Die Digital-Health-Trends für 2020

Das Wearable überwacht den Herzrhythmus und den Arzttermin bucht man online: Die Digitalisierung der Gesundheit ist im Gange und erhält politischen Rückenwind.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 2 Beiträge

(Bild: PopTika/Shutterstock)

Von

Ob Smartwatch, Gesundheits-App oder Videosprechstunde – immer mehr Menschen nutzen Digital-Health-Lösungen. Zu den beliebtesten Anwendungen gehört die Selbstvermessung mit Fitness-Tracker und Smartwatch. Anfangs vor allem von ambitionierten Sportlern genutzt, sind Wearables längst zum alltäglichen Begleiter geworden, der zu einem gesunden Lebensstil motiviert und immer mehr die Rolle eines Schutzengels einnimmt. Vorgemacht hat es die Apple Watch mit der Erkennung von Stürzen, Herzrhythmusstörungen und gehörschädigender Lautstärke. Withings greift die Idee auf und überwacht mit seinen neuen Modellen ebenfalls aktiv die Herzgesundheit. Innovativ an der neuen Hybrid Smart Watch: der optische Sensor analysiert nicht nur den Blutfluss als Beschreibung der Herzfunktion, sondern erkennt auch die Blutsauerstoffsättigung und kann dadurch auf eine Schlafapnoe hinweisen.

Weitere Innovationen zur Prävention und Früherkennung von Krankheiten werden bald aus dem Hause Fitbit auf uns zukommen. Die Übernahme durch Googles Mutterkonzern Alphabet dürfte dem Wearable-Pionier enorme Perspektiven in der Produktentwicklung eröffnen und zugleich Googles offene Flanke bei Wearables und Smartphone-basierter Gesundheit schließen. Unter dem Erfolg der Apple Watch war Fitbit in den letzten Jahren immer mehr ins Hintertreffen geraten. Zugleich konnte Google weder bei der Verbreitung seines Smartwatch-Betriebssystems Wear OS noch bei der Akzeptanz von Google Fit zufriedenstellende Ergebnisse erzielen. Berücksichtigt man die hochambitionierten Aktivitäten von Googles Health Division und Alphabets Life-Science-Unternehmen Verily, entsteht durch die Integration von Fitbit ein Powerhouse im Digital-Health-Markt, wenn es den Unternehmen gelingt, das Vertrauen der Kunden zu gewinnen.

Das Lumi-System von Pampers ermöglicht eine Überwachung des Babys.

(Bild: Pampers)

Ob Babys, Eltern oder Senioren – jedes Alter bringt neue Herausforderungen und beflügelt damit den Erfindungsgeist der Ingenieure. Versuche in den letzten Jahren, Vitalparameter mit smarten Babysocken und Strampelanzügen zu messen, haben sich bisher als nur begrenzt erfolgreich erwiesen. Stattdessen könnte die digitale Gesundheitsreise mit einer smarten Windel mit Schlaf- und Feuchtigkeitserkennung beginnen, die kürzlich auf der CES vorgestellt wurde. Gestresste Eltern sollen so die Bedürfnisse des Nachwuchses noch besser im Blick haben – nicht zuletzt auch mit Hilfe einer Babykamera, die zum Kombisystem „Lumi“ der Kooperationspartner Pampers, Logitech und Verily gehört.

Auch die Eltern der Eltern müssen 2020 nicht ohne technologische Unterstützung alt werden. Senioren-Armbänder wie das von CarePredict erkennen alltägliche Aktivitäten wie Essen, Duschen und Toilettengänge anhand ihrer charakteristischen Bewegungsmuster. Verhaltensänderungen, die auf eine Verschlechterung der Gesundheit hindeuten, werden mit Hilfe von Machine Learning erkannt, sodass Risiken für eine Mangelernährung, Depression und Stürze wie auch der Abbau kognitiver Fähigkeiten prognostiziert werden können. Durch die frühzeitige Entdeckung negativer Trends sollen Senioren sowie deren Familie und Pflegepersonal unterstützt werden, die Verschlechterung der Gesundheit aufzuhalten, verspricht der Hersteller.

Unterhaltsamer wird es mit dem Home-Care-Roboter von Medisana, der Senioren durch die Wohnung begleitet und die von Sprachassistenten und smarten Displays bekannten Funktionen stets verfügbar macht. Passend zur Zielgruppe kann der Roboter an die Einnahme von Medikamenten und die Messung von Körperwerten erinnern. Genauso eignet er sich aber auch für Videotelefonie und YouTube-Inhalte und soll laut Hersteller-Video eine Menge Spaß machen.

Video zum Home-Care-Roboter von Medisana (Quelle: medisana)

Immer mehr Startups und etablierte Unternehmen wagen sich an die Entwicklung von Medizinprodukten für Endanwender. Deshalb werden Durchbrüche bei der Gewinnung und Verarbeitung therapierelevanter Biomarker immer wahrscheinlicher. Der Blutdruck zum Beispiel ist ein wichtiger Risikofaktor und relevante Messgröße für die Behandlung von Millionen von Hypertonikern. Die seit vielen Jahrzehnten etablierte Messung über eine Druckmanschette stellt jedoch eine Hürde für die häufigere Gewinnung von Daten dar. Deshalb arbeiten Startups wie Aktiia an alternativen Verfahren, die eine kontinuierliche Messung des Druckverlaufs ermöglichen. Im Rahmen einer Therapie sollen so eine engmaschigere Kontrolle und bessere Ergebnisse erzielt werden.

Auch für Diabetiker wird Technologie zukünftig eine noch größere Rolle spielen. Closed-Loop Systeme messen den Blutzucker und lösen die automatische Verabreichung der benötigten Insulinmenge aus. Entsprechende DIY-Lösungen aus Sensor, Steuerung und Insulinpumpe sind von Typ 1 Diabetikern über mehrere Jahre erprobt worden. Der Regelkreis übernimmt die Funktion einer künstlichen Bauchspeicheldrüse und kann damit den Alltag der Betroffenen enorm erleichtern. Mittlerweile haben erste Medizintechnikhersteller die Hürden für die Zulassung genommen. Auch wenn die Hybrid-Closed-Loop-Systeme der Industrie anders als die Lösungen der DIY-Community noch eine manuelle Abschätzung der zugeführten Kohlenhydrate erfordern, zeigen erste Studien enorme Verbesserung der Gesundheit und Stoffwechselparameter.

So funktioniert ein Closed-Loop-System.


Ebenfalls an Patienten richten sich softwarebasierte Gesundheitsanwendungen wie digitale Therapien für Herzerkrankungen, Asthma, Depression und zahlreiche weitere Indikationen. Viele solcher Anwendungen sind in Deutschland seit Jahren verfügbar, hatten aber oft Schwierigkeiten, ihren Weg in die Versorgung durch das Gesundheitssystem zu finden. Um die Lösungen zukünftig noch mehr Patienten zugänglich machen zu können, hat die Bundesregierung das digitale Versorgungsgesetz beschlossen. Dieses regelt, wie digitale Gesundheitsanwendungen zukünftig von Krankenkassen erstattet werden können. Einige solcher Lösungen haben schon gezeigt, dass sie signifikant zur Verbesserung der Gesundheit beitragen können. Andere sollen im Rahmen einer einjährigen Testphase ihren Nutzen unter Beweis stellen. Erfolgreiche Angebote zielen häufig darauf ab, den Nutzer bei der Durchführung von Übungen, einem gesunden Lebensstil oder der regelmäßigen Einnahme von Medikamenten zu unterstützen. Gelingt es, das Verhalten mit den Therapiezielen optimal in Einklang zu bringen, sind teils enorme Erfolge bis zur Heilung von Typ 2 Diabetes möglich.

Dank politisch vorgegebener, klarer Anreize dürfte sowohl die Menge, als auch die Qualität der digitalen Gesundheitsanwendungen bald zunehmen. Die vom Arzt verschriebenen Apps auf Rezept machen dabei nur den Anfang, dem in überschaubarem Abstand das elektronische Rezept und die elektronische Patientenakte folgen sollen. Sicher ist, dass Digital Health im Jahr 2020 immer mehr Menschen erreichen wird – mit noch smarteren Wearables, vernetzten Ärzten und digitalen Therapieangeboten. (tiw)