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Die Olympischen Sommerspiele -- Superlative des Sports und der (Un-)Sicherheit

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"Ich erkläre die Spiele von Athen zur Feier der XXVIII. Olympiade neuer Zeitrechnung für eröffnet." Mit dieser vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) vorgeschriebenen Formel wird Griechenlands Staatspräsident Konstantinos Stefanopoulos im Beisein von IOC-Präsident Jacques Rogge und 74.000 Augenzeugen im neuen Athener Olympiastadion heute Abend den offiziellen Startschuss zu den olympischen Sommerspielen 2004 geben. Mehr als 10.500 Aktive aus fünf Kontinenten kämpfen in den kommenden 16 Tagen in 37 Disziplinen um insgesamt 928 Gold-, Silber und Bronzemedaillen, beobachtet von rund fünf Millionen Besuchern vor Ort und täglich vier Milliarden TV-Zuschauern.

Olympia im Netz

Aber nur die wenigsten von uns dürften die Gelegenheit haben, das größte Sportspektakel der Welt aus nächster Nähe mitzuerleben, oder können sich den Luxus erlauben, den ganzen Tag vorm Fernseher zu verbringen. Wer trotzdem immer auf dem Laufenden sein will, kann aktuelle Ergebnisse und Hintergrundberichte rund um die Uhr im Internet abrufen. Sportportale wie Eurosport und sport1.de haben ebenso spezielle Olympia-Seiten aufgesetzt, die kontinuierlich mit den neuesten Nachrichten gespickt werden, wie ARD und ZDF, der Kicker oder die Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Informationen rund um das deutsche Team stellt das Nationale Olympische Komitee (NOK) ins Netz. Dort erfährt man beispielsweise, dass sich insgesamt 453 deutsche Athleten (254 Männer, 199 Frauen/2 Athletinnen sagten verletzungsbedingt ab) für Athen qualifiziert haben, von denen 404 Förderung durch die Deutsche Sporthilfe genießen; 165 sind Sportsoldaten der Bundeswehr. Die meisten Olympiateilnahmen verbucht Kanutin Birgit Fischer (1980, 1988, 1992, 1996, 2000, 2004), die mit sieben Gold- und drei Silbermedaillen zudem die erfolgreichste deutsche Medaillensammlerin aller Zeiten ist. Jüngste und leichteste in der Mannschaft ist die Sportgymnastin Lisa Ingildeeva (15 Jahre, 42 Kilogramm). Ältester Sportler ist der Segler Alexander Hagen (49 Jahre). Das größte Gewicht bringt Gewichtheber Ronnie Weller auf die Waage (147 Kilogramm). Größter ist der Handballer Mark Dragunski (2,14 Meter). Kleinste sind mit jeweils 1,56 Meter die Schützinnen Sonja Pfeilschifter und Dorothee Bauer sowie Leichtathletin Sabrina Mockenhaupt. Häufigster Geburtsort ist Berlin (42 Mal).

Die oberste Olympia-Instanz, das IOC, ist unter www.olympic.org zu finden. Die offizielle Website der Spiele in Athen lautet www.athens2004.com. Groß ist auch das Online-Engagement von Sport-Enthusiasten: Unter Olympia.de bietet zum Beispiel der Verlag Edition.de aus Felde bei Kiel Nachrichten, Termine, Ergebnisse, Unterhaltung und Gewinnspiele an -- "und zwar von Fans für Fans", wie Niklas Doose als Verantwortlicher für die Seite versichert. Der einprägsame Domainname gehört dem Verlag bereits seit Mai 1996. In diesem Jahr kommt die Adresse zum fünften Mal während Olympischer Spiele zum Einsatz.

Auch die griechische Botschaft in Berlin hält einige interessante Details zu Olympia bereit. Man erfährt dort zum Beispiel, dass während der ersten Olympischen Spiele vor fast 3000 Jahren in der gesamten griechischen Welt die Waffen sieben Tage vor und sieben Tage nach den Spielen schweigen mussten. Und Griechenland bemüht sich darum, den Olympischen Waffenstillstand wieder aufleben zu lassen: Bereits im Jahr 2000 richtete das Land zusammen mit dem IOC das Internationale Zentrum des Olympischen Waffenstillstandes mit symbolischem Sitz im antiken Olympia ein.

Olympia, bedeutendster Ort für die Verehrung des höchsten griechischen Gottes Zeus und Schauplatz der größten athletischen Wettkämpfe des Altertums, wird bald noch eine weitere Reminiszenz erfahren, denn der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF genehmigte den Antrag des Olympischen Organisationskomitees, den Wettbewerb im Kugelstoßen im antiken Stadion von Olympia am 18. und 19. August abzuhalten. Nach 2500 Jahren wird damit wieder ein sportlicher Wettkampf im ersten aller Olympia-Stadien ausgetragen. Die Entscheidung sei "historisch", da sie die Spiele der Antike mit denen der Neuzeit verbinde, freuten sich die Organisatoren.

Sollten nach dieser geballten Informationsflut immer noch Wissenslücken klaffen, bieten sich statistische Quellen zu den Olympischen Spielen an: Sehr ausführlich ist der Bestand der Seite des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaften der Universität Leipzig (IAT). Dort sind neben den Olympischen Spielen seit 1896 auch Ergebnisse von Welt- und Europameisterschaften zu finden. Das Olympia-Lexikon des Verlags Wissen digital in München wartet mit Begriffserklärungen, Hintergrundinformationen und Sportlerporträts auf. Hier lässt sich etwa nachlesen, welche Disziplinen jeweils neu hinzukamen, wie am Ende der Medaillenspiegel aussah, oder wer die Stars und wer die Flops der Wettkämpfe waren.

Von den deutschen Spitzensportlern und -sportlerinnen, die in Athen um Medallien und Platzierungen kämpfen, sind längst nicht alle mit eigenen Homepages im Netz präsent, auf denen sich Informationen zur Person, den sportlichen Erfolgen oder den Strapazen auf dem Weg nach Athen abrufen lassen; die höchste Durchdringung ist bei Tennisspielern, Schwimmern und Radrennfahrern zu verzeichen. Wissenswertes zu einzelnen Sportlern lässt sich aber häufig auch über die Heimatvereine oder die Sportkompanie der Bundeswehr einholen.

Deutsche Medaillenhoffnungen mit eigener Homepage:

Inklusive Betreuer umfasst des deutsche Team mehr als 750 Personen, die im Olympischen Dorf 14 Häuser, 71 Wohnungen und 601 Betten belegen. Die Kosten für den gut zweiwöchigen Tripp nach Athen veranschlagen die NOK-Organisatoren mit 4,6 Millionen Euro. Eine schlappe Summe, verglichen mit den Kosten für die TV-Rechte: Knapp 1,5 Milliarden US-Dollar bezahlten die TV-Stationen weltweit für die Übertragungslizenzen, was gegenüber Sydney 2000 eine Steigerung um rund 12,5 Prozent bedeutet. Mit 793 Millionen US-Dollar trägt der US-Sender NBC den Großteil der Kosten. Die Europäische Rundfunk-Union (EBU), der auch ARD und ZDF angehören, zahlte 394 Millionen US-Dollar. 49 Prozent der Einnahmen verbleiben bei den Organisatoren, den Rest teilt sich das IOC mit den 35 internationalen Sportverbänden, die olympisch sind, sowie den 202 Nationalen Olympischen Komitees.

Sicherheitsfragen

Höher, schneller, weiter -- dieses sportliche Motto lässt sich auf so ziemlich alle Rahmenbedingungen rund um die Olympiade in Athen übertragen. So investiert Griechenland beispielsweise rund 1,2 Milliarden Euro in die Sicherheit der ersten olympischen Sommerspiele nach den Terroranschlägen von New York und Washington, viermal mehr als noch vor vier Jahren in Sydney. 70.000 Sicherheitskräfte kontrollieren die Straßen und Sportstätten, über Athen kreist in 500 Metern Höhe ein 59 Meter langer High-Tech-Zeppelin -- von den Einheimischen inzwischen "fliegender Spion" getauft --, der selbst in der Lage sein soll, Gespräche von Passanten abzuhören und Chemikalien aufzuspüren.

In der Stadt wurden mehr als 1500 Videokameras installiert, die nahezu jede Bewegung aufzeichnen. 1200 Mitarbeiter in über 100 Operationszentralen sind damit beschäftigt, die Daten computergestützt auszuwerten. Reibungslos scheint das gigantische Überwachungsaufgebot allerdings nicht zu funktionieren: Das "C4I" abgekürzte System Command, Control, Communication, Computers & Intelligence der US-Sicherheitsfirma SAIC sei nicht komplett installiert, auch die Übertragung der Bilder aus den Überwachungskameras zur Sicherheitszentrale sei nicht sichergestellt, sickerte es unlängst aus undichten Athener Stellen in die Medien.

Unterstützung erhält die griechische Regierung zudem von der NATO: Mehrere AWACS-Aufklärungsflugzeuge kreisen ununterbrochen über dem östlichen Mittelmeer, um Verkehrsflugzeuge oder andere Flugobjekte, die von Terroristen in fliegende Bomben umgewandelt werden könnten, zu entdecken. Rund um Athen wurden Luftabwehrraketen vom Typ Patriot aufgestellt. Die NATO, die erstmals in diesem Umfang eine zivile Veranstaltung schützt, hat ihrer Mission unterdessen einen besonderen Namen verpasst: Operation "Distinguished Games", die etwas anderen Spiele. Hoffentlich kein schlechtes Omen.

Aber nicht nur die Angst vor möglichen Terrorattacken geht um in Athen -- auch Angriffe auf Computer gelten als reales Sicherheitsrisiko. Was beispielsweise machen gegen Trojaner aus dem Web, die in das 400 Millionen US-Dollar teure Computernetz für Olympia eindringen und die Kommunikationszentralen lahm legen? Das für die Olympia-IT verantwortliche Pariser Unternehmen Atos Origin hat als erste Sicherheitsmaßnahme deshalb das Netzwerk schleunigst vom Internet abgekoppelt und in mehrere so genannte VLANs (Virtual Local Area Networks) unterteilt. "Das olympische IT-System ist damit weitgehend geschlossen", versichert Atos-Manager Philipps Chevallier. Die wenigen Zugänge nach außen würden besonders geschützt. Vorab wurden mehr als 300 potenzielle Krisenfälle durchgespielt -- von Stromausfällen und abgestürzten Servern über Hackerangriffe bis hin zum gezielten Einschleusen von Viren. Gedanken machte man sich auch über das größte Sicherheitsrisiko: Verärgerte Mitarbeiter oder Personen, die dafür bezahlt werden, das System von innen zu stören. Die Counter Measures veröffentlichte das Unternehmen aber aus nachvollziehbaren Gründen nicht.

Eine der Hauptaufgaben von Atos Origin ist die rasche Ergebnisübermittlung an die mehr als 20.000 Medienvertreter in Athen, die offizielle Website sowie die TV-Sender. Ein Team von 400 IT-Profis kontrolliert dazu die IT-Systeme und -Dienste im Technology Operations Centre (TOC) sowie in untergeordneten Datenzentren und an den 61 Austragungsorten der Wettbewerbe. Untergebracht ist das TOC im Hauptgebäude des Organisationskomitees ATHOC in Athen. Auf zwanzig Plasmabildschirmen können die TOC-Mitarbeiter dort die Zeitpläne der Wettbewerbe überwachen, sich die aktuell genutzten Sportstätten auf digitalen Karten darstellen lassen, oder Livebilder von allen Sportstätten zur Überwachung der Ergebnisübertragung einspeisen. Das Unternehmen ist zudem für die Kontrolle von Zulassungen, die Weiterleitung von Dopingberichten und das Bereitstellen von Hintergrundinformationen zuständig. Es wird geschätzt, dass im Laufe der sechzehn Tage mehr als 50 Millionen Seiten an Ergebnissen und Statistiken im Internet und in Papierform veröffentlicht werden.

Um die Sicherheit sorgen sich aber nicht nur die Gastgeber, auch die Delegationen der teilnehmenden Nationen rüsten mächtig auf. So wurde beispielsweise im Deutschen Haus -- eine Art sportliches Konsulat während der Spiele, wo Athleten, Funktionäre, Journalisten sowie Vertreter aus Wirtschaft und Politik ein- und ausgehen -- erstmals ein biometrisches Kontrollsystem installiert. Die von der Bundesdruckerei und NEC Deutschland gelieferte Anlage gewährt nur Besuchern Zutritt, die sich zuvor per Fingerabdruck akkreditiert haben. Die Erfassung der Fingerabdrücke erfolgt vor Ort, an einer Verifikationsstation im Eingangsbereich werden die hinterlegten Daten dann mit dem Live-Fingerabdruck verglichen. Der Auftraggeber, die Deutsche Sport-Marketing GmbH (DSM), geht von rund 4500 Akkreditierungen aus.

Ein Wunder, ein wirkliches Wunder

Die Bewohner Athens nehmen die verschärften Sicherheitsvorkehrungen unterdessen mit südländischer Gelassenheit hin. Was sind schon zwei Wochen Ausnahmezustand, wenn anschließend eine runderneuerte City mit der üblichen Geschäftigkeit wartet? Nicht nur das Facelifting der Stadt, das in den vergangenen drei Jahren massiv vorangetrieben wurde, wird häufig als Vorzug einer erfolgreichen Olympia-Bewerbung genannt, auch das chronische Verkehrschaos in der Vier-Millionen-Metropole dürfte während und nach der Olympiade zumindest teilweise entschärft sein. Insgesamt wurden 120 Kilometer neue Straßen gebaut, darunter die über 60 Kilometer lange sechsspurige Ringstraße Attiki Odos, die das Olympiastadion im nördlichen Vorort Maroussi mit dem rund 30 Kilometer östlich gelegenen Flughafen Eleftherios Venizelos verbindet. Weniger dürften sich die Athener jedoch über die Mautgebühr von zwei Euro freuen.

Ob die Spiele von Athen das Zeug dazu haben, Sydney den Rang als "beste Spiele aller Zeiten" (so der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch bei der Abschlussfeier) abzulaufen, muss bezweifelt werden. Zumindest steht aber jetzt schon fest, dass Griechenland es allen Kritikern gezeigt hat, die dem Land die Fähigkeit abgesprochen hatten, die Olympiade gut und rechtzeitig vorzubereiten. Auch wenn es an "ein Wunder, ein wirkliches Wunder" grenzt, dass Athen noch rechtzeitig fertig geworden ist (so der Vorsitzender der beaufsichtigenden IOC-Koordinierungskommission, Denis Oswald) -- die 28. Olympischen Spiele können beginnen. (pmz)