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Die Amateure übernehmen den Produktionsprozess

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Der Werbestratege Russel Davies sieht mit der zunehmenden Verbreitung von 3D-Druckern und der Zusammenführung der Welt der Bits und der Atome ein "GeoCities der Dinge" kommen. Darin könnten Bastler die verrücktesten Gegenstände selbst kreieren und fabrizieren. So wie die meisten Homepages auf der traditionsreichen, 2009 stillgelegten Hosting-Plattform aus grell animierten GIFs und Baustellenschildern bestünden hätten, werde die neue Fricklerwelt hässlich, erschreckend, bizarr und kreativ sein. "Traditionelle Designer werden sie hassen", schmunzelte der Chefplaner der digitalen Werbeagentur R/GA am Donnerstag auf der Wired"-Konferenz in London.

Wired-Chefredakteur Chris Anderson: Nach der Demokratisierung der medialen Publikationsmacht sei nun mit 3D-Printern die Demokratisierung der Produktionsmittel im Gange.

(Bild: Stefan Krempl / heise online)

Der Einzug der Datenverarbeitung und sozialer Netzwerkstrukturen in physikalische Objekte erlaubt es laut Davies, Gegenstände "lebendig" zu machen. Im Web seien bereits an vielen Stellen Spuren davon zu bewundern. Hier habe ein Hobby-Techniker neue Ansätze der Künstlichen Intelligenz gängigem Spielzeug hinzugefügt; dort blase der Roboter Bubblino, der auf der Open-Source-Platform Arduino basiere, Seifenblasen in die Luft, wenn sein Name auf Twitter erwähnt werde. Nicht zu vergessen seien die an sich viel zu teuren Bluetooth-Lautsprecher von Sony, die dank der mitgelieferten Choreographie-Software aber etwa zu "Thriller"-Tanzeinlagen gebracht werden könnten. Im eigenen Haushalt zeige eine auf dem Homesense-Projekt basierende Umgebungskarte am Ausgang die Verfügbarkeit von Leihfahrrädern an.

Für "Wired"-Chefredakteur Chris Anderson ist längst klar, dass die Innovationsmodelle aus dem Internet mit Modellen wie Open-Source- und Peer-to-Peer-Produktion oder "Co-Kreation" und "Crowdfunding" in der nächsten Entwicklungsstufe der digital-analogen Revolution auf die Welt der Atome angewendet werden. So wie es den von ihm beschriebenen "Long Tail" im Web gebe und dieser zu einer nie geahnten kulturellen Vielfalt beitrage, werde es künftig auch einen Rattenschwanz physikalischer, für einzelne Nischenanwendungen produzierter Gegenstände geben. Nach der Demokratisierung der medialen Publikationsmacht durch den PC, den Drucker, das Web und Blog-Software sei nun mit Rapid Prototyping und 3D-Printern die Demokratisierung der Produktionsmittel im Gange.

Entsprechende Geräte, die anhand von CAD-Konstruktionsdaten schichtweise Gegenstände quasi aus dem Nichts fertigen, seien mittlerweile für unter 1000 US-Dollar zu haben und kämen damit in die Reichweite von Amateuren. Schon heute gebe es tausende Hacker- und Tech-Labs auf der ganzen Welt, in denen man Gegenstände am Rechner designen und an den noch vergleichsweise teuren "Rapid Manufacturing"-Maschinen gleichsam ausdrucken lassen könne. Ferner sei es möglich, eigene CAD-Dateien an Plattformen und Firmen wie /Alibaba, Shapeways oder Materialise zu schicken, die dann etwa an einem Fabrikationsgerät in China kostengünstig erstellt würden.

"Jeder kann alles machen", konstatierte Anderson. Mit einem Mausklick werde ein Erfinder zum Unternehmer, dem dazu dank gemeinschaftlicher Schaffensprozesse gemäß dem Wikipedia-Prinzip die intelligentesten Leute weltweit zur Verfügung stünden. "Atome sind die neuen Bits", ist sich der Gründer der von einem 24-jährigen Mexikaner geführten Firma 3D Robotics und des Portals DIY Drones sicher. Die physische Welt sei nur vielfach größer als die digitale und böte so deutlich mehr Entfaltungswege.

Eyal Gever lässt am Computer erstellte Simulationen etwa von Zusammenstößen von Gegenständen, Explosionen oder Tsunami-Wellen per 3D-Druck nachbilden.

(Bild: Stefan Krempl / heise online)

Auf der Tagung selbst brachte ein Geiger dem Publikum eine musikalische Kostprobe auf einer per Rapid Prototyping zusammengesetzten Violine aus Kunststoff dar. Der israelische Künstler Eyal Gever präsentierte Skulpturen, die am Computer erstellte Simulationen etwa von Zusammenstößen von Gegenständen, Explosionen oder Tsunami-Wellen per 3D-Druck nachbilden. "Es ist ein wenig so, als ob ich Gott spiele", erläuterte der frühere Spieledesigner. "Man wählt eine momentane Bewegung aus und überführt sie in eine Statue." Alles, was vorstellbar sei, könne nun auch materielle Gestalt annehmen, beschrieb Lisa Harouni von der Softwareschmiede Digital Forming den Rapid-Manufacturing-Prozess. Dabei würden Gegenstände mit Ausformungen additiv zusammengefügt, die in einem konventionellen Fertigungsprozess niemals das Licht der Welt erblickten. Es entstünden Teile aus einem Guss, die effizienter, leichter und günstiger seien als bereits auf dem Markt verfügbare. An den Körper genau angepasster Schmuck, Zahnersatz, Prothesen und Implantate sei nur eines von vielen Anwendungsfeldern.

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(jk)

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