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Die "Zukunft der Polizei" auf der BKA-Herbsttagung: Zwischen Knöllchen-App und Augmented Police Reality

Ein Kessel Buntes auf der BKA-Herbsttagung: Großbritannien stellte seine Pläne für den Brexit vor, die Niederlande zeigten die Polizeiarbeit mit Knöllchen-App und Augmented Police Reality. Dazu zeigte Microsoft seine Vision der Polizeiarbeit der Zukunft.

BKA-Herbsttagung: Brexit, Knöllchen-App und Grenzsicherung im Mittelmeer

Die App "Mobiel Effectiever Op Straat" im Knöllchenmodus.

(Bild: Screenshot von MEOS)

Die Herbsttagung des Bundeskriminalamtes in Ingelheim war von einem bunten Themenmix geprägt, dessen gemeinsamer Nenner der Umbruch war, vor dem alle Polizeitruppen stehen. Noch am einfachsten scheint die Lage dort, wo der politische Umbruch am größten ist: Deputy Director Ian Cruxton von der britischen National Crime Agency brachte die Bitte vor, dass sein Land weiterhin am Schengener Informationssystem SIS II angeschlossen bleiben möge, während es der EU den Rücken zeigt.

Ansonsten wird die Zukunft kompliziert – und das nicht nur im Cyberraum mit seinen Darknet-Handelsplätzen, in denen sich die organisierte Kriminalität mit Cyberwaffen eindeckt. Wie muss die Polizei reagieren, wenn ein Bot eine Anzeige aufgeben will, weil jemand gesagt hat "Alexa, meine Geldbörse wurde gestohlen"? Wie kann ein "dynamisches Upload-Portal" aussehen, in dem Bürger ihnen verdächtige Szenen einstellen? Hier kommen schnell Dateihaufen im Petabyte zusammen, die ohne intelligente Videoerkennung, Musteranalyse und automatische Verschlagwortung nicht zu bewältigen sind. Der Polizist der Zukunft muss eine Drohne steuern können, so wie er heute mit Kreide und Maßband die Verkehrsunfallaufname betreibt. Der Kriminalist der Zukunft muss die virtuelle Tatortvermessung mit der Hololens beherrschen – sie wurde auf der Herbsttagung mit einem Microsoft-Video demonstriert.

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Ganz ohne Datenbrille gehen die Niederlande mit ihrem Forschungsprojekt ARpro (Augmented Reality Professional) vor, eine Art PokemonGo für die Polizei. Dabei bekommt der Polizist auf Streife in Echtzeit alle für ihn wichtige Informationen priorisiert auf sein Smartphone, also all das, was an Daten über die Nachbarschaft verfügbar ist. Umgekehrt kann die Führungskraft die Streifen besser koordinieren, weil sie auf einem großen Touchscreen sieht, wo sich der Polizist befindet. Ein sehr ähnliches Konzept verfolgt in Deutschland die Hamburger Polizei, die in Kürze den Testlauf mit einem "Real Time Crime Center" starten will, wie Hamburgs Polizeipräsident Ralf Martin Meyer bekannt gab.

Mit Beifall bedachten die Zuhörer indes die niederländische App MEOS, die von Limburgs Polizeichef Gery Veldhuis vorgestellt wurde. MEOS steht für "Mobiel Effectiever Op Straat" und setzt die Vorgabe elegant um, mobil effektiver auf der Streife zu sein. So kann der Beamte für eine Halterabfrage ein Kfz-Kennzeichen fotografieren, was automatisch den Abfragevorgang abwickelt. Ebenso werden Ausweise eingescannt, wenn die App im Knöllchenmodus ist, in dem die gängigen Vergehen (Fahren ohne Helm oder Gurt, Geschwindigkeitsübertretung usw.) mit wenigen Klicks erreichbar sind.

Wie Veldhuis erklärte, hat die niederländische Polizei 200 IT-Spezialisten eingestellt, die diese Business Intelligence mit agilen Entwicklungsmethoden (Scrum) fortlaufend verbessern. Seine Zuhörer warnte der Niederländer abschließend vor "Einschränkungen durch die lähmende Wirkung des Datenschutzes". MEOS könnte effektiver sein, muss sich aber an das Gesetz für Polizeiinformation (Wet Politiegegevens) halten. Ähnliches gelte für ein weiteres Projekt namens LORA, bei dem Daten aus dem Internet der Dinge ausgewertet werden sollen, etwa wenn ein Schuss fällt und die Mitlauscher von Amazon dies hören.

Einen originellen Blick hatte schließlich der oberste deutsche Cyberfahnder parat. Oberstaatsanwalt Andreas May von der Zentralstelle für Internetkriminalität in Gießen wählte den Rückblick auf das Jahr 2007, als der damalige BKA-Chef Jörg Ziercke in seiner Keynote ein Kompetenz-Center für die Polizei in der digitalen Welt forderte und sich vehement für die Vorratsdatenspeicherung und Quellen-TKÜ einsetzte. Mittlerweile gebe es all diese ungemein wichtigen Techniken und Einrichtungen wie das Cyber-Abwehrzentrum, "aber Schadensereignisse mit schweren Folgen sind ausgeblieben und so ist das Thema Cybercrime in der öffentlichen Wahrnehmung in der Hintergrund getreten", erklärte May. Dies habe wiederum dazu geführt, dass das Kapitel Cybercrime in der Ausbildung von Polizei und Strafverfolgern vernachlässigt werde.

Ärgerlich sei auch, wie Gerichte schwere Straftaten beurteilen, etwa im Fall des britischen Hackers, der Millionen von Telekom-Routern schädigte und nur eine Bewährungsstrafe bekam. Immerhin habe er die Hoffnung, dass der Mann nach seiner Auslieferung an Großbritannien härter bestraft werde, sagte May. Für die Zukunft wünschte sich der Oberstaatsanwalt eine Versachlichung der Dauerdiskussion zwischen Datenschützern und Strafverfolgern, denn die Vorratsdatenspeicherung müsse endlich überall einsetzbar sein. May goss auch gleich Öl ins Feuer dieser Grundrechtsdebatte, als er bedauerte, dass bei Cybercrime-Straftaten kein Zugriff auf Vorratsdaten möglich sei und dass die Online-Durchsuchung häufig an "fehlender Katalogtat" scheitere. Zehn Jahre nach Ziercke müsse man einfach weiter denken. (Detlef Borchers) / (anw)

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