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Der finnische Patient

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Nokia steht wieder im Mittelpunkt – allerdings nicht so, wie es den Chefs des weltgrößten Handy-Herstellers lieb wäre. Der einst stolze Weltmarktführer wird heute als der "finnische Patient" wahrgenommen, der von kreativeren Konkurrenten abgehängt wird. Auch die Absatz- und Gewinn-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Bei Nokia muss sich etwas ändern. Am Freitag dürfte es soweit sein. Der neue Konzernchef Stephen Elop wird in London seine Strategie vorstellen. Seit Tagen wuchern Spekulationen, wie radikal der Kanadier durchgreifen wird.

Das mit Abstand beliebteste Gerücht: Nokia gibt das eigene Smartphone-Betriebssystem Symbian auf und wechselt zu Microsofts Windows Phone 7. Handfeste Belege dafür gibt es bisher keine. Da die Spekulation an sich aber so spektakulär ist, wird munter nach Argumenten gesucht. Schließlich komme Elop direkt von Microsoft und habe noch einen guten Draht zum Windows-Konzern, heißt es dann etwa. Und Microsoft könnte auch höhere Stückzahlen für sein eher zögerlich gestartetes neues Smartphone-System gebrauchen. Skeptiker verweisen darauf, dass Nokia zusammen mit Intel das eigene neue Betriebssystem MeeGo entwickelt – von dem aber wiederum bisher noch wenig zu sehen war.

Nokia hält vor dem großen Showdown am Freitag, an dem eine Analystenkonferenz angesetzt ist, extrem dicht. Jeder Krümel an Informationen erregt aufsehen. Als die Wirtschaftswoche am Wochenende aus Konzernkreisen berichtete, weitere Spitzenmanager müssten bald ihren Hut nehmen, ging die Meldung um die Welt. Dem deutschen Magazin zufolge müssten unter anderem die heutige Handy- Chefin Mary MacDowell sowie Produktions- und Logistikchef Niklas Savander gehen. Die radikalen Personalveränderungen werden auch als Zeichen für eine anstehende Strategiewende interpretiert.

Stephen Elop will seine Strategie für den finnischen Mobilfunk-Riesen vorstellen.

(Bild: dpa)

Was auch immer Elops Plan ist, er muss schnell handeln. Nokia verliert bei den zukunftsträchtigen Smartphones kontinuierlich an Boden. Alle Versuche, den Abwärtstrend mit eigenen neuen High-Tech-Handys umzukehren, schlugen bisher fehl. Das Schlussquartal 2010 markierte eine Zeitenwende: Laut Marktforschern überholten Telefone mit dem Google-Betriebssystem Android im Smartphone-Markt den langjährigen Spitzenreiter aus Finnland.

Das müsste an sich kein Drama sein, schließlich macht Konkurrent Apple vor, wie man mit einem überschaubaren Marktanteil der Top-Verdiener der Branche wird. Apple wurde seine iPhones zuletzt für 625 Dollar pro Stück los, Nokias durchschnittlicher Handy-Preis lag bei 69 Euro (derzeit rund 94 Dollar).

Natürlich kann Nokia darauf verweisen, dass ein großer Teil des Geschäfts beim Weltmarktführer billige "Brot-und-Butter"-Handys ausmachen. Damit lassen sich etwa Wachstumsmärkte wie China oder Indien beherrschen. Die Frage ist nur, wie lange das noch geht. Jetzt ist erst etwa jedes fünfte verkaufte Mobiltelefon ein Smartphone. Neueste technologische Entwicklungen deuten aber darauf hin, dass sich die Computer-Handys noch schneller ausbreiten könnten als erwartet.

So stellte der Zulieferer Broadcom eine neue Chipserie in Aussicht, mit der ein Smartphone weniger als 100 Dollar kosten könnte. Bei diesem Preis sei es "schwer vorstellbar, warum in zwei Jahren jemand noch Nicht-Smartphones im Angebot haben sollte", schrieb daraufhin Branchenexperte Horace Dediu, der einst selbst bei Nokia gearbeitet hat. (vbr)