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Die WM 2006 als Beginn einer neuen Medienära?

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Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wird nach Hoffnung der Medienmacher das Ereignis des kommenden Jahres sein. Erstmals werden Spiele in HDTV und im Bildschirmformat 16:9 ausgestrahlt, gleichzeitig sollen erstmals alle technischen Plattformen von Breitband-Netzen über Mobilfunk bis DVB-H bedient werden. "Die WM ist für uns alle und die Medienleute ein besonderer Glücksfall", freute sich der Chef des Berliner Organisationskomitees FIFA-WM 2006, Bernd Schiphorst, auf dem Medienforum Berlin-Brandenburg am heutigen Donnerstag im Berliner Olympiastadion. Das digitale TV habe die Marktreife erreicht und werde mit der WM "seinen globalen Siegeszug antreten". Schiphorst erinnerte daran, dass "Fußball und Fernsehen immer eine Allianz waren."

Vor allem die großen TV-Sender haben sich bereits in Position gebracht. "Die Vorbereitungen bei Premiere laufen auf Volldampf", erklärte der frischgebackene Vorstand Sport und New Business des Pay-TV-Senders, Hans Maar. Sein Haus werde "die meisten Spiele haben". 3 Kanäle würden von der WM in HDTV übertragen. Allerdings wird Premiere für den Zuwachs an Brillanz zusätzlich die Hand aufhalten. "Wir werden bei der WM auch einen bestimmten Betrag dafür verlangen, wenn man sie in HDTV-Qualität sehen will", führte Maar aus. Das hochauflösende Fernsehen sei "ein Kostenfaktor", den man teilweise refinanzieren wolle. Dennoch vertraut er darauf, dass die WM ausreiche "um das Ganze zu starten".

Zurückhaltender in puncto "schöne neue Fernsehwelt" äußerte sich WDR-Intendant Fritz Pleitgen: "HDTV ist noch nicht soweit, auch das Publikum noch nicht", glaubt der Vertreter der Öffentlich-Rechtlichen. Es gebe noch relativ wenige TV-Empfänger, auch wenn durch die WM ein Impuls kommen könnte, "dass man die kritische Masse überschreitet und HDTV das Format der Zukunft wird." Man wolle bei der WM 2006 aber zunächst das "Überallfernsehen" DVB-T und insbesondere das Handy-TV über DBV-H in den Vordergrund stellen und ansonsten abwarten, wie das Publikum reagiere. Erst müsse einmal die allgemeine Umstellung von analog auf digital im TV-Bereich verkraftet werden. Im Breitbandformat 16:9 werde die ARD aber sehr wohl ausstrahlen, auch wenn die Masse der Zuschauer noch Geräte im Format 4:3 besitze. Pleitgen rechnet bis Ende des Jahres mit 5,3 Millionen verkauften 16:9-Geräten, damit läge der Verbreitungsgrad noch unter 10 Prozent. Um für den Großteil der Zuschauer einen "Balkenfernsehen"-Effekt zu verhindern, komme in den Kameras das so genannte Shoot&Protect-Verfahren zum Einsatz. Es sorge dafür, dass "das Wichtigste immer im Bild sei".

Ein heftiger Streit entbrannte auf dem Medienforum über der Frage, inwieweit hochwertige Sportereignisse überhaupt noch im Free-TV zu empfangen sein werden. Nach dem gerade bekannt gegebenen Champions-League-Deal, bei dem die UEFA alle deutschen TV-Rechte an Premiere verkauft hat, verwies der Vorstandschef von FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, auf einen Sturm der Empörung: Bei ihm seien "die Faxe und die E-Mails nur noch so reingeflattert", erklärte der Fußballer, weil die Bayern nun wohl nur noch im Pay-TV zu sehen seien. "Jeder Verein" werde auch mal im deutschen Free-TV zu sehen sein, versuchte Maar die Gemüter zu beruhigen und verwies auf die immerhin schon rund drei Millionen Premiere-Abonnenten. Bundesinnenminister Otto Schily ergriff derweil offen Partei: "Fußball ist ein Volkssport und muss es auch bleiben", betonte der SPD-Politiker und fügte an: "Fußball muss im Free-TV bleiben."

Prinzipiell werde die WM zeigen, sagte Schily, "dass der Wettbewerb der Medien die technische Innovation fördert". Dies sei schon jetzt auf der IFA in Augenschein zu nehmen. Während der Innenminister die Beispiele "Narrowband" und "Broadband" noch zügig über die Lippen brachte, hakte es bei ihm aber noch ein wenig mit dem DVB-H, das er erst im dritten Anlauf als "Digital Video Broadcast Handheld" vollständig hatte. Er verwies aber auch auf das "Unheil, wenn Sport nur noch zum Objekt der Medienvermarktung zu werden droht."

Das Thema Innere Sicherheit bei der WM sparte Schily aus, auch wenn seine Pläne dazu bereits als über das Ziel hinausgehend in die Kritik gerieten. Franz Beckenbauer, Präsident des Deutschen Organisationskomitees der FIFA WM 2006, meinte dagegen, dass man die Sicherheit ja nicht so brachial zur Schau stellen brauche: "Es müssen ja keine Uniformen sein", man könnte die Security-Helfer ja auch "in Trainingsanzüge verpacken". Zur Frage der Ausgabe der mit RFID-Chips versehenen Karten äußerte sich Beckenbauer nur kurz: "Das Ticketing wird ein ewiges Thema bleiben, bis zum Schlusspfiff", ist er sich sicher. Aber es handle sich nun einmal um eine FIFA-Weltmeisterschaft mit über 205 Mitgliedern, von denen jeder ein bestimmtes Kontingent beanspruche. (Stefan Krempl) / (pmz)