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Die EDV und die Steuern: 40 Jahre DATEV

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Heute vor 40 Jahren wurde die IT-Genossenschaft DATEV, ausgeschrieben die "Datenverarbeitungsorganisation der Steuerbevollmächtigten für die steuerberatenden Berufe in der Bundesrepublik Deutschland e.G.", gegründet. Was heute der größte deutsche IT-Dienstleister mit 39.009 Genossenschaftlern und einem Jahresumsatz von 581,1 Millionen Euro ist, begann als Gründung von etwa 160 Steuerberatern in Nürnberg. Anteilig wollten sie die Kosten für ein eigenes Rechenzentrum tragen, das ausschließlich die Lochstreifen ihrer Olivetti Telebanda 1731 verarbeiten sollte. Mit diesem 17.200 DM teuren Erfassungsgerät, das aus dem Lochstreifenstanzer Olivetti Audit 733 entstand, arbeiteten damals die fortschrittlichsten Steuerberater.

Die DATEV ist ein Kind der damaligen großen Koalition. Nach langwierigen Debatten beschloss die Bunderegierung unter Kanzler Kurt Kiesinger am 26. April 1967, zum 1.1.1968 die "Mehrwertsteuer" in der BRD einzuführen. Diese Steuerart, heute Umsatzsteuer genannt, ließ das Datenaufkommen explodieren, das deutsche Unternehmen bewältigen mussten, um die korrekte Steuer an die Finanzämter auf Papier überweisen zu können. Als bereits Anfang 1966 klar war, dass die politisch gewollte Steuer kommen wird, fingen die Steuerberater an, die Auswirklungen dieser Steuer zu berechnen: Jeder Umsatz produzierte drei Buchungszeilen und das zu einer Zeit, als die freien Rechenzentren happige 60 Pfennig pro Zeile bei der Aufarbeitung der Telebanda-Lochstreifen verlangten.

Ein eigenes Rechenzentrum war die Lösung. Die frisch gegründete DATEV bestellte bei IBM vier Rechner, zwei IBM System /360-40 zur Monatsmiete von 245.000 DM. Als Bundesfinanzminster Franz-Josef Strauß die Anlage am 31. Januar 1969 per Knopfdruck startete, hatte die Datev bereits 2558 Mitglieder. Mit ihren Telebandas lieferten sie Lochstreifen ab, die vom Start weg 20 Millionen Buchungszeilen produzierten und automatische Umsatzsteuervoranmeldungen druckten. Schon im ersten Jahr erwies sich, dass die Anlage unterdimensioniert war. Als IBM darum im Juni 1970 ihr neues Großrechnersystem /370 vorstellte, hieß der erste Besteller DATEV. Man orderte gleich zwei Topmodelle /370-165 für 8 Millionen DM Jahresmiete.

Die Steuerberater waren es auch, die als erste die Möglichkeiten der Datenfernübertragung erkannten. Ab dem 1.1. 1974 konnten sie per Telefon ihre Daten abliefern, wenige Jahre später wurde die Nürnberger Zentrale mit den Finanzämtern der Republik verdrahtet. Die DATEV baute in der Folge eine eigene Datenautobahn mit 42 Kopfstellen auf, die per Standleitung mit Nürnberg verbunden waren. Insgesamt steuerte man von Nürnberg aus 27.000 Modems, die abends die Daten empfingen und morgens die Auswertungen zu den Steuerberatern und Finanzämtern schickten.

Diese technisch aufgeschlossenen Berater begrüßten enthusiastisch den PC mit seinen Speichermöglichkeiten. Entsprechend präsentierte sich die DATEV, als 1986 die erste eigenständige CeBIT eröffnet wurde, als "PC-Club". Der PC war nett, sofern er Diener der Zentrale war. Relativ spät verabschiedete sich die DATEV vom Konzept der zentralisierten Datenverarbeitung. Erst 1999 wurde auf Windows umgestellt, erst 2002 wurde das eigene Datennetz abgeschaltet und auf verschlüsselte, signierte Datenübertragung im Internet gesetzt.

Seit etwa 1990 war der DATEV klar, dass die Steuerberater ihre Berechnungen auch ohne das Großeisen in Nürnberg verarbeiten konnten, darum setzte die DATEV auf neue Angebote beim Data-Mining und auf die Schulung in ERP-Systemen, mit denen die Steuerberater ihre Mandantenbindung festigen konnten – und damit selbst an die DATEV gebunden wurden. Heute sind 80 Prozent der Steuerberater DATEV-Mitglieder und selbst in der größten Vereinigung der DATEV-Kritiker sind eigentlich brave Genossen versammelt, die über die eminent hohen Gebühren der Genossenschaft nur lauter knurren als andere. Denn dass sich das deutsche Steuersystem zu einem der kompliziertesten Systeme der Welt entwickeln konnte, ist auch eine Leistung der DATEV, die davon kräftig profitierte, noch für die unsinnigsten Verordnungen den passenden Sparalgorithmus finden zu können. (Detlef Borchers) / (jk)

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