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Telepolis

Die Ekstase der Technik: 100 Jahre Futuristisches Manifest

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Heute vor 100 Jahren veröffentlichte der Italiner Filippo Tommaso Marinetti in der französischen Zeitung Le Figaro das Manifest des Futurismus. In ihm predigte der Schriftsteller die Abkehr von den "Schönen Künsten" und die Hinwendung zur modernen Technik als Thema der Kunst.

Der in Ägypten geborene Marinetti konnte auf der Titelseite der Zeitung seine futuristischen Ideale verkünden, weil über einen ägyptischen Teilhaber der Zeitung Druck ausgeübt wurde. Nach einer Vorrede, in der Marinetti einen seiner Autounfälle beschreibt, ist gleich die erste These das komplette Programm: "Nous voulons chanter l'amour du danger, l'habitude de l'énergie et de la témérité": Die Liebe zur Gefahr, der intime Umgang mit Energie mündet in die Verwegenheit. Geschwindigkeit und Elektrizität werden als zeitgemäße Kunstform besungen. Das Manifest verfehlte seine Wirkung nicht, Marinetti wurde in ganz Europa diskutiert.

Mit dem Manifest startete er im Alleingang die Bewegung der Futuristen als Vorfahren der Cyberpunks. Marinetti forderte eine neue Sensibilität, eine "drahtlose Einbildungskraft": "Diejenigen, welche heutzutage Dinge benutzen wie Telephon, Grammophon, Eisenbahn, Fahrrad, Motorrad, Ozeandampfer, Luftschiff, Flugzeug, Kinematograph und große Tageszeitungen, denken nicht daran, dass diese verschiedenen Kommunikations-, Verkehrs- und Informationsformen auch entscheidenden Einfluss auf ihre Psyche ausüben." Diesen Einfluss müsse eine zeitgemäße Kunst ausdrücken können.

Kurz nach Veröffentlichung des Manifests erschien Marinettis Theaterstück Poupées électriques als Buch, komplett mit dem Manifest und einem das Manifest erläuternden Interview. Die "elektrischen Puppen" sind das erste Roboterdrama der Neuzeit, in dem der Sex mit mechanischen Menschen propagiert wird, passend zum frauenfeindlichen Manifest und seiner These Nummer 9, die die Verherrlichung des Krieges und die Verachtung des Weibes propagierte. Der Dreiakter schildert die unglückliche Liebe zweier französisch-ägyptischer Ehepaare, wobei im zweiten Akt die elektrischen Puppen des Ingenieurs John Wilson die Hauptrolle spielen. Nur in ihrer Gegenwart ist er potent genug, seine Frau zu lieben, begleitet vom Stöhnen der Puppen. Die italienische Uraufführung (Turin 1909, unter dem Titel "La donna è mobile") endete in einem Theaterskandal, bei dem Marinetti seinem Publikum dankte: "Es ist mir eine Ehre, wenn Sie meine Kunst zerhacken".

Die französische Uraufführung gelang, fand sie doch in dem Theater statt, das sonst das Stück König Ubu von Alfred Jarry spielte. Allerdings interessierte sich das Publikum nur für den zweiten Akt mit den Robotern. Marinetti zog daraus die Konsequenzen und strich die Handlung bis auf die elektrischen Puppen zusammen. Dann tourte mit dem Stück unter dem Namen "Elettricità Sessuale" (sexuelle Elektrizität) durch Italien, bei jedem Auftritt einen Skandal provozierend. Zum festen Bestandteil des Stücks von der Roboterliebe, das im Untertitel "Sintesi futuristi" (futuristische Synthese) hieß, gehörte die Verlesung des futuristischen Manifestes. Gekoppelt mit einer handfesten Provokation der örtlichen Behörden konnte Marinetti so den Eindruck erwecken, dass es tatsächlich eine rege Gruppe von Futuristen gebe. Besonders bekannt wurde der Auftritt in Venedig, wo Marinetti die Zuschauer aufforderte, die "stinkenden Kanäle" zuzuschütten und ordentlich zu planieren, damit Elektroautos die Gondeln ersetzen können.

Ab 1910 bildete sich tatsächlich eine Künstlerbewegung, die den Futurismus vor allem in der Malerei verankerte. In der Musik produzierte der Futurismus das Manifest der Geräusche durch Luigi Russolo, der ganze Städte mit Lautsprechern und Nachrichten beschallen wollte und von Robert Moog als Urvater der synthetischen Musik bezeichnet wurde. In der Gebrauchskunst wäre der Futurist Marcello Nizzoli zu erwähnen, der als Designer für Olivetti Schreibmaschinen und die ersten elektrischen Rechner der Divisumma-Reihe entwarf. 1912 zog eine futuristische Wanderausstellung durch Europa und beeinflusste lokale Kunstszenen.

Mit dem Kriegseintritt Italien endete der Aufbruch des Futurismus und die Wirkung des futuristischen Manifestes. Viele Künstler starben, der Rest politisierte sich in der Nachkriegszeit. Marinetti selbst wurde Parteigänger von Mussolini und unterstützte den italienischen Faschismus in der Hoffnung, dieser würde den Futurismus als "Artekratie" zur Staatskunst dekretieren. Der an Kunst desinteressierte Duce holte Marinetti in die Regierung, hatte aber kein Interesse, sein Werk als Staatskunst zu fördern. Was mit dem futuristischen Manifest so heroisch begann, endete im Faschismus mit einem Küchenmanifest, das den Italienern den Genuss von Pasta verbieten wollte. (Detlef Borchers) / (jk)

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