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Die Utopie des Internet und die Finanzen

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Internetflaute, Aktiensturz, Firmenpleiten, Ende der "Kostenlos-Kultur" von Nachrichten -- bedeutet diese Entwicklung das Ende des freien Informationsflusses im Netz? "Die Utopie des Internet ist nicht gestorben", meint Lorenz Lorenz-Meyer, der seit Jahren das Publizieren im Netz beobachtet. Das weltweite Computernetz bleibe ein demokratisches Medium, mit dem jeder mit jedem auf einer breiten Basis kommunizieren könne.

Im Internet herrscht abseits der kommerziellen Angebote ein reges Geben und Nehmen: Viele Menschen bieten ihr Expertenwissen auf selbst entworfenen Webseiten an, diskutieren in Foren oder streiten per elektronischer Post und in Mailinglisten -- oft ohne geschäftliches Interesse. Darüber hinaus entstehen "Weblogs", auf denen Nutzer ihre Spezialkenntnisse in Tagebuchform dokumentieren. "Es vergeht kein Tag, an dem nicht etwas Neues entsteht", sagt Lorenz-Meyer.

"Das Internet lebt vom Austausch", sagt auch der Netzpionier padeluun. Seit Jahren versucht er, Menschen um "den virtuellen Dorfbrunnen" zu versammeln. In den 80er Jahren hatte er ein Mailboxsystem mitentwickelt, mit dem Nutzer virtuell kommunizieren konnten.

Doch kommerzielle Anbieter sind zunehmend darauf angewiesen, dass sich ihre zum Teil hohen Investitionen bald refinanzieren. Auf die Zahlungsbereitschaft im Netz hoffen inzwischen auch deutsche Medienhäuser wie der Axel Springer Verlag und die Süddeutsche Zeitung. Vorbilder für kostenpflichtige Medienangebote gibt es bereits jenseits des Atlantiks. Online-Abonnenten des "Wall Street Journal" zahlen im Jahr 59 US-Dollar für Wirtschaftsnachrichten. Dagegen sind die renommierten Blätter "Washington Post" und "New York Times" mit kostenpflichtigen Informationsangeboten bereits gescheitert.

padeluun ist überzeugt davon, dass die meisten kommerziellen Anbieter mit dem Netz nur dann Geld verdienen können, wenn sie die Anonymität des Nutzers und eine komfortable Benutzerführung gewährleisten. Sich vorher bei einem Angebot registrieren zu lassen, um nur einmal einen Artikel zu lesen, hält er für zu umständlich. "Was dem Netz fehlt, ist Bargeld", sagt padeluun. Er bemängelt das Fehlen eines Systems, mit dem kleine Beträge bequem und sicher im Internet zu zahlen sind. Onlineleser seien sicherlich bereit, für das Lesen eines Artikels ein bis maximal drei Cents (zwei bis sechs Pfennige) zu bezahlen, mutmaßt padeluun. Zurzeit arbeiten verschiedene Anbieter an Währungssystemen. Einen Standard gibt es noch nicht.

Inhalte gegen Geld anzubieten hält Lorenz-Meyer jedoch nicht für das Allheilmittel großer kommerzieller Angebote. "Jetzt muss neu nachgedacht werden", sagt er. Die Verlage seien an falschen Erwartungen und Zielen gescheitert. Onlineableger sollten kein eigenständiges Angebot sein, sondern ein Mutterprodukt sinnvoll ergänzen. "Weniger machen, dafür fokussiert", heißt seine Devise. (Miriam Tang, dpa) / (jk)