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Deutsche Digitale Bibliothek geht ans Netz

Nach fünf Jahren Aufbauzeit und einigen Verzögerungen haben Vertreter von Bund und Ländern am Mittwoch im Alten Museum in Berlin den Startschuss für die Beta-Version der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) gegeben. In der Testphase für das geplante Zugangsportal zu Kultur und Wissen hierzulande bietet die DDB zunächst Zugriff auf etwa 5,6 Millionen Datensätze. Sie stammen aus rund 90 Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen wie Museen, Archiven oder Bibliotheken. Es ist vorgesehen, dass sich insgesamt bis zu 30.000 Einrichtungen an dem Netzwerk beteiligen. 1800 Institute sind derzeit bei der DDB registriert.

Endlich zumindest ein Beta-Start für die DDB: Jill Cousins, geschäftsführende Direktorin der Europeana-Stiftung sowie Hermann Parzinger, Elke Harjes-Ecker und Matthias Harbort aus dem DDB-Kompetenznetzwerk (v.l.n.r.)

(Bild: Stefan Krempl / heise online)

Matthias Harbort, Referatsleiter beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, sprach von einem "Jahrhundertwerk", an dem künftig alle Bürger mitwirken sollten. Nutzer könnten sich bereits jetzt eigene virtuelle Sammlungen anlegen. Später solle es möglich sein, eigene "erlesene Privatsammlungen von Gemälden und Schmuck" oder von Alltagsgegenständen der Öffentlichkeit zugänglich machen. Es müssten aber Werke sein, "die wissenschaftlich erschlossen und jugendfrei sind", schränkte Hermann Parzinger ein, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Sprecher des Vorstands des Kompetenznetzwerks der DDB.

Prinzipiell bezeichnete es Harbort als "genuin öffentliche Aufgabe, das nationale Erbe zu bewahren". Damit verknüpft sei das wichtige medienpolitische Ziel, die Chancen der Digitalisierung möglichst allen zu öffnen und so zur Meinungs- und Willensbildung in der Demokratie beizutragen. Die DDB folge so "keiner wirtschaftlichen Logik". Es gehe nicht um Maximierung von Klickzahlen wie bei gängigen Suchmaschinen, sondern um die "höchste Qualität für jedermann". So bleibe auch Raum für "Abseitiges und Sperriges".

Die DDB sei als offenes System konzipiert. Spätestens mit dem in einem Jahr angestrebten Regelbetrieb seien ganz neue Formen der Präsentation, Suche und Verarbeitung von Inhalten vorgesehen. Semantische Bezüge sollten unerwartete Inhalte erschließen, was ein Alleinstellungsmerkmal der digitalen Bibliothek darstelle. Es blieben auch für die Kooperation mit privaten Partnern große Spielräume. Unternehmen seien "jederzeit eingeladen, sich an der Digitalisierung von Kulturgütern zu beteiligen. Da die DDB auch für Kinder und Jugendliche große Bedeutung als neues Instrument der kulturellen Bildung habe, sei für diese Zielgruppe ein eigenes Portal in Auftrag gegeben worden. Dieses werde voraussichtlich im ersten Halbjahr 2013 freigeschaltet.

Ziel der DDB ist es, jedermann über das Internet freien Zugang zum kulturellen und wissenschaftlichen Erbe Deutschlands zu eröffnen, also zu Millionen von Büchern, Archivalien, Bildern, Skulpturen, Musikstücken und anderen Tondokumenten, Filmen und Noten. Schon jetzt können darüber neben traditionellen Kunstwerken und Gemälden etwa Stummfilmklassiker wie Hamlet von 1921, in der Asta Nielsen, die den Film auch produzierte, den Hamlet spielt, genauso genossen werden wie alte, ursprünglich auf Schellackplatten gebannte Aufnahmen des Weihnachtsoratoriums. Auch Fotos von Fußballkämpen wie Joachim Löw oder Karl-Heinz Rummenigge aus ihren Jugendjahren sind zu finden. Als zentrales nationales Web-Portal soll das System perspektivisch alle deutschen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen sowie deren digitale Angebote miteinander vernetzen.

Die virtuelle Institution kam zuletzt aber eher langsam voran. So war zum Beispiel eine Ausschreibung für einen großen Partner aus der Wirtschaft ergebnislos zurückgezogen worden. Offenbar fanden weder Google noch andere Unternehmen die verlangte Digitalisierung auf eigene Kosten attraktiv. Der Weg sei seit 2010 unter der Koordination der Deutschen Nationalbibliothek "sehr intensiv" gewesen, meinte Parzinger nun. Es handle sich um ein "hochkomplexes Unternehmen", in dem verschiedene Datenformate und Metadaten zusammenzubringen seien. Die erste Vorstufe habe das Fraunhofer-Institut für intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS) entwickelt; technischer Betreiber der zentralen Infrastruktur sei nun das Leibnitz-Institut FIZ in Karlsruhe. Für Qualität, Seriosität und Verlässlichkeit der Inhalte stünden die deutschen Kultureinrichtungen: "Sie können sich auf das verlassen, was sie finden."

Die DDB fungiert auch als nationale Schnittstelle für die Europeana. In die 2008 ins Leben gerufene europäische digitale Bibliothek stellen Institutionen aus mittlerweile 35 europäischen Staaten ihre Schätze ein. Mittlerweile sind in ihr mehr als 20 Millionen digitale Objekte versammelt. Mit seinem Beitrag von knapp 3,5 Millionen Verweisen ist Deutschland derzeit Spitzenreiter bei dem Großprojekt. Jill Cousins, geschäftsführender Direktor der Europeana-Stiftung, zeigte Verständnis dafür, dass nationale digitale Bibliotheken erst nach und nach ihre "elektronischen Wunderkammern" öffnen: "Das braucht Zeit." Sie sei sich sicher, dass die DBB im Gegensatz zur Europeana nicht gleich nach dem Start dem Ansturm der Besucher nicht standhalten werde.

Der Deutsche Bibliotheksverband (dbv) begrüßte den "wichtigen Meilenstein bei der Digitalisierung der Medienbestände hierzulande". Die Entwicklung sei für viele Mitglieder aber schwer umzusetzen, da das Erstellen der Digitalisate aufwendig ist. Diese Arbeiten werden derzeit aus dem Bibliotheksetat und aus Drittmitteln finanziert. Vor allem die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert einschlägige Projekte. Nach Ansicht des dbv sind in den kommenden fünf Jahren weitere zehn Millionen Euro aus Bundesmitteln jährlich nötig, um allein die Bibliotheksbestände angemessen zu digitalisieren. Für den Aufbau der Infrastruktur der DDB hat der Bund bislang acht Millionen Euro zur Verfügung gestellt; bis 2016 sind gemeinsam mit den Ländern 2,6 Millionen Euro jährlich für den Betrieb zugesichert.

Am weitesten fortgeschritten ist die Bayerische Staatsbibliothek, die mit Google kooperiert. Knapp 860.000 Werke stehen dort mittlerweile digital zur Verfügung. Anfang 2014 sollen es eine Million sein. Die Münchner bieten unter anderem Apps wie "Famous Books" an, für die 52 digitalisierte Spitzenstücke die Gutenberg-Bibel, der Babylonische Talmud oder das Geheime Ehrenbuch der Fugger zusammengestellt wurden. Sie sind auch größter Lieferant digitaler Texte bei der DDB.

Für dringend nötig erachten Bibliotheksvertreter die auf EU-Ebene bereits unter Dach und Fach gebrachte Novellierung des Urheberrechts, um verwaiste Werke einfacher digitalisieren zu können. Laut der entsprechenden Richtlinie sollen Schöpfungen, deren Urheber nicht mehr ausfindig zu machen sind, künftig für nicht-kommerzielle Zwecke im Internet verwendet werden dürfen. National müssen die Vorgaben noch umgesetzt werden. "Bisher können wir nur gemeinfreie Werke präsentieren", erklärte Parzinger. Es sei daher vordringlich zu klären, "wie wir mit dem Urheberrecht umgehen können". Ein "großes Loch im 20. Jahrhundert" sei nicht wünschenswert.

Siehe dazu auch:

(Stefan Krempl) / (jk)
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