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Die Letzten ihrer Art: VHS-Cassetten werden nicht mehr hergestellt

Nach knapp 40 Jahren wird die Fertigung von VHS-Videocassetten eingestellt. Einst als Emanzipation vom TV-Programm bejubelt, gelten bandbasierte Medien schon seit mehr als einem Jahrzehnt als die ganz alte Schule. Verkauft werden sie aber... noch.

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VHS-Cassette

Platinum bietet die mutmaßlich letzten VHS-Cassetten mit dem Aufdruck "Final Edition" an.

(Bild: SK-Unternehmensgruppe)

Das nennt man wohl Abschied auf Raten: Bereits 2008 verkündete JVC, selbsternannter Erfinder des Video Home Systems (VHS), das Fertigungsende für VHS-Videorecorder. Doch erst jetzt vermeldet die unter den Marken Platinum und Xlyne agierende SK-Unternehmensgruppe (Sauerland-Kunststoff), die letzten auf der Welt verfügbaren VHS-Videocassetten aufgekauft zu haben und voraussichtlich noch bis zum Ende des Jahres 2015 in Deutschland anzubieten.

Ob es tatsächlich die letzten Cassetten sind, weiß SK-Geschäftsführer Jörg Hellweg selbst nicht ganz genau. Aber die weltweite Suche nach einer Alternative zu den Produkten des südkoreanischen Lieferanten Cosmo AM & T (Advanced Materials & Technology) blieb bisher ergebnislos. Fakt ist: Laut Rob van der Spank von Fujifilm verließen die letzten VHS-Videocassetten deren Lager vor zwei Jahren. Bei Imation, die das Cassettengeschäft von TDK übernommen haben, und Maxell war kurzfristig wiederum niemand für eine konkrete Auskunft zu erreichen. Imation hat offiziell nur Datenbänder im Angebot, Maxell bietet auf seiner Webseite lediglich Bänder für professionelles Audio- und Videoequipment an – und selbst dabei soll es sich um Restposten handeln. Damit endet nach 39 Jahren also endgültig eine Erfolgsgeschichte.

Laut Hellweg zu früh: Sein Unternehmen verkauft monatlich in Deutschland fünfstellige Stückzahlen der antiquierten Speichermedien. Für die Heimvideosysteme werden Chromdioxid-Partikel oder Substitute auf transparente Trägerfolie gegossen, gewalzt, in 1,27 Zentimeter (ein halber Zoll) breite Streifen geteilt und auf Spulen in Cassettengehäuse gepackt. Doch die Herstellung scheint sich nicht mehr zu lohnen.

Den langanhaltenden Erfolg von VHS werden JVC und der Vater des Systems, der 1993 verstorbene Katsuya Yokoyama, wohl selbst am wenigsten erwartet haben: Zwar war das Video Home System bei seiner Markteinführung in Japan und den USA 1976 der große Wurf – nicht zuletzt, weil bei zwei Stunden Aufnahmezeit auf einer etwa taschenbuchgroßen Cassette ein kompletter Spielfilm oder ein ganzes Footballspiel samt Werbeblock im NTSC-Format auf ein Band passten. Das von Sony (mit Unterstützung von NEC, Sanyo-Fisher und Toshiba) entwickelte Konkurrenzformat Betamax speicherte auf einer etwas kompakteren Cassette maximal eine Stunde Bild und Ton.

JVC bot sogar noch D-VHS-Recorder (urpsrünglich Data, dann Digital VHS) an, die Bild und Ton digital auf Cassette aufzeichneten. Die Modelle für Japan und die USA waren HD-tauglich. Auf breiter Ebene durchsetzen konnte sich das System nicht.

Erst 1977 machten sich die Lager daran, den europäischen Markt aufzurollen – die VHS-Recorder für PAL beziehungsweise Secam speicherten auf derselben Cassette nun drei Stunden, die Betamäxe 3:15 Stunden.Philips und Grundig dilettierten mit ihren eigenen Systemen VCR Longplay beziehungsweise mit SVR herum. Erst 1979 – und damit zu spät – legten sie mit der Gemeinschaftsentwicklung Video 2000 nach. Aber da hatte JVC das Rennen längst für sich entschieden, fortan bauten alle VHS-Recorder.

Letztlich profitierten alle Heimvideosysteme von der für professionelle Maschinen geleisteten Vorarbeit. Das kniffligste Problem: Audio-Tonbandgeräte oder Cassettendecks speichern das ursprüngliche Wechselstrom-Tonsignal nur leicht modifiziert auf Magnetband. Für Video ist dieser direkte Weg versperrt. Denn die maximal mögliche Frequenz, die man auf Band speichern kann, ist abhängig von Bandgeschwindigkeit und dem Spalt im Aufzeichnungskopf. Der kann nicht beliebig klein werden; für ein Videosignal war eine Transportgeschwindigkeit von vier Metern/Sekunde Minimum.

Die BBC experimentierte ab 1952 mit "Vera" – einem Ungetüm, das das Band tatsächlich mit einer Geschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde transportierte. Trotz Spulen mit einem Durchmesser von mehr als einem halben Meter zeichneten die Geräte nur 15 Minuten Bild und Ton auf. Das änderte sich erst, als der Telefunken-Ingenieur Eduard Schüller sich 1953 die Schrägspuraufzeichnung patentieren ließ: Er setzte die Aufzeichnungsköpfe auf eine rotierende Trommel, die sich schräg über das langsam daran vorbeilaufende Band bewegte.

Anfang Juni 2015 verkündeten diverse Medien den 40. Geburtstag des Videorecorders. Das ist aber Unsinn: Sony mag im Juni 1975 den ersten Betamax der Öffentlichkeit präsentiert haben, aber Philips verkaufte schon seit 1971 seine VCR-Geräte in Europa. JVC, Panasonic und Sony hatten ebenfalls seit 1971 ihr U-matic-System im Sortiment. Amateursysteme mit Offenspulenband gab es sogar schon vorher von diversen japanischen Herstellern – etwa Sonys Portapak. (Karl-Gerhard Haas) / (nij)

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