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Technology Review

Die Rattenfänger aus dem Silicon Valley

Der ehemalige Google-Entwickler James Williams warnt: Soziale Netze funktionieren wir Glücksspielautomaten.

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Die Rattenfänger aus dem Silicon Valley

Eine wachsende Zahl von Aussteigern – ehemalige Investoren und Entwickler aus dem Silicon Valley – sagt: Soziale Netzwerke sind gefährlich. Mit raffinierten psychologischen Tricks würden ihre Designer die Gehirne der User regelrecht „hacken“ und die jugendlichen Nutzer geradezu abhängig machen.

An der Spitze dieser Bewegung von Software-Häretikern stehen zwei ehemalige Google-Mitarbeiter: Tristan Harris und James Williams. Sie haben gemeinsam die Initiative „Time Well Spent“ gegründet, um nicht nur zu kritisieren, sondern tatsächlich etwas zu ändern.

"Es geht darum, in der richtigen Art und Weise mit dem Belohnungssystem des menschlichen Gehirns zu interagieren“, sagt Williams gegenüber Technology Review – einen "Kick der Überraschung" auszulösen. Der bekannte Mechanismus des „nach unten Ziehens“ auf Smartphones, um die aktuellsten Inhalte von Twitter oder Facebook zu laden, funktioniere genau nach diesem Prinzip, erklärt er. „Für das Gehirn ist das so, als ob Sie an einem Glücksspielautomaten für Informationen sitzen.“

"Wir brauchen eine gesellschaftliche Diskussion darüber, welches Ausmaß an psychologischer Manipulation so akzeptabel ist, dass man darauf ein Geschäftsmodell begründen kann“, fordert Harris. Es sei gefährlich, die Diskussion "allein auf das Suchtpotenzial von sozialen Medien zuzuspitzen“, sagt der Facebook-Kritiker. „Entscheidend ist doch vielmehr folgende Frage: Warum sollten wir unsere Kinder einer Software aussetzen, bei der Tausende von Wissenschaftlern und Entwicklern sich Gedanken darüber gemacht haben, wann man welchen Knopf in der menschlichen Psyche drücken muss, um den User möglichst lange zu halten?“

Die Debatte sollte sich daher nicht in erster Linie auf die psychologischen Tricks der Software-Designer konzentrieren, meint Williams, sondern auf das zugrunde liegende Geschäftsmodell. „Aber kleine Änderungen würden nichts bringen“, sagt Williams. „Wenn man die Software so ändern würde, dass sie nicht mehr maximal viel Aufmerksamkeit bindet, würde der Verkauf von Werbung nicht mehr so gut funktionieren.“ (wst)

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