Menü

Die Telekom will grüner und "europäischer Champion" werden

Telekom-Chef Tim Höttges wettert gegen Trittbrettfahrer, die 5G-Auktion sowie die europäische Telekommunikations- und Wettbewerbspolitik.

vorlesen Drucken Kommentare lesen 55 Beiträge
Deutsche Telekom

(Bild: dpa, Oliver Berg)

Es war eine Art Wutrede, die der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, Timotheus Höttges, am Mittwoch zum Auftakt der Hub-Konferenz des Digitalverbands Bitkom in Berlin hielt. Europa sei zwar überaus wichtig in der Welt als Hort der Freiheit, des Friedens, des offenen Handels, einer liberalen Einwanderungspolitik sowie ethischer Standards, betonte Höttges. Bei der Telekommunikations- und Wettbewerbspolitik versage die Brüsseler Politik aber völlig.

Prinzipiell sah sich Höttges gezwungen, seine Worte von vor sechs Jahren beim gleichen Anlass nur neu zu verpacken, als er gegen die Vorgaben für "billiger, billiger, billiger" zu Felde gezogen war. Der europäische Telekommunikationssektor (TK) habe in den vergangenen zehn Jahren elf Prozent an Marktkapitalisierung an den Börsen verloren, ärgerte er sich nun. Der Euro-Stoxx-Aktienindex habe parallel 87 Prozent zugelegt. Zum Glück mache die Telekom nur 50 Prozent ihres Kerngeschäfts in Europa und den restlichen Großteil in den USA, wo das ganze Wachstum herkomme. Dort sei der "beste TK-Markt" weltweit, auf dem alten Kontinent "der schlechteste".

Die Branche baue die Infrastrukturen für die Digitalisierung, rief Höttges den Zuhörern ins Gedächtnis zurück. Dies werde aber politisch untergraben durch den ewigen Fokus auf günstigere Preise für Verbraucher und Wettbewerber etwa durch das Aus für Roaming-Gebühren. "Trittbrettfahrer" dürften die Leitungen der TK-Firmen in Europa mitnutzen. In dem Sektor gebe es trotz aller Bemühungen keinen echten Binnenmarkt und keine harmonisierte Frequenzpolitik. Zusammenschlüsse innerhalb der Branche würden von den Kartellrechtsbehörden blockiert, neue Eintritte in den Markt begünstigt.

Der Vorstandvorsitzende der Telekom, Tim Höttges (li.), nutzte die Hub-Konferenz der Bitkom für einen Rundumschlag. Rechts im Bild, Achim Berg, Präsident der Bitkom.

(Bild: Stefan Krempl)

Die Folge dieser verfehlten Vorgaben sei, dass das gängige europäische TK-Unternehmen eine Million Kunden versorge, während die Vergleichsgröße in China bei 400 Millionen liege. Angesichts dieses Umfelds "können wir unsere hohen Investitionen nicht amortisieren für den Bau der nächsten Infrastruktur". Nötig seien aber "europäische Champions" auch in Bereichen wie Cloud, Chipsets, Künstliche Intelligenz (KI) und Software, die alle miteinander zur "Wertschöpfungskette der Zukunft" verschmölzen.

Amazon allein gebe jährlich 22 Milliarden für Forschung und Entwicklung (F&E) aus, die hiesige Bundesregierung lediglich 19 Milliarden Euro, gab der Betriebswirtschaftler zu bedenken. Wie solle Europa da in den technologischen Wachstumsbranchen aufholen? "Keiner denkt groß", beklagte er. Es gebe keinen einzigen internationalen Marktführer aus Europa in diesen Feldern.

"Wir brauchen eine Reform des Kartellrechts", forderte Höttges daher. Sonst bauten chinesische Firmen wie Huawei die Infrastruktur für das kommende Mobilfunknetz 5G. "Wir müssen die digitale Souveränität wiedergewinnen", betonte er weiter. Das Überleben europäischer Firmen stehe ohne eine Cloud made in Europe auf dem Spiel: "Wo wird das Gold des nächsten Jahrhunderts gespeichert?", fragte der Telekom-Chef. Sechs Milliarden Euro würden auf diesem Feld gebraucht, um alle Akteure zusammenzubringen.

Schwer besorgt zeigte sich Höttges, dass die hierzulande laufende 5G-Frequenzauktion am Dienstag schon bei 4,6 Milliarden Euro angelangt sei. Die sei "gut für den Finanzminister und die Finanzämter". Das Geld stehe aber auch für "23.000 Mobilfunkantennen, die wir nicht mehr bauen können". Es sei ein Skandal, dass das Geld "den Firmen, den Bürgern und den Betreibern weggenommen wird". In anderen Ländern werde das Spektrum einfach den Akteuren zugewiesen. Die Einnahmen aus der Versteigerung sollen eigentlich aber in einen Digitalfonds kommen und für den Breitbandausbau sowie die Ausstattung von Schulen ausgegeben werden.

Staatliche Förderungen seien kein Verbrechen, stellte der Manager klar. Entsprechende Subventionen seien "völlig normal in den USA und China". Die Förderung müsse aber in die richtige Richtung gehen und etwa auch in Quantencomputer, E-Mobilität, Batteriefertigung und Biotech fließen, um Europa dort einen Wettbewerbsvorteil zu sichern. Dazu kommen sollten Steuervergünstigungen für F&E sowie für Wagniskapitalgeber bei Verlusten.

Die von Greta Thunberg ins Leben gerufene Schulstreik-Initiative fürs Klima "Fridays for Future" bezeichnete der 56-Jährige als "laute Ohrfeige" für alle Unternehmer und Politiker. "Wenn unsere Kinder uns als Leitungspersonen nicht mehr vertrauen, sollten wir uns selbst in Frage stellen", meinte er. Für ihn seien die Demonstrationen ein Weckruf gewesen. Als "erste Reaktion" kündigte er daher an, dass die Telekom bis 2021 nur noch erneuerbare Energien einsetzen und den Kohlendioxidausstoß bis 2030 um 90 Prozent verringern wolle. Parallel werde der Konzern auch seinen Plastikverbrauch signifikant reduzieren.

Höttges schloss mit einem flammenden Appell, nicht ewig über Migration, Flüchtlinge und Egoismus zu diskutieren: "Die einzige Antwort liegt in Europa." Aus den Wahlen im Mai dürfe daher "kein anti-europäisches Regime" als Sieger hervorgehen. Auch die Tech-Branche sei verpflichtet, aufzuklären und für die Wettbewerbskraft Europas im digitalen Zeitalter an den Urnen zu kämpfen. (olb)