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Deutschland sperrt Luftraum für Flugzeuge des Typs Boeing 737 Max

Nach dem zweiten Absturz einer Boeing 737 Max 8 ziehen die deutschen Behörden Konsequenzen. Auch die EU-Luftfahrtbehörde handelt.

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Deutschland sperrt Luftraum für Boeing 737 Max

TUI lässt seine Maschinen des Typs Boeing 737 Max 8 vorerst am Boden. Gut zu sehen: die vor die Tragfläche verschobenen Triebwerke.

(Bild: Boeing)

Nach dem Absturz einer Boeing 737 Max 8 der Ethiopian Airlines sperrt Deutschland seinen Luftraum für Flugzeuge dieses Typs. Das bestätigte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums am Dienstag in Berlin. "Sicherheit geht absolut vor", hatte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) zuvor gegenüber dem Sender ntv gesagt. "Bis alle Zweifel ausgeräumt sind, habe ich veranlasst, dass der deutsche Luftraum für die Boeing 737 Max ab sofort gesperrt wird."

Am Dienstagabend hat auch die Europäische Luftfahrtbehörde EASA den Flugzeugen der Typen Boeing 737 Max 8 and 737 Max 9 die Betriebsgenehmigung für die EU entzogen. Auch Airlines von außerhalb der EU dürfen mit diesen Maschinen nicht in den EU-Luftraum fliegen. Das als "Vorsichtsmaßnahme" verhängte Flugverbot gilt ab 20.00 Uhr deutscher Zeit, teilte die Behörde mit. Die EASA will die Entwicklung aber weiter analysieren und betont, es sei noch zu früh, um Schlüsse hinsichtlich der Absturzursache des Ethiopian-Flugzeugs zu ziehen.

Am Sonntag war eine Boeing 737 Max 8 von Ethiopian Airlines in Äthiopien abgestürzt, 157 Menschen kamen ums Leben. Im Oktober 2018 waren beim Absturz einer baugleichen Maschine der Fluggesellschaft Lion Air in Indonesien 189 Menschen gestorben. Bei dem Absturz der Lion-Air-Maschine bestand nach bisherigen Untersuchungsergebnissen ein Zusammenhang mit fehlerhaften Sensordaten und dem Verhalten eines von Boeing für den Typ entworfenen Systems zum Schutz vor Strömungsabriss. Ob dies bei dem Unglück in Äthiopien auch eine Rolle gespielt hat, ist zur Stunde noch völlig offen.

Nach dem zweiten Unglück mit einer Boeing 737 Max 8 hatten mehrere Länder und Airlines am Montag beschlossen, zunächst keine Flugzeuge des Typs mehr fliegen zu lassen. Nachdem am Montag China, Äthiopien, Indonesien und Marokko ein Flugverbot erlassen hatten, folgten am Dienstag unter anderem Großbritannien, Frankreich, Italien, die Niederlande, Österreich, Irland, Australien und das südostasiatische Drehkreuz Singapur. Auch die Billigfluglinie Norwegian hatte angekündigt, ihre 18 Maschinen des Typs am Boden zu lassen.

Der Tui-Konzern hat bei seinen Airlines in Großbritannien und den Benelux-Ländern insgesamt 15 Maschinen des Typs im Einsatz, die jetzt am Boden bleiben. Die deutsche Tochter Tuifly will ihre erste Maschine der Reihe nach bisherigen Stand am 13. April in den Dienst stellen – sie soll diese Woche in Seattle übergeben werden und dann leer nach Deutschland fliegen. "Es steht nun aber zu befürchten, dass sich das verschiebt", sagte der Tuifly-Sprecher.

Die Lufthansa und ihre Tochtergesellschaften Eurowings, Brussels Airlines, Swiss und Austrian Airlines haben keine Maschinen dieses Typs in der Flotte. Der Billigflieger Ryanair setzt bisher ausschließlich auf das ältere Modell Boeing 737-800. Konkurrent Easyjet hat nur Maschinen von Airbus in der Flotte.

Noch am Montag hatte die US-Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) die Betriebserlaubnis der Boeing 737 Max 8 bestätigt. Für einen möglichen Zusammenhang mit dem jüngsten Unglück gebe es aber noch keine Hinweise, betonte die Behörde: "Uns liegen bislang keine Daten vor, um Schlussfolgerungen zu ziehen oder Maßnahmen zu ergreifen." Die nordamerikanischen Fluggesellschaften American Airlines, Southwest Airlines und Air Canada lassen die 737 Max weiter fliegen.

Doch viele Länder folgen diesmal nicht der Linie der FAA und haben eigene Maßnahmen in die Wege geleitet. "Wir nehmen zur Kenntnis, dass Behörden und unsere Kunden Entscheidungen getroffen haben, die sie für ihre Heimatmärkte für angebracht halten", teilte Boeing dazu mit. Der Hersteller will mit allen Parteien weiter im engen Austausch bleiben und betont, dass die FAA noch keine Maßnahmen ergriffen hat. "Auf dieser Grundlage haben wir derzeit keine neuen Empfehlungen für unsere Kunden".

Die 737 Max ist eine Weiterentwicklung des seit 1968 fliegenden Arbeitspferds von Boeing und seit Sommer 2017 im Einsatz. Sie ist mit modernen Mantelstrom-Triebwerken mit besonders hohem Nebenstromverhältnis ausgerüstet. Damit diese großen Triebwerke an die relativ kurzbeinige 737 passen, hat Boeing bei der Max die Gondeln für die Turbinen nach vorne versetzt. Damit verschiebt sich auch der Schwerpunkt der Maschine und die Flugeigenschaften ändern sich. In bestimmten Fluglagen erhöht sich zudem der Auftrieb durch die abgeflachte Unterseite der Triebwerke.

Um unerwünschte Nebeneffekte des neuen Designs auszugleichen, hat Boeing bei der Max ein System namens Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS) eingeführt, das bei bestimmten Fluglagen mit Korrekturen des Einstellwinkels des Höhenleitwerks die Maschine vor einem Strömungsabriss schützen soll. Dieses System hat ersten Untersuchungsergebnissen zufolge beim Absturz der Lion-Air-Maschine eine Rolle gespielt, weil es mit fehlerhaften Daten aus einem defekten Sensor gefüttert worden war. Danach hatte die FAA Boeing angewiesen, die Software zu ändern. Das soll bis April passieren, wie die Behörde und der Hersteller nun noch einmal betonten.

Dass Boeing diesen Weg gewählt hat, anstatt die 737 Max 8 zum Beispiel mit einem neuen, höheren Fahrwerk auszustatten, könnte an den Zulassungsbedingungen liegen. Ohne große konstruktive Änderungen kann die Weiterentwicklung die Typzulassung des Vorgängermodells "erben". Luftfahrtexperten hatten nach dem Absturz der Lion Air kritisiert, dass Boeing einen konstruktiven Nachteil in Kauf nimmt und mit einem Softwaresystem ausgleicht, um eine neue Typzulassung zu vermeiden.

Es ist nicht das erste Mal, dass Boeing-Maschinen wegen Sicherheitsrisiken in großem Stil nicht starten. Im Januar 2013 hatte die US-Luftfahrtbehörde FAA nach einer Reihe von Pannen ein Flugverbot für Boeings damaligen Vorzeigeflieger Dreamliner verhängt. Vorausgegangen war eine Notlandung des Langstreckenjets in Japan, nachdem eine Batterie durchgeschmort war. Diesmal dürften die Folgen jedoch deutlich schwerwiegender sein, Boeing hatte damals lediglich 50 Dreamliner ausgeliefert.

Update 19:45 Uhr: Zweiter Absatz zum Flugverbot in der EU ergänzt. (vbr)