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Die Blogger-Revolution spricht

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Die Gesichter Internet-gestützter Revolutionen an einem Ort in der Offline-Welt zu versammeln, ist kein Kinderspiel. "Es war schwierig, Visa zu bekommen", sagte Ines Pohl, Chefredakteurin der "taz" bei der Eröffnung des gemeinsam mit dem "Freitag" veranstalteten Medienkongress am Freitagabend in Berlin. Die beiden linken Blätter hatten es sich vorgenommen, zum Auftakt "die Revolution" selbst in Form bekannter Blogger aus Brennpunkten der Welt zu Wort kommen zu lassen. Keinen Erfolg hatten sie im Kampf mit der kubanischen Bürokratie. Yoani Sánchez, die mit ihrem auch ins Deutsche übersetzten Online-Journal GeneracionY persönliche und ungefilterte Eindrücke aus dem Inselleben verbreitet, braucht Auslandsreisen gar nicht mehr zu beantragen: Die Behörden haben ihren Pass einfach einkassiert.

In einer Videobotschaft berichtete Sánchez über Verteufelungs- und Stigmatisierungskampagnen gegen Blogger durch das sozialistische Regime, die bis zur Überwachung des eigenen Hauses und des Telefonanschlusses reichten. "Es ist wie bei der Stasi", knüpfte sie an das Erinnerungsvermögen mancher Zuhörer an. Wer es wage, die Regierung herauszufordern und eine Meinung zu haben, werde verfolgt. Die Bloggersphäre auf Kuba sei mittlerweile trotzdem auf mehr als 200 Mitstreiter angewachsen, die sich nicht mit dem staatlichem Informationsmonopol abfinden wollten. "Twitter ist ein wunderbares Werkzeug", wies Sánchez auf eine "kleine Lücke" in der Zensur hin, da kann man den Dienst zum Mikro-Blogging per SMS betreiben könne.

"Wir twittern aus Not", wies die vielfache Medienpreisträgerin zugleich auf Unterschiede zum üblichen westlichen Gerausche im 140-Zeilen-Mitteilungswald hin. Es gehe nicht darum, die Welt wissen zu lassen, wie lecker der gerade genossene Kaffee sei, sondern um "Anklagen und dringende Bitten". Dass die Regierung sie überhaupt online agieren lässt, erklärt sich Sánchez zum einen mit einem gewissen "Schutz durch Öffentlichkeit", den der mittlerweile errungene Bekanntheitsgrad mit sich bringe. Zum anderen zeichne sich die kubanische Bloggerszene durch horizontale Strukturen aus, in denen es keine Anführer gebe. Eine vertikale Struktur, die auf eine klare Führerfigur ausgerichtet ist, sei wenig effektiv darin, eine solche Bewegung zu bekämpfen. "Bloggen ist wie ein Virus", erklärte die Kubanerin. "Es gibt keinen Kopf, den man abtrennen könnte."

Gesprächsrunde auf dem Medienkongress von "taz" und "Freitag"

(Bild: Stefan Krempl)

Die bekannte ägyptische Twitter-Nutzerin Mona Seif durfte nach Berlin reisen. Ähnlich wie Sánchez betonte sie, dass ihr die Kurzberichte über die 18-tägige Besetzung de Tahrir-Platzes in Kairo Aufmerksamkeit "und dadurch auch Schutz" verschafft hätten. Drei Fragen würden ihr alle stellen, ging die Biologin dann gleich auf übliche Klischees und das Standardrepertoire ein. "Erstens: Ist die ägyptische Revolution eine Twitter-Revolution? Zweitens: Habe ich Angst vor den Muslimbrüdern? Drittens: Welche Rolle spielen Geschlechterfragen?" Seif erklärte dazu, dass auch viele Frauen von der Staatssicherheit geschlagen worden seien, es in der Menge während der Hochzeit der Auseinandersetzung aber keinen einzigen Fall sexueller Anzüglichkeiten gegeben habe. Klassen- und Geschlechterfragen hätten schlicht keine Rolle gespielt. Sie selbst würde sich als "Bürger-Journalistin" bezeichnen und wisse gemeinsam mit vielen anderen aus der Bewegung, dass sie eine "große Verantwortung" für ihre Meldungen trügen.

Über allerlei Repressionen gegen Blogger referierte Lina ben Mhenni aus Tunesien. Ihr selbst seien Laptops sowie Kameras gestohlen worden und die politische Polizei habe sie gleich nach ihrem ersten Interview mit der Auslandspresse verhört. "Verhaftet haben sie mich aber nie", zeigte sich die Linguistin erleichtert. Sie denkt, dass es gut war, ihren Namen in ihren Online-Veröffentlichtungen anzugeben und Gesicht zu zeigen. Ein Pseudonym hätte keine Sicherheit gebracht, da andere schon für das Betreiben eines Blogs hinter Gitter gewandert seien. Die gegenwärtige Situation in dem nordafrikanischen Land bezeichnete die Aktivistin als "großes Durcheinander". Die meisten wartete in der Auseinandersetzung mit den Gegenrevolutionären auf die Wahlen im Juli, auch wenn keiner die Parteien kenne.

Evgeny Mozorov beim Eröffnungsvortrag

(Bild: Stefan Krempl)

Wasser in den Wein der Online-Revolutionärinnen gossen mit dem Medienwissenschaftler Evgeny Morozov und dem Blogger ViktarMalishevsky zwei Vertreter des "starken Geschlechts" aus Weißrussland. Morozov verwies auf die wachsenden Bemühungen staatlicher Mächte, Online-Diskurse mit Propaganda im Stil der "50 Cent"-Armee Chinas durch gekaufte Meinungsmacher zu unterwandern und neue Zensurmethoden auszutesten. Zivilgesellschaftliche Plattformen im Web wie etwa ein saudi-arabisches Philosophie-Forum sähen sich verstärkt Denial-of-Service-Attacken ausgesetzt, führte der derzeit an der Stanford University tätige Forscher aus. Letztlich fänden sie so nur noch bei Providern unter, die ihnen mit integriertem Angriffsschutz 8000 US-Dollar Hostingkosten pro Monat in Rechnung stellten. Das Regime im Sudan habe auch schon obszöne Videos auf eine Facebook-Gruppe von Aktivisten hochladen lassen, sodass diese aufgrund Verstoß gegen die Geschäftsbedingungen gleich ganz gelöscht worden sei.

"Regierungen wollen mit allen Mitteln sicherstellen, dass sie Kontrolle ausüben können und die Netzinfrastrukturen beherrschen", erklärte Morozov. Es reiche daher nicht, nur Geld in die Entwicklung von Techniken zur Zensurumgehung zu pumpen. Das Netz und seine politischen Auswirkungen dürften nicht als "Fetisch" vergöttert und von Protesten in der realen Welt losgelöst werden. Der Skeptiker ermahnte die Zuhörer auch, die Aufmerksamkeit stärker darauf zu richten, in welchem Ausmaß westliche Firmen Überwachungssoftware an autoritäre Regierungen lieferten und Geheimdienste Hintertüren in elementare Internetdienste einbauten. Die "große Firewall" Chinas etwa sei größtenteils mit Komponenten von Cisco Systems errichtet worden. Malishevsky befand gleichfalls, dass dem Internet von den klassischen Medien oft eine überhöhte Rolle zugeschrieben werde. In Belarus hätten sich viele die jüngsten Proteste nach den Wahlen nur übers Netz angesehen und trotzdem gedacht, sie wären Teil der Bewegung. (mw)