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Deutsche DVDs mit neuer Kopiersperre [Update]

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Von der in c't 10/2007 erwähnten neuen DVD-Kopiersperre sind mehr Titel betroffen als bislang angenommen. Mindestens vier deutsche Videoverleihe machen von der gleichen Sperre Gebrauch: Concorde Home Entertainment, Constantin Film, EuroVideo und Universal Pictures. Bis zum Redaktionsschluss des Heftes waren weder Constantin Film noch EuroVideo bereit, Namen oder Hersteller der Kopiersperre zu nennen. Dies hat sich inzwischen geändert. Die von den Unternehmen eingesetzte Sperre heißt DVD-Movie-Protect und stammt von der in München ansässigen X-Protect GmbH.

Der neue Schutzmechanismus unterscheidet sich von vorangegangenen Ansätzen dadurch, dass die Inhaltsverzeichnisse der geschützten DVDs unterschiedlich manipuliert werden. DVD-Playern soll der Schutz laut Auskunft von X-Protect keine Schwierigkeiten bereiten – die Manipulationen sind ausschließlich darauf ausgelegt, DVD-Kopierprogramme aus dem Tritt zu bringen.

Zwar beschweren sich Anwender in diversen Foren über Probleme bei der Wiedergabe, konkrete Verweise auf betroffene Player sind jedoch Mangelware. Dazu passt auch die Aussage von X-Protect, man habe die Kompatibilität von DVD-Movie-Protect zu den am Markt verfügbaren DVD-Playern von internationalen Test-Centern ausgiebig überprüfen lassen. Die von X-Protect eingesetzten Mechanismen seien zu wesentlich mehr Geräten kompatibel als konkurrierende Verfahren.

Am PC sieht die Lage jedoch anders aus. Unter Mac OS X gab der im Betriebssystem enthaltene Software-Player die beiden von heise online überprüften Titel "Das Parfum" und "Wer früher stirbt, ist länger tot" ohne Schwierigkeiten wieder. Unter Windows zeigten PowerDVD und WinDVD keine Probleme mit der Wiedergabe – mit einer Ausnahme: die Retail-Version von PowerDVD 5 zeigt nur ein schwarzes Fenster. Ein Patch von der Hersteller-Seite beseitigt dieses Problem jedoch, danach gibt auch PowerDVD 5 die mit DVD-Movie-Protect behandelten Titel wieder.

Die Media Center Edition (MCE) von Windows XP zeigte sich komplett außerstande, die genannten Video-DVDs wiederzugeben – trotz installiertem MPEG-2-Plug-in. Von dieser Situation sind alle Frontends zur DVD-Wiedergabe betroffen, die das Medium über das Dateisystem ansteuern, darunter Windows Media Player, Media Player Classic und Zoom Player.

Aber auch der kommerzielle Software-DVD-Player TheaterTek DVD bleibt beim Start von "Wer früher stirbt..." mit einem schwarzen Bildschirm stehen und bricht bei "Das Parfum" nach dem Dolby-Trailer die Wiedergabe ab. Die Media-Center-Oberfläche von Windows Vista Home Premium und Ultimate gab die überprüften DVDs dagegen auf Anhieb ohne Murren wieder. Der von Microsoft mitgelieferte DVD-Decoder steuert die Medien offenbar wie PowerDVD und WinDVD an.

Die meisten Video-DVDs enthalten zwei Inhaltsverzeichnisse, eines für das UDF-Dateisystem und eines im älteren ISO-Format. DVD-Player orientieren sich üblicherweise jedoch nicht am Dateisystem, sondern hangeln sich der DVD-Norm entsprechend anhand der in IFO-Dateien gespeicherten Inhaltsverzeichnisse zum Film durch. Mit DVD-Movie-Protect geschützte Medien enthalten zwei unterschiedliche Inhaltsverzeichnisse mit widersprüchlichen Fehlinformationen. So zeigt Windows XP etwa an, dass die Daten auf dem Medium 15,2 GByte belegen – auf eine zweilagige DVD passen maximal 8,4 GByte. Die IFO-Datei mit dem Inhaltsverzeichnis, das zum Hauptfilm führt, ist Windows zufolge 0 Byte groß. Kein Wunder, dass sich mancher Player an derart präparierten DVDs verschluckt.

Nach eigenen Angaben hat X-Protect die Probleme mit Windows XP MCE mittlerweile beseitigt. Bei neueren, mit DVD-Movie-Protect geschützten DVDs soll auch die Wiedergabe mit dem Windows Media Player und den genannten Frontends funktionieren. Weiterhin gesperrt bleibt aber die Wiedergabe über den beliebten Media-Client VLC Media Player. Auch andere Programme aus dem Open-Source-Sektor wie Mplayer und MythTV können die von X-Protect behandelten Scheiben nicht wiedergeben. Der Hersteller zeigt auch kein Interesse daran, dies zu ermöglichen – zu groß erscheint das Risiko, damit auch DVD-Kopierwerkzeugen den Weg zum geschützten Inhalt aufzuschließen.

Bisher ist bekannt, dass die Kopiersperre auf folgenden Titeln verwendet wird: [Update: Aktualisierte Titel in Fettschrift]

  • 7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug (Universal Pictures)
  • Das Parfum: Die Geschichte eines Mörders (Constantin Film)
  • Der Fluch – The Grudge 2 (Constantin Film)
  • Silent Hill: Willkommen in der Hölle (Concorde Home Entertainment)
  • TKKG: Das Geheimnis um die rätselhafte Mind-Machine (Constantin Film)
  • Wer früher stirbt, ist länger tot (EuroVideo Bildprogramm)

Constantin Film und EuroVideo betonen, man werde von Wiedergabeproblemen betroffene Kunden "intensiv und umfassend" betreuen. Einer Stellungnahme der beiden Verleihfirmen zufolge werde jede Reklamation im Detail technisch überprüft: "Selbstverständlich werden Alternativen angeboten, auch Umtausch." Auf Rückfrage hin erklärte EuroVideo jedoch, dass mit Umtausch nicht gemeint sei, dass mit X-Protect versehene DVDs gegen denselben Titel ohne Schutz ausgetauscht werden.

In den USA sah sich Sony vor kurzem dazu genötigt, mit der hauseigenen Kopiersperre Arccos versehene aktuelle DVDs umzutauschen, unter anderem den James-Bond-Neuaufguss "Casino Royale". Zu viele Kunden hatten mit Wiedergabeproblemen auf ihren Heim-Playern kämpfen müssen, darunter Geräte von Pioneer und Sony. In den USA versprach Sony, den betroffenen Kunden Ersatz-DVDs mit einer weniger rabiaten Version der Kopiersperre zuzusenden. Hierzulande gibt es aus Sicht von Constantin Film, EuroVideo und X-Protect für ein derartiges Angebot keinen Anlass: "Die Anzahl der Beschwerden bezüglich Kopierschutz bewegt sich bei 0,006 Prozent." Wem also ein per DVD-Movie-Protect geschütztes Medium Probleme bereitet, der kann derzeit nicht auf eine korrigierte Auflage hoffen. (ghi)