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Der globale Liveticker: Zehn Jahre Twitter

Seit einem Jahrzehnt ist Twitter das weltweite Medium für Banales und Wichtiges, doch der Dienst steckt in einer Identitätskrise. Eine Geburtstags-Gratulation.

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"just setting up my twttr", lautete vor genau zehn Jahren Twitters "Hallo, Welt". Geschrieben hat es Jack Dorsey, einer der Gründer und der damalige Chef des Unternehmens. "Twttr", wie es damals noch der Web-2.0-Mode folgend hieß, war eigentlich ein Nebenprojekt, das Dorsey beim Podcasting-Startup Odeo entwickelte. Während Odeo längst vergessen ist, stieg Twitter kometenhaft zu einer der zehn meistbesuchten Websites der Welt auf.

Die Twitter-Startseite 2011...

Dieses Jubiläum erwischt Twitter gerade in einer Phase der Krise und des Umbruchs. Andererseits – irgendwas war ja eigentlich immer in den letzten zehn Jahren: die massenhaften Sichtungen des "Fail Whales", als die Nutzerzahlen schneller wuchsen als die Server-Kapazitäten; die API-Änderungen, wegen denen viele Drittentwickler aufgeben mussten; das Grummeln der Investoren und das Stühlerücken in der Chefetage; und natürlich das Kopfschütteln der deutschen Kultur- und Technikkritiker, die in Twitter nur eine kuriose Ausgeburt des Online-Hypes sahen.

Die Skeptiker haben nicht verstanden, was für ein großes Potenzial in einem simplen, aber stimmigen Konzept steckt. Man musste nie jemandem erklären, wie man Twitter benutzt – sondern nur, was daran so großartig sein soll. Seine Schlichtheit verlangt Twitters Nutzern ab, sich selbst die Antwort auf die Frage zu geben: Was soll ich hier?

...und 2016.

Hier mein Versuch: Twitter macht es so einfach wie noch kein Dienst zuvor, sich öffentlich zu äußern. Der Zwang, sich kürzer zu fassen als in einer SMS, wirkt befreiend beim Schreiben und verschreckt die Leser nicht – ein kleiner, genialer Kniff. Dazu kam das Follower-Prinzip, das einen halböffentlichen Raum kreiert. Man kann den Leuten, die man am interessantesten findet, beim laut Denken zuhören und mit ihnen ins Gespräch kommen. Man kann anonym bleiben oder sich öffentlich positionieren.

Auf Twitter kann man sich alles von der Seele schreiben, was nicht privat bleiben muss und in die kleine Textbox passt. Es ist Tagebuch, Linkschleuder und öffentliches Fotoalbum. Die Worte "twittern", "Tweet" und "Hashtag" gingen in die Alltagssprache ein. Um Twitter herum entstand ein Ökosystem an Drittanwendungen, Konkurrenten wie Identica, Google Buzz und App.net kamen und gingen. Unternehmen und Social-Media-Berater sprangen auf den Zug auf. Twitter ist nicht nur der Ort für lustige Fotos, Befindlichkeitsprosa und Eigenwerbung, sondern erlaubt auch Echtzeit-Einblicke in Ereignisse aus aller Welt aus Sicht der Beteiligten – es ist ein globaler Liveticker.

Doch der niedrigschwellig erreichbare Gestaltungsraum, den Twitter der Gesellschaft brachte, zeigt in den letzten Jahren verstärkt ein unschönes Gesicht. Twitters rasender Puls sorgte bei manchen Medien für Schnappatmung und machte Journalismus schneller, aber nicht notwendig besser. 140 Zeichen sind Platz genug für Wut, Ausgrenzung und eine hämische Pointe, reichen aber kaum für Differenzierung. Netzwerkeffekte können in einem halböffentlichen Raum Diskussionen entgleisen lassen, sie können Hass schüren und aus nichtigen Anlässen Existenzen zerstören.

Aber das ist nicht Twitters Schuld, sondern die seiner Nutzer. Hausgemacht ist dagegen ein anderes Problem: die ewigen Diskussionen über eine Umstellung der Timeline. Schon jetzt brechen die "Während du weg warst"-Hinweise die streng chronologische Reihenfolge auf, die so gut zu Twitters geradlinigen Charakter passt.

Mit dieser dürfte es früher oder später vorbei sein – Instagram macht es gerade vor. Das Twitter-Management verspricht sich davon, neue Nutzer durch interessantere Nachrichten anzusprechen. Während Twitter-Einsteiger früher vom rasenden Nachrichtenstrom begrüßt wurden, sind heute die Erlebnishäppchen vorkonfektioniert: Ohne Login zeigt die Startseite Fußball, Games und Schminktipps. Um bei der Orientierung zu helfen, hat Twitter die Wände der Filterblasen verstärkt.

Vorbild dafür ist natürlich Facebook. Twitter wäre so gerne wie Facebook, denn dieses erreicht mehr Menschen und macht viel mehr Geld mit ihnen. Die Investoren, die jahrelang Twitters rasantes Wachstum ermöglicht haben, wollen Geld sehen – die Monetarisierung war immer schon Twitters schwache Seite. Und im neurotischen Turbokapitalismus des Silicon Valley zählen stabiles Wachstum und zufriedene Nutzer wenig, unter "Disruption" und Weltherrschaft geht es nicht. Wer nicht jedes Jahr ein paar hundert Millionen neue User-Seelen anschleppt, ist abgemeldet.

Und so gratuliere ich meinem einstigen Lieblings-Social-Medium ein bisschen besorgt. In zehn Jahren wird sich zeigen, ob Twitter eher den Weg Facebooks oder den vonMySpace eingeschlagen haben wird – oder ob es, o Wunder, seinen einzigartigen Charakter behält.

Der Autor auf Twitter: @wortwart (Herbert Braun) / (axk)

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