Die Menschheit als Peer-to-Peer-Netzwerk

Soziologen erklären, wieso zur Nachrichtenübermittlung in einem weltweiten Netz nur das Ziel und die nähere Umgebung des Absenders bekannt sein muss.

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Von
  • Hans-Peter Schüler

Soziologen erklären, wieso zur Nachrichtenübermittlung in einem weltweiten Netz nur das Ziel und die nähere Umgebung des Absenders bekannt sein muss. In einem Artikel der Zeitschrift Science benutzt der selbst ernannte Small World Principal Investigator Duncan J. Watts die ganze Menschheit als Modell, um den Nachrichtenfluss in einem Peer-to-Peer-Netzwerk zu beschreiben.

Britney Spears ist für jeden erreichbar -- über sechs Ecken. So lassen sich Versuchsergebnisse aus den Sechzigerjahren interpretieren, wonach willkürlich ausgewählte Probanden ohne die Hilfe zentraler Adressregister Botschaften an wildfremde Empfänger übermitteln sollten. Nach Vorgaben der Forscher Stanley Milgram und Jeffrey Travers durfte jede Testperson die Botschaft nur an einen einzigen Adressaten aus ihrem Bekanntenkreis weiterleiten, der es vermeintlich weniger weit zum letztendlichen Empfänger der Nachricht hat. Damals kam heraus, dass die Sendungen, die das vorgesehene Ziel quer durch die USA tatsächlich erreichten, verblüffend wenige Schritte dafür benötigten.

Ausgehend von den Voraussetzungen dieses Experiments -- es gibt keine Karte aller nutzbaren Verbindungen, niemand kennt wirklich jeden denkbaren Adressaten und Rundumschläge vom Typ einer Broadcast-Message sind nicht zulässig -- entwirft Watts ein Modell für die absehbaren Verbindungswege. Er kommt dabei zu Erkenntnissen über Adressierungsprobleme in der Soziologie, die er für übertragbar etwa aufs Netzwerk-Design und das Wissensmanagement hält:

Menschen klassifizieren ihre Mitmenschen in ein hierarchisches System von Gruppen mit der ganzen Weltbevölkerung in der obersten Schicht und dem persönlichen Umfeld von nicht mehr als 100 Mitgliedern zuunterst.

Auf jeder Ebene bestehen mehrere unabhängige Umfelder parallel, etwa auf Grund der geographischen Nachbarschaft oder des gleichen Berufs.

Bei der Suche nach einer persönlich unbekannten Zielperson ermittelt der Fragesteller das beste Bindeglied aus seinem Bekanntenkreis an Hand aller auswertbaren Umfelder, auch wenn sich die berücksichtigten Kriterien kaum systematisch in einer Datenbank ablegen ließen. So müsste der aussichtsreichste Helfer, um das Pop-Idol anzubaggern, weder dessen engster Nachbar sein, noch müsste er singen können oder die gleichen Autos bevorzugen.

Laut Watts trägt aber die kombinierte Auswertung aller derartigen Merkmale dazu bei, dass jeder einzelne Bote aus der Verbindungskette allein an Hand seines individuellen Umfelds die Botschaft näher ans Ziel bringen kann. Mit den passenden Parametern -- etwa der Zahl nutzbarer Umfeldkategorien (Postanschrift, Beruf und Lifestyle wären drei) oder dem Risiko, dass eine Übertragungskette auf halbem Wege abbricht -- könnte man Milgrams damalige Beobachtungen erklären, die Auslastung in Computernetzwerken vorhersehen oder Suchstrategien für Web-Recherchen verbessern. (hps)