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Die CeBIT sucht nach dem Format für "digital living"

Während Messe-Vorstandsmitglied Ernst Raue das Konzept der Sonderschau zur Unterhaltungselektronik verteidigt, ist die Resonanz bei Firmen und Branchenverbänden eher verhalten.

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Computerwelt und Unterhaltungselektronik wachsen derzeit so eng zusammen wie nie zuvor, und die weltgrößte IT-Messe CeBIT in Hannover will sich dem nicht entziehen. Mit der Sonderschau digital living sollen Verbrauchergeräte für Zuhause ein eigenes Spielfeld auf der offiziell vor allem auf Geschäftskunden ausgerichteten Veranstaltung bekommen. Eine "Erlebniswelt mit Eventcharakter" wird versprochen, eine herstellerübergreifende Schau mit "Lifestyle"-Produkten der Unterhaltungselektronik. Nur: Die Resonanz der Hersteller auf die zeitgleich, aber getrennt zur CeBIT 2006 stattfindende Schau ist bisher bescheiden – die erste Auflage droht ein Flop zu werden.

Seit Jahren bereits diskutieren die Messe-Macher darüber, wie sie auf die zunehmende Vernetzung von klassischer Computerindustrie und Unterhaltungselektronik reagieren sollen. Mit einer CeBIT Home für Privatkunden hatte die Deutsche Messe AG vor einigen Jahren Schiffbruch erlitten – das Besucherinteresse war schwach. Zwar zeigen viele Unternehmen massenweise Geräte für die digitale Unterhaltung, aber dann eher am eigenen Stand und die CeBIT ist bisher sowieso vor allem eine Fachbesuchermesse. Zwar kommen auch Computer-Kids in Scharen, doch Konsolen und anderes Hightech-Spielzeug etwa war vielfach von den seriösen IT-Dienstleistern in den Messehallen gar nicht gern gesehen.

Neuen Druck auf die CeBIT brachte die Entscheidung der Messe Berlin, die Internationale Funkausstellung (IFA) künftig nicht mehr nur alle zwei, sondern jedes Jahr zu veranstalten. Gleich mehrere Aussteller mit großen Namen – wie Philips und E-Plus – bleiben der CeBIT in diesem Jahr ganz fern und ein Gigant wie Sony ist nur mit einer kleinen Auswahl seiner VAIO-Geräte wie Notebook oder Projektoren präsent. Die Deutsche Messe AG reagierte – relativ kurzfristig – mit der Entscheidung, 2006 die digital living zu veranstalten. Auf das von CMP WEKA in Poing bei München entwickelte Konzept hatte zuvor auch schon die Messe Düsseldorf ein Auge geworfen. Die Schau ist nun in einer eigenen Halle (Halle 27) untergebracht, die Privatbesucher für zehn Euro Eintritt über einen separaten Eingang erreichen. Mit CeBIT-Ticket ist der Eintritt kostenlos.

Teilweise wurde die Sonderschau bereits als "Mini-IFA im Schuhkarton" verspottet. Denn viele namhafte CeBIT-Aussteller und potenzielle Teilnehmer der digital living zeigen der neuen Sonderschau die kalte Schulter. "Ohne uns", heißt es etwa beim Branchenriesen Deutsche Telekom. Die Telekom fühle sich auf ihrem CeBIT-Stand "richtig untergebracht", sagt Sprecher Hans-Martin Lichtenthäler. Dort sei das Konzept, alle Geschäftsfelder unter einem Dach darzustellen, am besten realisierbar.

Auch Motorola und Samsung nehmen nicht an der digital living teil. Der Schwerpunkt der CeBIT liege "wie gehabt" in den Bereichen IT und Telekommunikation, sagt Hans Wienands, Business Director Consumer Electronics bei Samsung Electronics. Beim Elektronikkonzern Sharp heißt es, in diesem Jahr sei die digital living für das Unternehmen zu kurzfristig gekommen. Sharp sei aber grundsätzlich offen für die Sonderschau, sagt Sprecher Martin Beckmann. "Stillstand ist Rückschritt. Man muss mal etwas neues ausprobieren."

Wie viele und welche Aussteller bereits zugesagt haben, will Messe-Vorstandsmitglied Ernst Raue nicht sagen – und verteidigt zugleich das Konzept der digital living. Denn für ihn steht die CeBIT 20 Jahre nach ihrer Premiere als eigenständige Messe vor einer Zäsur. "Die Welt hat sich durch die mobile breitbandige Nutzung des Internets völlig verändert", sagte Raue. Die CeBIT werde deshalb neben den klassischen ITK-Lösungen auch weiterhin Anwendungen aus dem Bereich Home-Entertainment und mobiler Kommunikation zeigen. Allerdings müsse die Messe die immer stärkere Vernetzung der einzelnen Branchen berücksichtigen, ohne ihren Status als internationale Fachbesuchermesse zu verlieren.

Nach Einschätzung des Hauptgeschäftsführers des Branchenverbandes Bitkom, Bernhard Rohleder, müsse man zunächst abwarten, ob die "digital living" ein Erfolg werde oder nicht. "Wir sind der Überzeugung, dass digitale Consumer Electronics auf die CeBIT gehört." Die digital living müsse aber künftig nicht neben der CeBIT stehen, sondern in die CeBIT integriert werden. "Wir müssen dafür sorgen, dass die CeBIT keine regionale Privatkundenmesse wird, sondern eine internationale Fachbesuchermesse bleibt", sagt Rohleder. "Wir sind definitiv nicht dafür, dass die CeBIT ein Rummel wird." (Andreas Hoenig, dpa) / (jk)