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Dezentralisierung statt Bürokratie: Europas Startup-Millionen

80 Millionen Euro verteilt die Europäische Kommission zur Zeit an europäische Gründer. Das soll die Internetwirtschaft des Kontinents voranbringen. Dabei ist das Startup-Programm eigentlich nur ein Nebenprodukt eines größeren Open-Source-Programms.

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Dezentralisierung statt Bürokratie: Europas Startup-Millionen

Auf den letzten Präsenz-Workshops von European Pioneers: Die Gründer von TobyRich erhalten Coaching in Finanzfragen.

(Bild: European Pioneers)

Die Europäische Union will insgesamt 80 Millionen Euro an Gründer verteilen, um Europa mit ihren Ideen voranzubringen. Für die Verteilung des Geldes ist ein für EU-Verhältnisse fast revolutionärer Ansatz gewählt worden. Privatwirtschaftliche Partner, die im Startup-Ökosystem verankert sind, formulieren eigene Zielgruppen und führen unter Aufsicht der Kommission eigenständig Ausschreibungen aus. Den Startups selbst wird dadurch die Bürokratie weitgehend erspart und das ganze Projekt deutlich dezentralisiert. Inzwischen gibt es erste Ergebnisse.

Die 16 Konsortien oder „Beschleuniger-Projekte“ wie sie von der Kommission genannt werden, sind Zusammenschlüsse von Startup-Inkubatoren, kleineren Internetunternehmen oder Forschungs-Einrichtungen aus jeweils mehreren Ländern. Die Beschleuniger haben unterschiedliche Schwerpunkte: Impact etwa fördert mobile Entwicklungen, Fabulous Anwendungen aus dem Bereich 3D-Druck, und das von Hamburg aus geleitete Speedup! Europe legt den Fokus auf Agrar-Anwendungen, Smart Cities und grüne Technik.

Sie alle vergeben um die 5 Millionen Euro, oft in zwei zeitlich versetzten Ausschreibungen. Die Konsortien müssen 80% des Geldes direkt an die Web-Unternehmen weitergeben. 20% sind Eigenmittel, um die Ausschreibungen durchzuführen und die Startups zu betreuen. Aus den von der damaligen EU-Kommissarin Neelie Kroes ursprünglich verkündeten 100 wurden so die 80 Millionen Euro, die die Kommission nun öffentlich kommuniziert.

Das Gründer-Programm ist Teil eines größeren EU-Vorhabens im Rahmen der Digitalen Agenda. Die Future Internet Public-Private Partnership (FI-PPP) hat ein Budget von 600 Millionen Euro, das von der Kommission und von der Industrie stammt. Kern ist ein ambitioniertes Software-Programm: Fiware. Ein Open-Source-Framework mit Software-Modulen, die die Maschinen-Maschinen-Kommunikation erleichtern und bessere Anwendungen aus den Bereichen Smart City, Cloud Computing, Big Data und Internet of Things ermöglichen sollen.

Ziel ist es unter anderem, europäische Software-Lösungen zu etablieren, damit in Zukunft anfallende Daten auch mal auf europäischen Servern gespeichert werden. Jedes geförderte Startup muss mindestens deshalb eines der Fiware-Module anwenden, somit deren Verbreitung fördern und auf Fehler aufmerksam machen.

Laura Kohler, Koordinatorin von European Pioneers

(Bild: etventure)

"Über ein Reporting Tool schicken uns die Gründer regelmäßig Feedback zur Software, die in einigen Fällen erst noch dem Test unter Live-Bedienungen Stand halten muss." erzählt Laura Kohler von European Pioneers, einem der 16 Beschleuniger-Projekte. Konsortialführer, eine Art Koordinator, ist der Berliner Startup-Inkubator und -Berater Etventure. Als weitere Partner mit im Boot sind das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme sowie ein irisches, ein polnisches und ein finnisches IT-Unternehmen.

European Pioneers verteilt insgesamt 4,5 Millionen an 25 Startups sowie an kleine und mittlere Unternehmen, die auf Basis von Fiware neue Anwendungen entwickeln wollen. Der Fokus liegt auf den Bereichen Smart Cities, Social Connected TV, E-Learning und Pervasive Games. Die erste Förder-Runde begann Mitte Dezember mit 12 Startups aus neun Ländern. Beim spanischen Avuxi beispielsweise werden in Echtzeit Geo-Daten ausgewertet, und das deutsche TobyRich entwickelt mobile Integrationen für Spielzeuge.

Das Förderprogramm läuft jeweils acht Monate. Je nach angegebenem Finanzbedarf erhalten die Gründer zwischen 50.000 und 250.000 Euro. Die Startups arbeiten von ihren jeweiligen Büros aus, kommen aber dreimal zu mehrtägigen Präsenz-Workshops nach Berlin. Zusätzlich gibt es regelmäßige Coachings via Skype, Mail oder Telefon. Die zweite Ausschreibung beginnt am 30. März. Dann sollen 2,3 Millionen Euro an 13 Startups gehen.

Kohler jedenfalls ist vom Ansatz des Fiware-Programms überzeugt: "Die privaten Partner vor Ort haben einen besseren Zugang zum Startup-Ökosystem und wissen besser, was der Markt braucht. Ich hoffe, dass die EU diesen Ansatz auch in Zukunft weiterverfolgt."

Sie als Konsortium mussten einen etwa 100-seitigen Antrag bei der EU einreichen, und müssen nun regelmäßig über ihre Tätigkeit berichten. Den Gründern hingegen blieb die übliche EU-Bürokratie erspart. Für die European-Pioneers-Ausschreibung mussten sie nur 35 Fragen beantworten, und das sei in wenigen Stunden zu bewerkstelligen gewesen.

Bei den 14 Ausschreibungen, die bis jetzt von den Konsortien durchgeführt wurden, wurden nach Auskunft der Pressestelle der EU-Kommission 3.217 Vorschläge eingereicht, macht etwa 230 pro Ausschreibung. Wenn die Hoffnung der Kommission aufgeht, werden die geförderten Startups nicht nur die europäische Internetwirtschaft ein Stück weit voranbringen, sondern auch die europäische Software-Autonomie vergrößern. (mho)

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