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Die Grabber sind erneut am Drücker bei der .eu-Domain

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Erneut klagen Registrare über Domainpiraterie im wohlregulierten .eu-Land, nachdem die .eu-Registry Eurid zum ersten Mal .eu-Adressen aus der Sunrise-Phase auf den Markt geworfen hat. Anfang April war die so genannte Landrush-Phase bei der .eu-Domain gestartet, in der die Registrierung der .eu-Domains allen offen steht. Zuvor wurden in der ersten Sunrise-Phase nur Registrierwünsche von öffentlichen Einrichtungen – etwa Bundes- und Landesbehörden – und von eingetragenen Markeninhabern berücksichtigt. In der Sunrise-Phase 2, die dem Landrush vorausging, konnten auch Inhaber von firmen- oder anderen rechtlich geschützten Namen .eu-Domains vorregistrieren.

Von 50.000 .eu-Adressen, die im Rahmen der Sunrise-Phasen zwar angemeldet, dann aber wegen Formfehlern oder verpasster Deadlines nicht registriert werden konnten, waren nach nur einem Tag bereits rund 44.000 registriert, erklärte Eurid-Sprecher Patrik Linden. Eurid will ab jetzt immer dienstags die begehrten Adressen freigeben, für die das Sunrise-Verfahren erfolglos beendet wurde.

Viele Registrare klagen nun, die von ihnen im Auftrag leer ausgegangener Kunden beantragten Domains seien vor allem an Domaingrabber gegangen. In zwei Richtungen gingen die Fingerzeige von Registrarexperten: Einer weist zu der mit zypriotischer Adresse auftretenden Ovidio Limited, deren Webseite allerdings nur spartanisch Auskunft über ihre Geschäfte gibt: Man besitze ein "Portfolio von Domainnamen" und betreibe die entsprechenden Webseiten dazu. Das kleine Zypern liegt nun laut aktueller Eurid-Status-Liste nur knapp hinter Frankreich auf Platz sechs der großen Domaininhaber in .eu-Land.

Ovidio zu erreichen – und sei es nur, um sich nach dem Preis einer Domain zu erkundigen – ist schwierig. Telefonisch landet man bei einem Anrufbeantworter, ein Blick ins Whois von ovidiolimited.com zeigt, dass die Domains über den Anonymisierungsdienst "Domains by Proxy" bei GoDaddy registriert wurden. Der Registrar von Ovidio, Marcom Computix, wartet nicht einmal mit einer Webseite auf. Der Versuch telefonischer Kontaktaufnahme lief auch hier ins Leere – auch über Marcoms Schwestern Marcom Genesis, Marcom Internet, Marcom NamePark etc.

Der andere Fingerzeig von Seiten der leer ausgegangenen eu-Registrierer geht in Richtung Niederlande, zur Vof Weblog Hosting Nederland. Eine Webseite zu diesem Unternehmen ist in Eurids Registrardatenbank nicht angegeben. Auf Nachfrage bei dem Unternehmen sagte eine Vertreterin, man gebe keinerlei Informationen zur Anzahl der am gestrigen Donnerstag registrierten eu-Adressen heraus. Als Begründung für die fehlende Auskunftsbereitschaft führte man Datenschutzgründe ins Feld.

Das von Eurid hochgehaltende First-Come-First-Serve-Prinzip hat Ovidio nach Ansicht anderer Registrare zudem klug unterlaufen. Bart Mortelmans vom belgischen Registrar bNamed glaubt, dass Ovidio das komplette .com-Zonefile vorab über den Domainname Availability Server (DAS) bei Eurid gejagt und dadurch die Namen identifiziert hat, die innerhalb der .eu-Sunrise-Phase vorgemerkt, aber noch nicht registriert wurden. Die kleinere Liste konnte über das Registryprotokoll EPP auf die Verfügbarkeit gecheckt worden sein, lautet Mortelmans' Vermutung. Eine Stunde vor dem Ministart schließlich habe der DAS-Server die 50.000 ehemaligen Sunrise-Adresse als "frei" angezeigt. "Ich weiß nicht, wer davon wußte, uns war das nicht bekannt", sagt Mortelmans. Doch darüber könnte die endgültige Liste weiter verfeinert worden sein.

Selbst über den eigentlich geschützten Whois-Server, der den genauen Status der Domains anzeigte, haben Grabber möglicherweise versucht, an genaue Daten zu kommen. Mortelmanns hat festgestellt, dass Eurid kurz vor dem Ministart die Captcha-Variante geändert hat, mit der automatisierte Abfragen unmöglich gemacht werden sollen. Der Run auf die begehrten Namen war am Dienstag auf jeden Fall innerhalb von wenigen Minuten entschieden. Mortelmans ist sicher, dass sich Ovidio einer großen Zahl von Registraren bedient hat, um die Adressen einzuliefern. Nach dem bisher bereits festzustellenden Registrar-Kloning ist den EU-Registraren ein Dorn im Auge, dass allein in New York 400 Registrare sitzen sollen – die Mehrzahl wohl Ableger eines einzelnen US-Registrars.

Nicht bestätigt haben mehrere deutsche Registrare gegenüber heise online, dass es in den ersten Minuten schwer war, zum Eurid-Server durchzukommen. Sowohl bei der TAL in Wuppertal als auch bei InternetNetWire in München beispielsweise zeigte man sich mit dem technischen Ablauf zufrieden. Die Erfolgsquoten nannte Matthias Klaus von der TAL "ein wenig enttäuschend", obwohl Kunden mit Eigennamen oder Firmennamen noch gut weggekommen seien. Bei Allgemeinbegriffen und Adressen mit drei Buchstaben winkten beide Unternehmen ab. Klaus will selbst noch einmal nachprüfen, ob nicht sogar einer der Grabber zu früh – also vor 11 Uhr – ins Rennen ging. Eurid hat in den endgültigen Daten die Sekundenangaben zur Registrierung herausgenommen.

Auch nach diesem Start wird wieder einmal die Frage laut, warum Eurid dem Treiben bislang nur zusieht. Die strengen Regeln, die etwa ein böswilliges oder auf Vorrat angelegtes Registrieren unter Strafe stellen, werden aus Sicht vieler Registrare nicht angewandt. Bei Eurid, sagte Sprecher Linden allerdings, habe es bislang keine Beschwerden gegeben. Würde es welche geben, würde man die Situation analysieren. "Vielleicht sind die Grabber dieses Mal zu weit gegangen", meint Klaus. Bislang aber ist Eurid weder gegen geklonte Registrarunternehmen noch gegen Grabbing im großen Stil vorgegangen.

Siehe zum Thema auch:

(Monika Ermert) / (jk)