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Die Computer-Branche und das "Dinglisch"

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"Dinglisch" nennt die amerikanische Kabarettistin Gayle Tufts den komischen Mix aus deutschen und englischen Wörtern, mit dem sie als Wahl-Berlinerin ihr Geld verdient. Wer sich heute mit Informationstechnologie beschäftigt – sei es als Handwerksmeister, der für seinen PC neue Software braucht, oder als Besucher der CeBIT – müsste eigentlich einen Sprachkurs bei Gayle Tufts absolvieren. Denn das Kauderwelsch der Branche ist für den Laien kaum noch zu verstehen. Der Verdacht liegt nahe, dass sich Unternehmen mit dem gekünstelten Vokabular möglicherweise besser verkaufen wollen als es ihren Leistungen entspricht.

"Mit dem Erwerb der inPuncto GmbH über die redtoo ag erweitert die caatoosee ag ihr Leistungsportfolio um PLM-Lösungen im SAP- sowie um Engineering- und Facility Information Management-Lösungen im Bentley- Umfeld", heißt es in einer Mitteilung des Stuttgarter Software-Unternehmens caatoosee, das sich nach einem Indianer-Häuptling benannt hat. "Die leben in ihrer eigenen Welt", kommentiert Jürgen Graf, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), das am Neuen Markt und allgemein bei jungen Unternehmen übliche Fachchinesisch. "Daran wird sich nichts mehr ändern."

Vor der Computermesse CeBIT häufen sich die kuriosen Anpreisungen. D-TRUST, eine Tochter der Bundesdruckerei, kündigte Anfang des Monats eine Premiere an: Das Unternehmen biete "als erstes deutsches Trust Center Einstiegsservices für Wireless Public Key Infrastructures zum Ausstellen von VeriSign-Zertifikaten für Mobilfunk-Serviceprovider." Nicht alle Experten wollen sich mit dem lästigen Trend abfinden. "Nur wer von den Nutzern auch verstanden wird, gilt als glaubwürdig", sagt Günther Jesumann, Dozent an der Hamburger Akademie für Publizistik, im Gesprach mit dem Mediendienst news aktuell. "Viele Pressesprecher schreiben einfach an ihrer Zielgruppe vorbei, sie schreiben für ihren Chef."

Oft bedienen sich neue Unternehmen der Fantasie-Sprache, um ihre angeblichen Stärken besonders hervorzuheben. Die börsennotierte PA Power Automation AG aus Pleidelsheim bezeichnet sich etwa als "Weltmarktführer im Bereich pc-basierter Soft-CNC-Steuerungen". Dass bei einem Umsatz von rund 16 Millionen Mark der "Weltmarkt" allenfalls eine kleine Nische ist, möchte sich das Unternehmen wohl nicht auf die Fahnen schreiben. Firmen, die sich noch nicht als Marktführer einschätzen, bevorzugen manchmal den Begriff "Pionier" oder – wie es auf Dinglisch heißt – "First Mover". Die Stuttgarter aeonware sieht sich als solchen im "Segment vernetzbarer Marktplätze, die den Aufbau kompletter Supply- und Demand-Chains im Internet ermöglichen".

Englisch gefärbte Ausdrücke finden sich allerdings nicht nur in der Wirtschaft. Der Verein Deutsche Sprache nominierte zum "Sprachpanscher 2001" auch den Staatsminister beim Bundeskanzler, Hans-Martin Bury, verantwortlich für die Anzeigenserie "Name IT! Win IT!" der Bundesregierung.

Dabei fällt es oft gar nicht schwer, eine deutsche Formulierung für eine neue Technologie zu finden. Einer der Trends auf der CeBIT, das "Application Service Providing", ließe sich zum Beispiel ganz einfach mit "Software zum Mieten" übersetzen. Warum vernachlässigt die Branche also die deutsche Sprache? Michael Friedewald vom Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung gibt die Antwort auf Dinglisch: "Das hört sich nicht so sophisticated an."

CeBIT, das heißt also auch alljährlich neue Wörter lernen. Eine differenzierte Position zu den Vorwürfen der Sprachpanscherei und zu der Kritik am "Dinglish" oder "Denglisch" bezogen Germanisten vom Seminar für deutsche Sprache und Literatur der Universität Hannover im Interview mit c't (siehe Ausgabe 6/2001). Das vollständige Interview zu der Frage, ob das ständige Aufkommen neuer englischer Begriffe unser Sprachverständnis aushöhlt und das Deutsche bedroht, steht auch online zur Verfügung. (Alexander Missal, dpa) / (jk)