"Die NSA wird immer noch unterschätzt"

Was bisher über die NSA bekannt wurde, ist nur die Spitze des Eisbergs. Davon ist Jeremy Scahill überzeugt. Der Journalist will gemeinsam mit Vertrauten des ehemaligen Geheimdienstlers Edward Snowden weitere Details offenlegen.

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Jeremy Scarhill

(Bild: The Nation)

Die Macht des Geheimdiensts NSA wird auch nach der Flut der Snowden-Enthüllungen noch unterschätzt, warnt der amerikanische Militärreporter Jeremy Scahill. Scahill berichtet seit Jahren über die Kehrseite der US-Sicherheitspolitik. "Die NSA ist nicht ein Haufen Computernerds, die in Fort Meade herumsitzen und Telefonate abhören", sagt er gegenüber dpa. "Die NSA ist ein massives Biest von einer Organisation, die eine von Grund auf militärische Mission hat." Es gebe keine klare Grenze zwischen Geheimdienst und Militär. Wer glaube, bei der NSA arbeiteten nur "Geeks mit Kopfhören", verstehe den amerikanischen Sicherheitsapparat nicht.

Die Washington Post berichtete, dass die NSA dem Schwesterdienst CIA wichtige Informationen für deren tödliche Drohnen-Attacken liefere. Die Überwachungsdaten der NSA helfen demnach, die Ziele für die tödlichen Drohnenanschläge zu orten. Das sei aber nur die Spitze des Eisbergs: "Die NSA spielt eine absolut zentrale Rolle in einem weltweiten Programm von Tötungsmissionen der USA."

NSA-Skandal

Die NSA, der britische GCHQ und andere westliche Geheimdienste greifen in großem Umfang internationale Kommunikation ab, spionieren Unternehmen sowie staatliche Stellen aus und verpflichten Dienstleister im Geheimen zur Kooperation. Einzelheiten dazu hat Edward Snowden enthüllt.

Scahill kennt sich aus mit verdeckten Missionen in Amerikas Kampf gegen den Terrorismus. Der 39-Jährige berichtete aus dem Irak und dem Jemen, er deckte Machenschaften der Söldnerfirma Blackwater auf und beschrieb Einsätze von amerikanischen Anti-Terror-Einheiten. Sein zweites Buch, "Schmutzige Kriege", ist diesen Monat auf Deutsch erschienen. Darin beschreibt Scahill, wie die USA ihren Anti-Terror-Krieg mit Spezialkräften und gezielten Tötungsmissionen auf der ganzen Welt führen.

Nun arbeitet Scahill mit Glenn Greenwald zusammen, dem Journalisten, dem Edward Snowden seinen Vorrat an Geheimunterlagen übergeben hat. Scahill ist ein Mitstreiter in Greenwalds neuer Medienorganisation, die von eBay-Gründer und Milliardär Pierre Omidyar finanziert wird. "Natürlich werden die Snowden-Dokumente dabei eine riesige Rolle spielen", sagt Scahill. Sie enthielten hunderte Geschichten, die noch recherchiert werden müssten.

Dass Omidyar das neue Medium finanziert, ist Scahill zufolge fast ein Zufall. Greenwald, Scahill und die Dokumentarfilmerin Laura Poitras, die ebenfalls eine zentrale Rolle bei den NSA-Berichten spielt, hätten seit einiger Zeit über ein gemeinsames Projekt nachgedacht. "Wir waren alle frustriert mit dem Tempo der Veröffentlichungen", sagt Scahill. Konventionelle Redaktionen seien oft bürokratisch. Die drei wollten den Schwerpunkt auf investigativen Journalismus legen.

Omidyar sei mit einem ähnlichen Vorschlag auf Greenwald zugekommen. So sei die Idee enstanden, gemeinsame Sache zu machen. "Wir wollen wichtige investigative Geschichten besser einer breiten Öffentlichkeit erzählen", sagte Omidyar der New York Times. Er will zunächst 250 Millionen Dollar in das Projekt stecken. Zuvor hätten die drei Journalisten noch überlegt, über die Internet-Plattform Kickstarter Geld einzusammeln, erzählt Scahill.

Er verspricht weitere Enthüllungen: "Ich weiß von mehreren Geschichten, an denen wir arbeiten, die Menschen in den USA und auf der Welt unglaublich interessieren werden", sagt er. Eine Ermüdung angesichts der monatelangen Berichte über immer neue Überwachungsprogramme fürchtet er nicht. "Davon kannst du dich nicht einengen lassen. Du musst die Menschen dazu bringen, sich Gedanken zu machen."

Glaubt er, dass die Programme zur Internetüberwachung begrenzt werden, jetzt wo sie bekannt sie? Scahill bezweifelt das. "Wenn in den USA ein Gesetz erstmal im Buche steht, ist es sehr schwer, es wieder abzuschaffen."

"Die NSA ist ein massives Biest"

Das Interview mit Jeremy Scahill im Wortlaut:

In Ihrem Buch "Schmutzige Kriege" beschreiben Sie, wie Präsident Barack Obama einen Teil der Politik seines Vorgängers Bush fortführt. Was ist der Unterschied zwischen der Sicherheitspolitik von Bush und Obama?

Jeremy Scahill: Der Unterschied liegt im Detail. Obama will weg von den großen Militäreinsätzen. Aber er versucht, Strukturen zu schaffen, die gezielte Tötungsmissionen als zentrales Element der amerikanischen Politik etablieren. In gewisser Hinsicht denke ich, das könnte auf lange Sicht mehr Schaden anrichten.

Die "Washington Post" berichtete jüngst, dass die Computerexperten der NSA dem Geheimdienst CIA Informationen für dessen Drohnenanschläge liefern. Hat Sie das überrascht?

Scahill: Ich weiß darüber sehr viel mehr als in der "Washington Post" stand, aber wir haben das noch nicht veröffentlicht. Daher kann ich noch nicht viel dazu erzählen. Ich kann Ihnen aber sagen: Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Die NSA spielt eine absolut zentrale Rolle in einem weltweiten Programm von Tötungsmissionen der USA. Wir werden darüber in den nächsten Monaten mehr Informationen veröffentlichen.

Aber ist die NSA ist für die Auswertung von Internet- und Telefondaten zuständig?

Scahill: Die NSA ist nicht ein Haufen Computernerds, die in Fort Meade herumsitzen und Telefonate abhören. Die NSA ist ein massives Biest von einer Organisation, die eine von Grund auf militärische Mission hat. Wer denkt, das seien nur Geeks mit Kopfhörern, versteht nicht, wie der Sicherheitsapparat der USA funktioniert.

Meinen Sie, dass diese Geheimdienst-Programme zur Internetüberwachung wieder eingeschränkt werden können?

Scahill: Nein. Wenn in den USA ein Gesetz erstmal im Buche steht, ist es sehr schwer, es wieder abzuschaffen. Wenn Snowden diese Dokumente nicht mitgenommen und an Journalisten übergeben hätte, würden wir diese Debatte niemals führen.

Sie wollen gemeinsam mit Glenn Greenwald und Laura Poitras, den beiden Journalisten hinter den NSA-Enthüllungen, ein neues Medium aufbauen. Wie ist es dazu gekommen?

Scahill: Glenn und ich sind schon lange befreundet. Bevor Glenn nach Hongkong flog, um sich mit Edward Snowden zu treffen, hatte er mir erzählt, was er vorhat. Er wusste damals noch nicht, mit wem er sich treffen würde. Es war eine sehr riskante Situation. Seitdem habe ich mit Glenn an diesen Dingen gearbeitet. Ich habe ihm hinter den Kulissen geholfen und ihn unterstützt. Laura kenne ich schon einige Zeit und bewundere ihre Arbeit als Dokumentarfilmerin. Wir drei haben darüber gesprochen, ein gemeinsames Projekt zu starten. Wir waren ganz am Anfang: Wollen wir eine Webseite machen mit einer Finanzierungskampagne auf Kickstarter? Sammeln wir Spenden?[/i]

Die Geldfrage ist inzwischen geklärt, eBbay-Mitgründer Pierre Omidyar finanziert das Projekt. Warum gründen Sie ein neues Medium?

Scahill: Wir waren alle frustriert mit dem Tempo der Veröffentlichungen. Konventionelle Modelle des Journalismus sind sehr bürokratisch. Wir wollten eine Institution haben, bei der der Journalismus im Zentrum steht. Die Idee war nicht, eine hyperaktive Version des Journalismus zu schaffen. Es geht um ernsthaften investigativen Journalismus. Das kostet Geld und Zeit, und die meisten Medien haben nicht das Budget und das Personal, um dauerhaft investigativen Journalismus zu betreiben. Natürlich werden die Snowden-Dokumente dabei eine riesige Rolle spielen. Das wird von Anfang an der Fokus unseres Teams sein.

Ist nicht ein Problem, dass die Öffentlichkeit das Interesse an den NSA-Enthüllungen verliert?

Scahill: Ich glaube, wir werden Journalismus schaffen, den Menschen lesen wollen. Ich weiß von mehreren Geschichten, an denen wir arbeiten, die Menschen in den USA und auf der Welt unglaublich interessieren werden. Du musst die Menschen dazu bringen, sich Gedanken zu machen.

Machen Sie sich Sorgen angesichts des politischen Drucks auf Greenwald, seinen Lebensgefährten David Miranda und Laura Poitras?

Scahill: Das ist ein Kampf, den ich führen will. Ich sehe derzeit nichts, was journalistisch wichtiger wäre. Wir wollen die Politik der totalen Geheimhaltung in Frage stellen. Wir müssen jetzt schon Vorsichtsmaßnahmen treffen, um zu verhindern, dass unsere Daten kompromittiert, gestohlen oder konfisziert werden. Wir mussten alle sehr bewandert werden in digitalem Selbstschutz. (jk)