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Die Mondlandung, ein Magnet für Verschwörungstheorien

Eine kurze Geschichte der absurden, aber nicht auszurottenden Idee, Menschen seien in Wirklichkeit nie auf dem Mond gelandet.

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Buzz Aldrin auf dem Mond

(Bild: NASA)

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Am 16. Juli 1969 war es soweit: Apollo 11 brach zur ersten Mondlandung auf – und am 20. Juli landete die Mondfähre Eagle mit Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond, während Michael Collins in der Apollo-Kapsel den Mond umkreiste. Am 21. Juli setzte dann Neil Armstrong als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond. In einem Schwerpunkt zur Mondlandung beleuchtet heise online die Ereignisse rund um die Apollo-Missionen.

Zum 50. Jahrestag ist die erste Mondlandung unglaublicher denn je: Die NASA hatte es ganz knapp geschafft, innerhalb des von John F. Kennedy angekündigten Jahrzehnts, Amerikaner auf den Mond zu bringen. Knapp drei Jahre später war nach der Landung von Apollo 17 dann alles vorbei und seitdem hat kein Mensch mehr den Mond betreten, geschweige denn eine auch nur annähernd ähnliche Leistung bei der Erforschung des Weltalls erbracht.

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Ende der 1960er Jahre schien noch alles möglich, der Weltraum stand uns offen – erwartungsgemäß hatten wir längst den Mars betreten haben müssen. Die Enttäuschung, die sich seitdem nicht nur in den USA über ausbleibende weitere Erfolge des Weltraumprogramms breit gemacht hat, erklärt wohl, warum sich Zweifel an der Echtheit der NASA-Mondmissionen hartnäckig halten. Fünfzig Jahre nach der ersten Mondlandung werden diese Zweifler eher mehr als weniger. Einen großen Anteil daran hat auch das Internet.

Angefangen hat wohl alles mit Bill Kaysing, einem ehemaligen US-Marine-Offizier, der einige Jahre vor der Mondlandung beim Raketen-Hersteller Rocketdyne als technischer Redakteur gearbeitet hatte. Rocketdyne produzierte die Raketenmotoren für die bei der Mondmission verwendete Saturn-V-Rakete. Nach seinem Ausscheiden bei der Firma, Jahre vor der eigentlichen Mondlandung, fing er an daran zu zweifeln, dass die USA tatsächlich die technischen Mittel dazu habe, Astronauten sicher vom Mond wieder auf die Erde zurück zu bringen.1976 veröffentlichte Kaysing in Eigenregie ein Heft namens "We Never Went to the Moon: America's Thirty Billion Dollar Swindle" und legte damit wohl den Grundstein für eine Reihe von Verschwörungstheorien, die behaupten, NASA wäre nie auf dem Mond gelandet und hätte die Mond-Missionen mit samt der entsprechenden Fernsehbilder komplett gefälscht.

Immer wieder wurde von Anhängern dieser Theorien behauptet, der bekannte Science-Fiction-Author Arthur C. Clarke hätte das Drehbuch zu dieser Inszenierung geschrieben. Stanley Kubrick soll als Regisseur für die gefälschten Aufnahmen verantwortlich gewesen sein, wohl wegen der damals bahnbrechenden Spezialeffekte seines Filmes "2001: Odyssee im Weltraum". Dieser war ein Jahr vor der Mondlandung in die Kinos gekommen und hatte die Darstellung des Weltraums im Film revolutioniert. Dass James Bond im ebenfalls thematisch von Weltraumthemen beeinflussten Film "Diamantenfieber" aus dem Jahr 1971 über ein Filmstudio der NASA stolpert, in dem Astronauten gerade in Schein-Zeitlupe Mond-Szenen nachstellen, war zwar lustig, hat aber den Verschwörungstheorien damals ziemlich wahrscheinlich noch mehr Aufwind in den Augen der Öffentlichkeit gegeben.

Die Errungenschaften der Apollo-Missionen erschienen auf einmal so unglaublich, dass es für einige einfacher zu sein schien, an eine großangelegte Desinformationskampagne der US-Regierung zu glauben. In der politisch aufgeheizten Situation auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges – eben jene Situation, die erst zur Entstehung des waghalsigen Wettrennens zum Mond geführt hatte – ist diese Denkweise weit weniger abwegig, als sie heutzutage erscheint.

Man muss sich dabei vor Augen führen, dass das Vertrauen der US-amerikanischen Öffentlichkeit in die eigene Regierung in den 1970er Jahren einen absoluten Tiefpunkt erreicht hatte. Die Pentagon Papers hatten 1971 gezeigt, dass die Johnson-Regierung das eigene Volk gezielt über die Vorgänge im Vietnam-Krieg belogen hatte. Ein Jahr später brach der Watergate-Skandal über die Folgeregierung Nixon herein. Im Jahr 1979 schließlich kam eine Untersuchung des US-Kongresses zu dem Schluss, dass die Attentate auf John F. Kennedy und Martin Luther King höchstwahrscheinlich auf eine Verschwörung zurück zu führen waren.

Die erste Mondlandung (15 Bilder)

Der Start

Am 16. Juli 1969 hatte eine Saturn V die drei Astronauten in Richtung Mond geschossen.
(Bild: NASA)

Dass auch andere Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit der Regierung in diesem politischen Klima an Popularität gewannen, ist nachvollziehbar. Schließlich sind Verschwörungstheorien nicht pauschal immer Blödsinn, denn manchmal finden im politischen Leben tatsächlich Verschwörungen statt – etwa die Planung des Mauerbaus durch die DDR oder der Versuch der Sowjetregierung, das Tschernobyl-Unglück zu vertuschen. Was sich allerdings durch den damaligen Zeitgeist noch einigermaßen erklären ließ, nahm im Laufe der Zeit geradezu groteske Züge an.

Nach Kaysings bahnbrechendem Buch kamen immer mehr Autoren, Filmemacher und eine Ansammlung merkwürdiger Gestalten auf die Idee, die Mondlandung anzuzweifeln. Ihre Erklärungen dafür reichen von den riesigen Kosten des Unternehmens, über angebliche optische oder akustische Anomalien in Fotos und Filmmaterial bis hin zur vermeintlich unüberwindbaren kosmischen Strahlung außerhalb des Magnetfeldes der Erde, die ihren Berechnungen nach sofort zum Tod der Astronauten geführt hätte.

Obwohl Wissenschaftler und Experten seitdem viele dieser Argumente eindeutig widerlegt haben und externe Quellen eigene Beweise für die Hinterlassenschaften der Apollo-Missionen auf dem Mond gefunden haben, hielten sich diese Theorien hartnäckig über die '80er und '90er Jahre hinweg und wurden von ihren Verfechtern stetig weiter ausgebaut. Die Verteidiger der Theorie von der gefakten Mondlandung lassen sich nicht mal dadurch von ihrem Irrglauben abbringen, dass selbst die Daten der Sowjets den Mondflug ihres Erzfeindes bestätigen. Mittlerweile werden selbst Vergleiche zu Filmaufnahmen von Weltraumspaziergängen von ISS-Astronauten dazu herangezogen, die angeblichen Fehler im angeblich gestellten Apollo-Filmmaterial aufzuzeigen.

Mit der Popularisierung des Internets würde die Behauptung vom großen Fake in weitere Bereiche der Gesellschaft getragen und dort weiterentwickelt. Obwohl das Internet seinen Benutzern einen bisher nie dagewesenen Zugang zum gesammelten Wissen der Welt ermöglicht, schafft es zunehmend eben auch einen Raum, in dem jeder seine Theorien in einem ganz neuen Maßstab verbreiten kann. Den Mondlandungs-Zweiflern wurde auf diesem Wege eine Plattform verschafft, bei der es nicht darauf ankommt, wie gut sich eine entsprechende Theorie belegen lässt, sondern eher darauf, wie gerne ihre Empfänger an sie glauben wollen.

Wo Mondlandungs-Verschwörungstheorien früher eher die Domäne von Autoren, Filmemachern und einigen ins Abseits geratenen Journalisten waren, werden sie heute vor allem von Podcastern und YouTubern vorgetragen und auf Reddit und Facebook verbreitet. Diese Theorien sind damit verstärkt aus den Untiefen abseitiger Diskussionsforen direkt in eine sich neu entwickelnde Medienlandschaft übergegangen.

Wohingegen in den '70ern solche Verschwörungstheorien hauptsächlich vom Misstrauen gegenüber der eigenen Regierung vorangetrieben wurden, gesellt sich im Internet dieser Tage das Misstrauen vor der Presse und elitären Wissenschaftlern als wichtigerer Faktor hinzu. Und im Gegensatz zum Glauben an eine flache Erde, an eine Regierungsverschwörung zur gezielten Wetterveränderung oder der Bewusstseinsmanipulation mittels Chemtrails ist das Misstrauen darüber, dass die NASA im Jahr 1969 einen Mann auf den Mond schicken konnte wenn sie es heute nicht mal mehr hinbekommt, selbst Astronauten auf die ISS zu fliegen, noch eine eher naheliegende Denkrichtung. Dass die NASA damals jahrelang knapp vier Prozent des riesigen Staatshaushaltes der Vereinigten Staaten verschluckte, um diese Mammutleistung zu erbringen, blenden viele YouTube-Zuschauer vermutlich einfach aus.

Mal davon abgesehen, wie unwahrscheinlich es ist, dass die NASA bei knapp 400.000 beteiligten Personen ein solches monumentales Geheimnis fünfzig Jahre erfolgreich vertuschen konnte. Ist es wirklich glaubhafter, dass diese angebliche Verschwörung selbst fünfzig Jahre später noch (mit neuen, glasklaren Filmaufnahmen) überzeugende PR-Arbeit leistet als zu akzeptieren, dass Armstrong und Aldrin wirklich den Mond betreten haben? Auf der großen Bühne des Internets, so scheint es, sind alle Theorien gleich. Dem YouTube-Algorithmus sei Dank.

Bilder vom Mond (13 Bilder)

Ausstieg eines Apollo-11-Astronauten
(Bild: NASA)

Geschichtswissenschaftlich interessierte Beobachter wird es indes nicht überraschen, dass sich solche abwegigen Theorien nach wie vor beständig halten. Immer wieder müssen wir feststellen, dass mit zunehmendem Abstand zu einem geschichtlichen Ereignis die vorhandenen Fakten von einer wachsenden Anzahl an Überlieferungen und Mythen begleitet oder gar überdeckt werden. Mit der Zeit kommen Originaldokumente unweigerlich abhanden, Augenzeugen sterben und neue Generationen wachsen ohne direkte Erinnerung an die entsprechenden Vorkommnisse heran, was zu Zweifeln und Desinformation führt.

Den Historikern und anderen Wissenschaftlern stehen dann in zunehmendem Maße Stimmen gegenüber, die eine eigene Version der historischen Ereignisse propagieren. Ein gutes Beispiel ist die systematische Vernichtung von Menschen jüdischen Glaubens, Homosexuellen und anderen Bevölkerungsgruppen im Dritten Reich – auch hier wächst mit zunehmender historischer Distanz die Zahl der öffentlichen Zweifler an einem historisch eindeutig belegbaren Ereignis. Zweifel an der Echtheit der Mondlandung scheinen vergleichsweise harmlos zu sein, sie unterliegen aber den gleichen gesellschaftlichen Phänomenen.

Es liegt in der Natur des Menschen, zu zweifeln. Oft handelt es sich dabei um einen guten, gar lebenswichtigen Instinkt. Er ist der Ausgangspunkt allen wissenschaftlichen Denkens und die Grundlage guter journalistischer Berichterstattung. Zweifel können sich aber eben auch verselbstständigen und zu den absurdesten Glaubensvorstellungen führen. Es ist nur zu erahnen, wie frustrierend solche fehlgeleiteten Überzeugungen für die eigentlichen Beteiligten der Mondmissionen sein müssen.

Irgendwie kann man es einem harten Knochen wie Buzz Aldrin in diesem Zuge kaum verübeln, dass er 2002 dem Mondlandungs-Verschwörungstheoretiker Bart Sibrel mit geschlossener Faust ins Gesicht schlug, nachdem dieser Aldrin mit einer Bibel bedrängt und als Feigling und Lügner bezeichnet hatte. Er sei schließlich nie auf dem Mond gewesen. Angesichts der Absurdität der Provokation kam selbst der Richter, der sich später mit diesem Fall auseinandersetzen musste, zu dem Schluss, dass Aldrin nichts vorzuwerfen sei.

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Manche Verschwörungstheorien haben ein langes Leben, und trotz aller gegenteiliger Fakten gehört die Ansicht, die Mondlandungen des Apollo-Programms seien ein Fake, zu den langlebiegsten.

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(jk)