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Die Luftnummer: Domains mit Umlauten

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Seit Anfang der Woche lassen sich com-, net- und org-Adressen mit Umlauten, Akzenten und anderen einzelsprachlichen Sonderzeichen bei Verisign/NSI, einigen US-amerikanischen und asiatischen Unternehmen und der dänischen Firma Speednames registrieren. Für 25 bis 35 US-Dollar pro Jahr können deutsche Nutzer also www.würstchen.org reservieren. Was aber sind die Test-Reservierungen wert, solange kein Client die in Raw Ascii Compatible Encoding (RACE) kodierten Namen interpretieren und der Nutzer die Registrierung auch nur über den für ihn reservierten RACE-String (etwa "- bq--abxyrkjk.com") abfragen kann? "Bitte bedenken Sie: Multilinguale Domainnamen, die sie registrieren, werden nicht im Netz verfügbar sein bis die Software zur Auflösung dieser Namen weiter entwickelt und von den com-, net- und org-Rootservern implementiert ist", heißt es dazu im Speednames-Angebot.

Als "Luftnummer" bezeichnet CORE-Registrar Elmar Knipp die Aktion von Verisign/NSI. Knipp hat sich Ende vergangener Woche in einem Schreiben an seine Kunden gewandt und begründet, warum sein Unternehmen sich nicht beteiligen will. Solange noch nicht entschieden ist, für welche Lösung sich die Internet Engineering Task Force (IETF) zur Darstellung von nicht-englischsprachigen Domains entscheidet, mache die Registrierung keinen Sinn. Ärgerlich ist Knipp wie viele andere Registrare vor allem darüber, dass diejenigen, die auf die Verabschiedung des Standards warteten, angesichts des von Verisign ausgelösten Marketing-Rummels ins Abseits gedrängt würden. Beobachter schätzen, dass Verisign das Thema vor allem dazu nutzt, die seit der Öffnung des Registrarmarktes sinkenden Marktanteile von Verisign/NSI zu kompensieren.

Das von Verisign und den knapp 30 Testbed-Registraren verwendete RACE ist einer von einem halben Dutzend Vorschlägen, die derzeit zur Diskussion stehen. Es ist noch nicht einmal entschieden, ob sich die Arbeitsgruppe für eine ASCII-kompatible Kodierung entscheidet oder nicht. Auf jeden Fall werde auch Verisign einen von der IETF ausgehandelten Standard verwenden, sicherte das Unternehmen bereits im Zusammenhang mit einem Test für asiatische Domains im Herbst vergangenen Jahres zu. Die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) wie die IETF hatten Verisigns vorzeitigen Alleingang kritisiert. Verisign/NSI wolle damit Fakten schaffen, kritisierten Provider bei einer Konferenz des ICANN-Studienkreises Anfang des Monats in Zürich. Doch dass die von dem Ex-Monopolisten verwendete Auflösung der Zeichen nach RACE das System der Wahl sein wird, muß bezweifelt werden. Die von Verisign verwandten Zeichentabellen werden angeblich inzwischen selbst vom RACE-Autor Paul Hoffman als fehlerhaft bezeichnet.

Gänzlich unklar bleibt vor allem die für die Nutzer zentrale Frage: Sollte ein IETF-Standard verabschiedet werden, bekommt er dann das bezahlte würstchen.com? Ursprünglich habe Verisign sich dahingehend geäußert, dass man dann einfach den in RACE registrierten String anpassen werde, sagt Elmar Knipp. Inzwischen habe Verisign die Verantwortung an die Registrare weitergegeben. Diese sollten nach der Verabschiedung einer anderen Kodierung für die nicht-englischen Namen die Registrierungen ihrer Kunden anpassen. Shonna Keagan, Sprecherin für Testbed-Registrar Register.com, gibt allerdings die Verantwortung an die IETF zurück: "Was auch passiert, ich könnte mir vorstellen, das die IETF Sorge trägt, dass bestehende Verpflichtungen gegenüber Kunden gewürdigt werden. Allerdings, wie schon gesagt, gibt es keine Garantien."

Wenn die Kunden Pech haben, erfolgt die Registrierung wohl wieder nach dem Prinzip "first come, first serve". Dann wäre die jetzt bezahlte Registriergebühr eine Fehlinvestition. NSI hat sich in seinen Geschäftsbedingungen auf jeden Fall klar abgesichert: "Die Kodiersysteme, Protokolle und andere Technik, die MDN [multilinguale Domains] ermöglichen, unterliegen nicht unserer Kontrolle und können ohne Vorwarnung geändert werden. Sie übernehmen alle Risiken, dass solche Änderungen Ihre Möglichkeiten, die von Ihnen registrierten MDN zu nutzen, beeinträchtigen oder verhindern können. Außerdem wissen Sie und sind einverstanden damit, dass wir als Ergebnis solcher Änderungen MDN-Registrierungen kurzfristig oder dauerhaft unterbrechen oder ablehnen."

Wieviele Nutzer in den ersten beiden Tagen trotzdem für eine Registrierung entschieden haben, darüber gibt es aktuell noch keine Zahlen. Bei den asiatischen Domains verzeichnete Verisign bislang bereits 800.000 Registrierungen. Nur am Rande bemerkt: Würstchen.com und Würstchen.net sind leider schon vergeben, um zu wissen an wen, muß man die RACE-Kodierung kennen. Würstchen.org ist derzeit noch zu haben. (Monika Ermert) (jk)