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Deutschland, ein Fintech-Märchen? Bundesregierung hofft auf Boom

Fintechs wollen die Finanzwelt mit neuen Ideen aufrollen – und die Bundesregierung hofft auf einen Boom der jungen Firmen. Deutschland sei schließlich bestens gerüstet als Standort für innovative Finanztechnologien.

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Hoffen auf den Fintech-Boom: Staatssekretär Jens Spahn (CDU).

(Bild: heise online/axk)

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Ob digitale Zahlung, Kredit oder Geldanlage – die Fintechs genannten Startup-Firmen wollen den etablierten Banken und Finanzdienstleistern das Geschäft streitig machen. Mit Smartphone-Apps, Webdiensten, Crowd-Plattformen und Programmierschnittstellen soll die staubige Finanzwelt „disruptiert“ werden. Die Bundesregierung sieht offenbar großes Potenzial für den Wirtschaftsstandort Deutschland in diesen Firmen: Einer aktuellen Studie im Auftrag des Finanzministeriums zufolge könnten sie bis 2035 ein Marktvolumen von 148 Milliarden Euro erreichen. Aktuell beliefe sich das noch auf 2 Milliarden Euro.

Jens Spahn (CDU), Staatssekretär im Finanzministerium, stellte die Studie am gestrigen Dienstag auf der Hub Conference des Digitalverbands Bitkom in Berlin vor – und betonte dabei, dass man auf dem richtigen Weg sei. "Für Fintech-Unternehmen ist Deutschland eines der attraktivsten Länder weltweit. Das zeigt das Gutachten deutlich – die Wachstumsraten des Sektors sind beeindruckend“, sagte er. Auch im globalen Vergleich habe man zunehmend aufgeholt.

Besonders legte der Bereich der sogenannten Robo-Advisor zu, bei dem die Anlageberatung automatisiert durch Software erfolgt. Die Kunden werden dabei meist ihren abgefragten Neigungen entsprechend in Portfolios aus sogenannten ETFs gelotst. Zwischen 2007 und 2015, dem Zeitraum der Studie, ließ sich in diesem Segment ein Wachstum ums Zehnfache feststellen. 2015 wurden so 360 Millionen Euro an Vermögen bei Social-Trading-Plattformen und Robo-Advisor-Firmen verwaltet.

Dazu kamen in dem Jahr 270 Millionen Euro an Finanzierungen über Crowdfundingplattformen und nicht zuletzt 17 Milliarden Euro über Fintech-Bezahldienste abgewickelte Transaktionsvolumina. Gemessen an dem, was die großen Banken abwickeln, wird das wohl noch im Bereich Peanuts liegen.

Allerdings sind die Banken auch längst auf den rollenden Zug aufgesprungen. Sie agieren wie etwa die Deutsche Bank mit ihrer Digitalfabrik als Kooperationspartner und Investor – wohl auch um sich selber die Modernisierung zu injizieren, die man aus eigener Kraft nicht hervorbringen kann. So sprach etwa Carsten Kengeter, Vorstandvorsitzender der Deutschen Börse, in seinem Konferenzvortrag von der "monolithischen Kultur“ im eigenen Unternehmen und lobte die Möglichkeiten, die aus Kooperationen mit jungen Startups entstünden. 87 Prozent der für die Studie befragten Banken arbeiten so inzwischen mit Fintechs zusammen. Insgesamt 346 Fintech-Unternehmen will man gezählt haben, womit Deutschland auf Platz zwei hinter Großbritannien liege.

Auch wenn im globalen Vergleich noch nicht die ganz großen Brötchen gebacken werden, in Europa könnte Deutschland 2016 aber zumindest in Sachen Risikokapital für Fintechs die Führung übernehmen. 421 Millionen Euro flossen nämlich laut einer anderen Studie von der Unternehmensberatung Ey allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres in hiesige Startups, die den Finanzmarkt aufrollen wollen. Damit lag Deutschland erstmals vor Großbritannien. Vor allem Berlin als Startup-Hauptstadt sowie Frankfurt als Bankenzentrum sind dabei vorn. Letztere ist seit kurzem auch Fintech-Standort des neuen "de:hub"-Programms der Bundesregierung.

Auf der anderen Seite geht die Ey-Studie aber von einem deutlich geringerem Investitionsvolumen als im Vorjahr aus. Und eine weitere Studie von KPMG sieht im dritten Quartal weltweit einen klaren Abschwung bei den Investitionen. Verliert der Boom schon an Kraft? Die Akteure aus der Fintech-Szene klangen auf der Bitkom-Konferenz jedenfalls nicht so enthusiastisch wie Jens Spahn: Es mangele an Finanzierungsquellen, gerade wenn es über den sechsstelligen Bereich hinaus gehen soll, klagte Ramin Niroumand von Finleap. Generell seien die steuerlichen Regelungen in Deutschland ein Alptraum für Risikokapitalgeber, sekundierte ihm Cosmin Ene von Laterpay. Nur mit Neuregelungen könne man im Wettbewerb mit Asien und den USA bestehen.

Auch in Sachen Personal habe man zu kämpfen: Während es im Bereich Fin noch ganz gut klappe, da zahlreiche junge Banker Lust auf Startup-Luft hätten, sehe es bei Tech ganz anders aus. Hier helfe oft nur der Fachkräfte-Import aus Osteuropa oder per Bluecard aus Indien. Oder gleich die Dezentralisierung in Form eines weltweit agierenden Teams, das dann über Chat- und Projektmanagementtools wie Slack die Arbeit koordiniert, wie es eigener Aussage nach Laterpay exerziert.

Staatssekretär Spahn räumte bei der Fachkräftemigration Defizite ein, weniger durch bestehende Gesetze, sondern eher durch die verantwortlichen Behörden, denen es an "Willkommenskultur“ mangele. In Sachen Risikokapital hielt er Rufen nach dem Staat entgegen, dass die Bankenwelt erst vor wenigen Jahren mit massivem Einsatz von Steuermilliarden vor dem Untergang gerettet wurde. Es wäre an den großen Banken, Fonds aufzulegen und die Szene zu finanzieren.

Zum Gutachten aus dem Ministerium ist noch anzumerken, dass die eingangs erwähnten 148 Milliarden Euro Marktvolumen im Jahr 2035 nur das Basisszenario der Prognose bilden. Das optimistische Szenario geht sogar von 847 Milliarden Euro aus, das pessimistische hingegen nur von 5 Milliarden. Ein ziemlich breiter Möglichkeitsraum. Ob es 2035 in Fintech-Deutschland regnet oder doch die Sonne scheint, könnte also sehr vom Wetter abhängen.

Als Erkenntnis bleibt: Wenn der Finanzsektor von Tech-Startups aufgerollt und der Kuchen neu verteilt wird, dann will man in Deutschland vorne dabei sein und nicht schon wieder die Chancen des Internets verschlafen. Einmal zehn Jahre zu spät kommen, wie im Fall der um Relevanz kämpfenden deutschen Paypal-Alternative Paydirekt, hat vielleicht doch gereicht. (axk)