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Die Milliardenwette der Musiktauschbörse

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In San Fransisco verkündete zwar Napster-Chef Barry die Offerte der Musiktauschbörse an die Musikindustrie, doch die Väter des Milliardenangebots sind eigentlich Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff und sein Chef-Stratege für E-Commerce, Andreas Schmidt. "Im Interesse der Verbraucher und der Künstler ist nun die Zeit gekommen, dass die Industrie ihre Waffen niederlegt", meinte Schmidt dazu.

Napster-Chef Hank Barry bot allein den vier größten Plattenfirmen für die kommenden fünf Jahre einen garantierten Umsatz von zusammen 150 Millionen US-Dollar pro Jahr an, dazu kommen noch 50 Millionen US-Dollar für unabhängige Labels. Dafür sollen die Plattenfirmen im Streit um eine angebliche Verletzung der Urheberrechte durch Napster und seine Benutzer eine Einigung außerhalb des Gerichtssaals anstreben.

Der Chef der Bertelsmann eCommerce Group rechnete vor, das Milliarden-Angebot für den Musiktausch über das Internet komme für die Industrie einem Umsatz von über fünf Milliarden US-Dollar beim traditionellen CD-Verkauf gleich: Wesentliche Kosten, etwa für CD-Produktion oder den herkömmlichen Vertrieb, fielen weg. "Die Abgaben für die Künstler sind bei einem Datei-Tausch-Modell der einzig relevante Kostenfaktor."

Die Vorschläge von Middelhoff und Schmidt in San Fransisco wurden von den Lobbyisten der Musikindustrie zunächst spontan zurückgewiesen. "Warum machen die hier eine Pressekonferenz anstatt mit den Plattenfirmen zu verhandeln", regte sich Hilary Rosen auf, die Präsidentin der Record Industry Association of America (RIAA). "Die Labels haben immer gesagt, dass sie individuell für Verhandlungen bereitstehen, um künftige Lizenzmodelle zu diskutieren. Dieses Vorgehen wäre produktiver als Geschäftsverhandlungen über die Medien anstoßen zu wollen."

Napster und Bertelsmann können sich in den anstehenden Gesprächen mit den Labels auf den großen Markenwert der Internet-Tauschbörse stützen. In den vergangenen Tagen stieg die Zahl der registrierten Napster-User nach Angaben des Dienstes auf 64 Millionen an. Einer Napster-internen Statistik zufolge loggen sich die Anwender der Tauschbörsen innerhalb von zwei Wochen sieben Mal in den Dienst ein, um Musiktitel zu tauschen. Gleichzeitig kaufen Napster-Nutzer angeblich fast doppelt so häufig CDs als andere Menschen (neun CDs in sechs Monaten statt den durchschnittlichen fünf).

Ganz unabhängig von dem Streit um Napster wird sich die Musikindustrie in Sachen Internet-Tausch bewegen müssen. Zum einen stehen im Internet zahlreiche Napster-Konkurrenzdienste wie beispielsweise Gnutella zur Verfügung, die nicht zentral gesteuert werden und deshalb auch nicht durch einen Gerichtsbeschluss gestoppt werden können. Auch neue Anbieter wollen auf den Markt, etwa Carraccho mit einer Technik, die unter dem Code-Namen Spice Weasel entwickelt wird und die Rechte der Urheber schützen soll. Carracho hat nach eigenen Angaben Unterstützung von einem großen deutschen Medienhaus in Deutschland, um "die Produkte weiter zu verbessern und die 'neue Anwedung' zu entwickeln". Dieses Medienhaus sei aber nicht Bertelsmann – offensichtlich handelt es sich um Burda, deren Tochter Burda Digital mit Carracho zusammenarbeitet.

Auf der anderen Seite stellen die großen Labels EMI, Sony, Universal und Warner den musikbegeisterten Internet-Usern große Hürden in den Weg, um im Netz legal an einen Musiktitel heranzukommen. Bei acht unterschiedlichen Auslieferungsketten sind derzeit Firmen wie Microsoft, IBM, Liquid Audio und Real beteiligt. Das daraus sich ergebende Standard-Chaos hat sich bislang als die größte Bremse beim Vertrieb von Musik über das Netz erwiesen.

Ob das Napster-Modell funktionieren wird, hängt nicht nur von den umworbenen Plattenfirmen ab. Die Napster-User selbst werden über die Zukunft des Dienstes entscheiden, denn sie werden künftig nicht mehr umsonst an die Hits aus dem Netz herankommen. Wenn die Napster-User in Scharen zu Diensten wie Gnutella wechseln, könnte die Milliardenwette von Napster und Bertelsmann nicht aufgehen. (Christoph Dernbach) / (jk)