas im Frühjahr 2015 mit Stromausfällen von 429 Basisstationen. Zwar lief die Unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV) aller Stationen klaglos an und überbrückte den Stromausfall, doch gab es Probleme mit dem Kommunikationsaufbau zu den Zugangsnetzen, weil einige Bundesländer hier kommerzielle Netzbetreiber beauftragt hatten. Diese hatten darauf verzichtet, die Netze mit USV-Pufferung und Notstromanlagen auszustatten. Krost regte an, dass die ländereigenen Übertragungsstrecken eine von den Ländern finanzierte Notstromversorgung bekommen, "damit das Funknetz auch bei großräumigen Stromausfällen weiter funktioniert".

Der Berliner Innenstaatssekretär Bernd Krömer erklärte auf dem Kongress, dass auch der BOS-Funk in Berlin mit seinen 48 Basisstationen und 16.500 Endgeräten kurz vor der Ziellinie steht. Noch fehle die Modernisierung der gemeinsamen "kooperativen Leitstelle Berlin" von Polizei und Feuerwehr an zwei Standorten, die damit die größte Leitstelle Deutschlands werde und 2024 in Betrieb gehen soll. Hier hat der BOS-Funk mit der Freigabe des Digitalfunksteckers 1.0, einer Schnittstellenbeschreibung für Leitstellen, vor Kurzem große Fortschritte gemacht.

[Update 07.10.2015 10:47]:

Die Realisierung der "kooperativen Leitstelle" Berlin mit 600 Mitarbeitern bei Polizei und Feuerwehr soll insgesamt 83 Millionen Euro kosten, wovon 47 Millionen auf Baumaßnahmen entfallen. Die Polizei Berlin plant einen Neubau, in dem auf 9000 Quadratmetern 138 Leitstellensarbeitsplätze untergebracht sind.

Die kooperative Leitstelle ist so ausgelegt, dass die Leitstellen von Feuerwehr und Polizei an beiden Standorten jeweils alle Aufgaben übernehmen könnten, sollte eine Leitstelle ausfallen. Der Echtbetrieb der kooperativen Leitstelle, die auf 3,5 Millionen Notrufe im Jahr ausgelegt ist, soll im 3. Quartal 2021 starten und bis 2024 vollumfänglich arbeiten.

Im aktuellen Stadium der "Hauptuntersuchung" der technischen Anforderungen, die Ende 2016 abgeschlossen sein sollen, beschäftigt man sich auch mit dem Datenschutz. Wie der Berliner Landesbranddirektor Wilfried Gräfling auf dem Kongress ausführte, ist den Datenschützern ein Dorn im Auge, dass Polizei und Feuerwehr mit einer gemeinsamen Datenbasis arbeiten. Deshalb untersuche man Konzepte, mit denen das behördliche Trennungsprinzip realisiert werden kann. (anw)