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Deutsches Bildungssystem weiter auf Talfahrt

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Die PISA-Studie, die 2000 veröffentlicht wurde, war schon ein deutliches Signal für die Bildungspolitik in Deutschland. Auch in der Ergänzungsstudie von 2003 gab es für Deutschland, das hier immerhin noch einen mittleren Rang unter den 43 untersuchten Ländern belegte, schlechte Noten. In der Lesekompetenz erreichte Deutschland Platz 22, in Mathematik und Wissenschaften Platz 21. Zudem wurde erneut die Bildungspolitik wegen mangelnder Chancengleichheit kritisiert. In Deutschland sei die soziale Herkunft entscheidender für den schulischen Erfolg als in vielen anderen Ländern. Auch gibt es in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern und im Hinblick auf die für eine Wissensgesellschaft notwendige "Ressource" Bildung zu wenige Menschen mit einem höheren Schulabschluss und infolgedessen auch zu wenige Studenten und Hochschulabsolventen.

Nach einer im Frühjahr 2006 veröffentlichten Studie, die Andreas Schleicher, Leiter des OECD-Programms zur Bewertung der internationalen Schülerleistungen (PISA) bei der OECD für den Lisbon Council angefertigt hatte, gab es schon deutliche Hinweise, dass nicht nur das Schul-, sondern eben auch das Hochschulsystem schwere Mängel hat, und droht, hinter dem der anderen Länder noch weiter zurückzufallen. Aufsteiger sind vor allem die asiatischen und nordeuropäischen Länder. Während beispielsweise Südkorea mittlerweile auf dem dritten Platz in den OECD-Ländern liegt, was das Verhältnis von Hochschulabgängern bei den 25- bis 34-Jährigen betrifft, und sich auch Irland, Portugal und Spanien verbessert haben, konnten sich Großbritannien, Frankreich oder Italien im Hinblick auf die 60er-Jahre zumindest halten. Deutschland hingegen ist von Platz 14 auf Platz 23 (von 30) zurückgefallen. Die USA bleiben weiterhin stark bei den Hochschulabgängern, vor allem die nordeuropäischen Länder haben aber auf- und überholt. Hier gehen bereits zwei Drittel aller Schulabgänger auf Hochschulen, in Frankreich und Deutschland nur knapp mehr als die Hälfte. Die beiden wirtschaftlich noch immer starken Länder gehören, so der Bericht, "nicht mehr zu den weltweit führenden Ländern bei der Entwicklung von Wissen und Qualifikationen".

In dem jetzt veröffentlichten neuen Bericht der OECD gibt es wiederum schlechte Nachrichten für Deutschlands Bildungspolitik. Allerdings heißt es allgemein, dass Europa und die USA von den asiatischen OECD-Ländern überholt werden. In Südkorea besitzen 97 Prozent aller Koreaner der Altersgruppe 25 bis 34 Jahre einen Abschluss der Sekundarstufe II, die höchste Quote unter den OECD-Ländern, in Deutschland sind es 85 Prozent, was über dem Durchschnitt liegt. Was die Hochschulausbildung betrifft, sieht es jedoch düsterer aus. Die Quote der Deutschen mit einem tertiären Abschluss liegt bei den 25- bis 34-Jährigen bei 24 Prozent, im OECD-Mittel bei 31 Prozent. "Allein zwischen 1995 und 2004 hat sich", so der Bericht, "die Zahl der Studierenden an Universitäten und Hochschulen in China und Malaysia mehr als verdoppelt, und in Thailand und Indien ist sie um 83 Prozent respektive 51 Prozent gestiegen." Zudem lagen die Schüler der asiatischen Länder bei PISA in der Spitzengruppe. In fast allen Ländern holen allerdings Frauen gegenüber den Männern auf, in den meisten sind die Abschlussquoten im Sekundarbereich II bereits bei Mädchen größer als bei den Jungen.

Die Bildungssysteme sind sehr unterschiedlich, ebenso unterschiedlich sind die Ausgaben. Durchschnittlich betragen die privaten und öffentlichen Aufwendungen für das Bildungssystem in den OECD-Ländern 5,9 Prozent des BIP, Deutschland liegt mit 5,3 Prozent unter dem Durchschnitt, zudem stagnieren hier die Ausgaben, während sie in anderen Ländern ansteigen. Auch Weiterbildungsmaßnahmen sind in Deutschland mangelhaft. Dass höhere Bildung wichtig ist, zeigt auch, dass in den OECD-Ländern von allen Menschen mit einer Hochschulausbildung 84 Prozent einen Arbeitsplatz haben, von denjenigen mit einem Abschluss in der Sekundarstufe II jedoch nur 54 Prozent. Deutschland fällt bei der Zahl der Abschlüsse an Hochschulen und Fachhochschulen zurück, das gilt auch allgemein für die Bildungsbeteiligung und die Zahl der Studienanfänger. Ein Problem stellt dabei auch die demografische Entwicklung dar. Zwar ist die Beteiligungsquote in Hoch- und Fachhochschulen zwischen 1995 und 2004 um 24 Prozent gestiegen, aber der Anteil der entsprechenden Altersgruppen um 16 Prozent gesunken: "Im Ergebnis stieg die Zahl der Studierenden im Tertiärbereich zwischen 1995 und 2004 deswegen lediglich um 8 Prozent, während im OECD-Mittel im gleichen Zeitraum eine Zuwachsrate von 49 Prozent verzeichnet wurde."

Um nicht noch weiter zurückzufallen, müsste die Zahl der Studienanfänger sehr viel stärker als in den letzten Jahren wachsen, empfiehlt die OECD. Die neuen Studiengänge (Bachelor und Masters) seien zwar der richtige Weg und könnten die hohe Zahl der Studienabbrecher ein wenig bremsen, notwendig sei aber die Schaffung eines vielfältigen, schnell auf Veränderungen reagierenden Hochschulangebots, flexiblere Studiengänge und stärkere Anreize. Ein Problem sind aber auch die langen Schul- und Studienzeiten, die das deutsche Bildungssystem teurer und ineffektiver als in vielen anderen Ländern machen. Im Bericht heißt es beispielsweise lakonisch: "Unterdurchschnittliche Ausgaben pro Schüler im Primar- und Sekundarbereich I, verbunden mit überdurchschnittlichen Lehrergehältern werden in Deutschland durch hohe Schüler/Lehrer-Quoten und wesentlich weniger Unterrichtszeit in den ersten Schuljahren sowie vergleichsweise geringere Ausgaben für Sachaufwendungen kompensiert, was ungünstige Lernvoraussetzungen schafft." In Deutschland lag die Studienanfängerquote 2004 bei 37 Prozent, im OECD-Durchschnitt liegt sie bei 50 Prozent eines Jahrgangs, in manchen Ländern wie Australien, Island, Neuseeland, Schweden, Finnland und Polen bereits bei 70 Prozent. Weniger Akademiker als in Deutschland werden nur in den drei OECD-Ländern Österreich, Tschechische Republik und der Türkei ausgebildet. (fr)

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