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Die c't Stories: eine Leseprobe aus der Science-Fiction-Buchreihe

Die Kurzgeschichten in c't spinnen bereits heute relevnte technische Entwicklungen weiter. "Die c't Stories" präsentieren eine Auswahl der besten Geschichten.

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(Bild: agsandrew / shutterstock.com)

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Unser Vorstellungsvermögen reicht nicht aus, um die Folgen der künstlichen Intelligenz abzusehen. KI wird wahrscheinlich das gegenwärtige Wirtschaftssystem und auch politische Systeme nachhaltig verändern, wenn nicht gar zerstören. Und was kommt danach? Noch ist das Science Fiction, aber technologisch verursachte Umwälzungen kommen schneller als erwartet, weil man sie nicht kommen sieht oder nicht sehen will. In den USA bestimmen heute bereits KI-Algorithmen, wie wahrscheinlich es ist , dass der Angeklagte zukünftige Straftaten begeht, was aktiv Gerichtsurteile beeinflusst. Wohin führt das?

Einige Antworten zu diesen Fragen rund um KI, aber auch zu anderen Themen wie Robotik, versucht c't nicht nur in den technischen Artikeln, sondern auch mit den Kurzgeschichten. Sie spinnen mögliche Entwicklungen weiter, von denen viele bereits heute relevant sind. Ob sie in fünf oder fünfzig Jahren kommen, weiß niemand, das hängt nicht so sehr vom technologischen Fortschritt ab, sondern von politischen und ökonomischen Weichenstellungen.

Jede Ausgabe von c‘t enthält eine Kurzgeschichte. Aus den über 300 Geschichten sind in den beiden Story-Bänden "Ausblendung. Wege in die virtuelle Welt" und "Massaker in Robcity" im Hinstorff-Verlag die besten zusammengestellt. Die Reihe wird mit weiteren Story-Bänden fortgesetzt.

Außerdem hat heise online im Hinstorff-Verlag die SF-Romanreihe "heise online: Welten" gestartet; nach dem bereits erschienenen ersten Band "Die letzte Crew des Wandersterns" von Hans-Arthur Marsiske (siehe heise online: Welten - eine Leseprobe aus "Die letzte Crew des Wandersterns") wird die Reihe ebenfalls mit neuen Romanen im Herbst weitergeführt.

"Die c't stories" und "heise online: Welten" sind im heise Shop, beim Hinstorff-Verlag, in stationären Buchläden und in Online-Buchläden wie Amazon sowohl als gedrucktes Buch als auch als eBook erhältlich.

  • Als Leseprobe zu "Die c't Stories": Die Geschichte "Ausblendung" von Arno Endler aus dem ersten Band):

"Guten Morgen, VauVau", tönte es ein halb Dutzend Mal aus den winzigen Kabinen, während ich den üblichen Spießrutenlauf vom Fahrstuhl zu meinem Platz im Großraumbüro absolvierte. Ich hasste es, wenn die Kollegen meinen Spitznamen benutzten. Sie wussten, dass ich es hasste, und taten es trotzdem.

Dabei heiße ich Victoria. Ein schöner Name, nur den zweiten Vornamen mit V, den, den ich stets verschwieg, hätten meine Eltern besser gelassen. Leider kam es heraus. Und dass ich ausgerechnet im öffentlichen Dienst landen würde, war ja bei meiner Geburt nicht abzusehen gewesen. Also wurde ich wegen des doppelten V zur "Verwaltungsverordnung", was alle witzig fanden. – Ich nicht.

Der Thin-Client in meiner Kabine lief bereits, sodass ich lediglich gegen die Fassung meiner VR-Leasing-Glasses tippen musste. Im virtuellen Arbeitsplatz wurde mir der erste Fall angezeigt. Lustlos blinzelte ich mich durch die Seiten der Akte und akzeptierte den Antrag mit einem dreifachen, vielgeübten Kopfnicken. – Nächster Antrag.

So plätscherte die Zeit vor sich hin, bis sie irgendwo in der Vergangenheit verschwand. Ein ereignisloser Tag im Verwaltungsbereich des Nachrichtendienstes. Nicht jeder Job beim Geheimdienst ist spannend.

Susan, die exaltierte Blondine aus der Nachbarkabine, erschreckte mich. Plötzlich tauchte ihr Kopf auf und sie brüllte: "Wie war dein Wochenende, VauVau?"

Bevor ich etwas sagen konnte, kreischte sie bereits: "Meines war fa-bel-haft! Da war dieser Typ. In der Bar. Un-glaub-li-che Muskeln. Ein Sixpack vom Feinsten. Ein Gott im Bett!"

Ich hörte schon nicht mehr hin. Warum hatte ich überhaupt antworten wollen? Die blöde Tusse liebte es anzugeben, mir mein langweiliges Leben unter die Nase zu reiben. Ihre Wochenenden bestanden aus Alkohol, Typen und Gelegenheitssex.

Ich starrte in ihr Gesicht. Meine VR-Leasing-Glasses displayten Susans Beziehungsstatus, ihr derzeitiges Gewicht und ihre Hobbys in die Augmented Reality.

Wieso verriet Susan in den Netzwerken ihr Gewicht? Ich blinzelte mit Auslösegeschwindigkeit und schon öffnete sich ihre Foto-Galerie mit Selfies, Best-of-Kommentaren und Like-Zahlen. Ich stöhnte auf.

"Was ist, VauVau? Kannste nicht ertragen? Neidisch, häh?"

Ich schüttelte den Kopf. "Nein, Susan, nur Kopfschmerzen." War gar nicht mal gelogen.

"Oh. Da habe ich ein geiles Mittelchen gefunden. Ich schick dir den Link", rief Susan, betippte ihre Brille und nickte mir kurz zu.

Im Benachrichtigungsfenster wehte nun ein Fähnchen. Susan schaute nicht weg, also blieb mir nichts anderes übrig, als die Nachricht zu öffnen. Ich blinzelte mit dem rechten Auge den Link an und ein virtuelles Einkaufszentrum flashte alle dienstlichen Anzeigen weg. Vor mir sah ich eine digitale Apotheke, die auf individualisierte Medikamente spezialisiert war.

"Danke, Susan. Ich schau mich dort mal um."

"Frag nach Chris. Der ist wun-der-bar!"

Sie verzog sich zu meiner Erleichterung.

Ich wollte mich schon aus der VR verabschieden, als plötzlich ein Companion auftauchte. Diese neuartige Form eines Werbebanners irritierte mich immer noch. Vielleicht wurde ich bereits altmodisch, aber diese idealtypisierten männlichen Gestalten mit blitzsauberem Gebiss, gebräunter Haut und sonorer Stimmlage irritierten mich einfach.

Mein Companion war stets blond, kurzhaarig, nicht übermäßig muskulös und verfügte über die blauesten Augen, die ein Designer sich erdacht haben konnte. Ein Wunsch-traum, mehr nicht. Ich wusste, dass ich mir mit den Angaben bei den drei Partnerbörsen keinen Gefallen getan hatte. Das Netz vergaß nie etwas.

Der Companion lächelte. Mein Herz schlug schneller.

"Hallo, Victoria. Schön dich wiederzusehen. Geht es dir gut?"

"Ja", krächzte ich und versank in der Bläue seiner Augen. Das in der Brille eingebaute Mikro übertrug mein Flüstern.

"Ich sehe, du trägst eine VR-Leasing-Brille von Mystadtler? Ein gutes Modell, nicht wahr?"

"Ja."

"Ich registriere eine gewisse Erregungskurve, seitdem du das Büro betreten hast. Das ist nicht gut."

"Nein", murmelte ich leise.

"Ich glaube auch den Grund zu kennen, liebe Victoria."

Ich hätte ihm stundenlang zuhören können. Verdammte Webdesigner!

"Ich würde dir gerne eine Lösung anbieten. Eine Applikation der besonderen Sorte. Nichts von der Stange und wirklich einem sehr exklusiven Kundenkreis vorbehalten."

Oh, er hatte mich. Ich spürte meinen inneren Widerstand gegen die Werbung schmelzen. Es wurde Zeit, die Verbindung zu trennen.

"Warte! Höre mir nur einen Moment zu."

"Okay?"

"Gehen dir deine Mitmenschen auf den Geist? Möchtest du eine Waffe erwerben und um dich schießen? Doch Gewalt ist keine Lösung?" Der Companion strahlte mich an. "Diese Applikation wird dir helfen. Hol sie dir! Jetzt."

Seine blauen Augen hypnotisierten mich. Ich blinzelte mein Einverständnis. Der Download-Zähler ratterte, während die neuen Programmdaten in meine Cloud geladen wurden. Der Companion verschwand im virtuellen Nirwana, mit ihm das Einkaufszentrum. Stattdessen erfragten dicke rote Lettern:

APPLIKATION STARTEN?

Ich blinzelte.

GESCHÄFTSBEDINGUNGEN AKZEPTIEREN?

Ich akzeptierte.

AUSBLENDUNG STUFE EINS

In der Augmented Reality erschienen die Buchstaben:

TUTORIAL?

Ich stimmte zu.

STEHEN SIE AUF!

Die Schrift verblasste, sobald ich dem Befehl folgte.

Aufrecht vermochte ich über die Umrandungen der Kabinen zu schauen. In dem Großraumbüro saßen meine Kollegen in ihren Kabuffs. Ich erkannte die kleinen Nicker, Kopfschüttler und verschiedenen Befehlsformen für die Arbeit mit den VR-Brillen, die jeder trug. Einige sprachen auch via Chat mit Anrufern oder anderen Behörden. Ein Bild der perfekten Arbeitsharmonie.

AUSWAHL

Ich murmelte. "Was soll ich auswählen?"

OBJEKT DER AUSBLENDUNG

Oha. Ich verstand. Also suchte ich nach etwas, was mir nicht fehlen würde und fixierte die künstliche Palme neben dem Wasserspender. Ich blinzelte.

FEHLERHAFTE WAHL

"Was soll ich sonst wählen?"

OBJEKT DER AUSBLENDUNG MUSS MENSCH ODER TIER SEIN

Ich überlegte nicht lange, beugte mich über den Rand der dünnen Trennwand und betrachtete Susans Hinterkopf. Sie wippte in ihrem ergonomischen Stuhl und tratschte irgendjemanden in der Registratur voll.

"Ausblenden", flüsterte ich.

OBJEKT MARKIERT – AUSBLENDUNG STUFE EINS

Es erfolgte keine Fanfare oder irgendein Signal, das ich als solches hätte erkennen können. Stattdessen verdunkelte sich das Display der VR-Leasing-Glasses minimal.

Als Nächstes stellten sich die normalen Sichtverhältnisse wieder her und Susan … war verschwunden. Mit ihr auch das Gesprächs-Blabla, das mich dermaßen genervt hatte. In der Kabine stand lediglich ein leerer Stuhl, der sich bewegte.

Ich staunte mit offenem Mund. Was zum Henker …? Ich zog die Brille aus. Da saß Susan und telefonierte. Hören konnte ich das Gespräch nicht. Erst als ich die Ohrstöpsel entfernte, peinigte mich wieder ihre Stimme. "… sag ich doch. Un-fass-bar!"

Sofort stopfte ich die Stöpsel mit der Audioübertragung der VR-Leasing-Glasses zurück. Stille. Zumindest, was Susans Gerede anging. Das übliche Hintergrundrauschen des Großraumbüros blieb. Ich schnippte mit den Fingern. Auch das hörte ich.

"Supi," murmelte ich, setzte mich zurück und dankte einem höheren Wesen für diese Applikation, mit deren Handbuch ich mich kurz darauf beschäftigte. Stufe eins der Ausblendungs-Software filterte das komplette Objekt aus dem visuellen und akustischen Bereich heraus.

Im Kapitel zwei, das ich nur überlas, wurden die technischen Voraussetzungen erwähnt. Für den Fall, dass eine ausgeblendete Person im Weg stand oder den Weg kreuzte, würde ein akustisches Warnsignal erzeugt und eine graue morphologisch korrekte Graustufendarstellung die Person ersetzen.

Okay. Hatte ich verstanden. So wurde vermieden, dass es zu unliebsamen Zusammenstößen kam. Die Kapitel AUSBLENDUNG STUFE ZWEI und AUSBLENDUNG STUFE DREI im Handbuch waren nicht freigeschaltet. Vielleicht musste ich erst eine Ausblendung dieser Stufe vornehmen, damit ich mich mit den Auswirkungen beschäftigen konnte?

Ich ließ mir die Zeit anzeigen. Kurz vor halb zwölf. Mittagspause. So erhob ich mich und wanderte zum Fahrstuhl. Bei der Gelegenheit nutzte ich die Applikation, um acht weitere Kollegen auszublenden.

Ich fühlte mich gut. Das Essen beim Thai gegenüber schmeckte wie die Hölle auf Erden: scharf und endgültig.

Plötzlich tippte mich etwas an die Schulter. Ich sah hoch, doch da war niemand. Verflixt! Ich hob die Brille.

Susan. Ihr Mund bewegte sich. Ich fummelte den Stöpsel aus dem Ohr.

"Redest du jetzt nicht mehr mit mir? Was soll das, VauVau? Ich finde das nicht in Ordnung."

"Entschuldige, Susan", gelang es mir zu erwidern, bevor sie mich erneut abwürgte und eine minutenlange Litanei von sich gab.
Kollegenschwein und Betschwester waren nur einige der Ausdrücke, die sie gebrauchte. Erst als sie Luft holen musste, brachte ich eine Entschuldigung hervor, die so wortreich wie gelogen war.

Susan akzeptierte, zeigte jedoch ein weiterhin beleidigtes Gesicht, als sie ging. Ich zog die Brille wieder in die richtige Position und zuckte zusammen. In feuerroten Buchstaben las ich:

AUSBLENDUNG OBJEKT 1 STUFE EINS AUF STUFE ZWEI AUSWEITEN?

Ja. Was immer es bedeutete. Ich blinzelte. Ja!

OBJEKT 1 MARKIERT – AUSBLENDUNG STUFE ZWEI

Ich leerte mein Schälchen und flüchtete aus dem Lokal. Draußen strahlte eine wärmende Sonne vom wolkenlosen Herbsthimmel. Am Brunnen gab es noch ein freies Plätzchen, das ich sofort belegte. Neben mir saß Angelika, die an einem Brot mümmelte. Sie achtete sehr auf ihre Figur, die nun wirklich nicht zu verachten war, aber sie machte keinen Staatsakt daraus wie andere Diätistinnen. Ich mochte sie gerne und grüßte.

"Auch hallo, Victoria. Wie war dein Tag so? Bisher?"

Ich grinste sie an. "Arbeitsam und susanlastig."

Angelika kicherte. Wir verstanden uns.

"Wenn man vom Teufel spricht …" Sie deutete mit dem Kopf nach vorne.

Ich wandte mich ab und schaute, doch Susan war nicht zu sehen.

"Ah. Mist", fluchte ich leise und setzte kurz die VR-Brille ab und entfernte einen Ohrenstöpsel. Da stand Susan auch schon vor uns. "Hi, Angie", grüßte sie meine Sitznachbarin.

"Hi, Su …"

"Also ich muss dir eines sagen. VauVau hat sich heute wieder ab-so-lut unmöglich verhalten. Ich weiß gar nicht, was mit ihr los ist."

Angelika achtete schon gar nicht mehr auf die Tirade über mich, sondern sah irritiert zu mir herüber. Ich legte den Zeigefinger auf die Lippen und setzte die VR-Leasings-Glasses zurück auf ihren Platz. Nun hörte ich Susan zwar, aber sehen konnte ich sie nicht mehr.

Ich rief das Handbuch auf und las, dass bei Stufe zwei auch mein Bild aus dem Datenstream zur VR-Brille eines Stufe-eins-Objektes herausgerechnet wurde. Eine raffinierte Programmierung. Ich erhob mich, hob die Brille an, stellte mich direkt neben Susan und winkte vor ihrer Nase. Es funktionierte.

"Wir reden später", flüsterte ich Angelika zu und ging zurück ins Büro.

In meiner Kabine beschäftigte ich mich kurz mit den weiteren Features der Stufen eins und zwei der Ausblendung. Viel zu erfahren gab es nicht. So wie ich es verstand, würde mich Susan weder sehen noch hören können, solange sie die Brille mit den Ohrstöpseln verwendete. Sie nicht zu tragen, war in unserer Gesellschaft, zumindest in der Öffentlichkeit, so gut wie ausgeschlossen. Nahezu ein Tabu.

Die Abweichler, die Offline-Rebellen, lebten versteckt als Schatten unter uns. Ohne Aussicht auf einen bezahlten Job vegetierten sie ihr Dasein am Rande des Existenzminimums. Soweit ich es in den Medien verfolgte, gab es eine radikale Splittergruppe, die nicht vor Anschlägen auf Server-Farmen oder Funkmasten zurückschreckte. In den News tauchten solche Meldungen als Randnotizen auf.

Susan würde ihre Brille niemals absetzen. Die Offline-Blindheit stellte für sie ein ab-so-lu-tes No-Go dar. Ich war vor ihr in Sicherheit. Was für eine Erleichterung.

Ich widmete mich meiner Arbeit. Der Rückstand musste aufgeholt werden, damit mein Chef mich weiterhin ignorierte. Fall auf Fall, Akte auf Akte rauschten an meiner virtuellen Sicht vorbei. Ich vergaß Namen, Anlass und Entscheidung so schnell, wie meine Augen blinzelten und mein Kopf nickte.

Der Feierabend überholte mich. Im Großraumbüro verklangen die Geräusche der Produktivität. Normalerweise genoss ich die Zeit der relativen Ruhe, wenn die anderen gingen. Doch heute nicht.

Ich schloss den nächsten Fall ab, öffnete mit einem Blinzeln meine Statistik und sah, dass ich zwanzig Prozent über Soll lag.

Ein guter Wert.

Das Blinken des Benachrichtigungsfähnchens weckte meine Neugier. Die Mail war mit PRIVAT und DRINGEND gekennzeichnet, hatte jedoch einen Büroabsender. Susan. Ich las:

"Du blöde Kuh! Schnepfe! Wo bist du den ganzen Nachmittag gewesen? Wenn du nicht mit mir reden willst, dann sag es! Ich fühle mich wirklich verletzt!!!!!"

Keine Signatur, keine Abschlussfloskel. Dafür viele Ausrufezeichen. Susan hatte sich Luft gemacht. Ich grinste, lupfte die Brille, als ich stand. Sie war bereits gegangen. Vielleicht war die neue Applikation keine Dauerlösung, aber sie würde mir das Leben erleichtern.

***

Zu Hause in meinem gemütlichen Sessel angelangt, aktivierte ich den VR-Zugang und schlenderte die Fressmeile des virtuellen Einkaufszentrums entlang, um einen Lieferservice auszuwählen. Die Entscheidung fiel mir schwer.

Plopp! Mein Companion strahlte mich an. "Kann ich dir helfen, Victoria?"

"Nein. Verschwinde!", antwortete ich, um es mir dann anders zu überlegen. "Halt! Warte, bitte."

"Ja?"

Oh, welch ein Blau.

"Woher kam die Ausblendungs-App?"

Der Companion schwieg.

"Hey! Woher kam die Applikation, die du mir heute Vormittag angeboten hast?"

"Ich verstehe deine Frage nicht? Möchtest du ein warmes Gericht oder soll es ein Salat sein?"

"Lenk nicht ab! Von wem kam das Angebot für mich? Die Ausblendungs-Applikation. Hallo!?"

Mein Companion verschwand. Mhm. Dies war ungewöhnlich. Ich bestellte schnell eine Pizza und verließ die VR-Einkaufsmeile.

Ich öffnete die AUSBLENDUNG und suchte im Programmverzeichnis nach den Herstellerdaten. Die Datei war verstümmelt und nicht lesbar. Auch in den FAQs und Hilfe-Dateien entdeckte ich keinen Hinweis, wer für das Teil verantwortlich war.

Wie viel musste ich eigentlich dafür bezahlen? Ich blätterte durch alle verfügbaren Programmzeilen, selbst diese Information blieb unauffindbar. Dann fand ich eine Exe-Datei für die Stufe drei von Ausblendung und rief sie auf.

WARNUNG

flashte es blutrot quer über das gesamte Sichtfeld.

"Wovor?", murmelte ich und schaute im Handbuch nach.

Außer dem Hinweis, dass es eine Stufe drei gab, hielt sich der Ersteller des Handbuchs mit Informationen dezent zurück.

WARNUNG

Ich blinzelte.

LETZTE WARNUNG

AUSBLENDUNG STUFE DREI AUSFÜHREN?

Ich war neugierig und blinzelte Zustimmung.

EIN OBJEKT GEMARKERT IN STUFE ZWEI – AUF STUFE DREI?

"Ja." Wenn damit die beleidigten Mails von Susan aufhören würden, dann wäre es das wert.

AUSBLENDUNG STUFE DREI AKTIVIERT

Nichts geschah. Kein Info-Fenster, keine irgendwie geartete Veränderung. Mal sehen, was der Morgen bringen würde.

***
Im Büro erhielt ich die Nachricht über einen Bonus wegen Übererfüllung der Norm. Es war bereits der achte Bonus im laufenden Jahr, was mich bei den Kollegen nicht beliebter machen würde. Kopfschüttelnd hob ich meine Brille, um in die Nachbarkabine zu linsen. Susans Stuhl war unbesetzt.

Ich schaute mir meinen Arbeitsvorrat des Tages an und wunderte mich, weil einige von Susans Fällen in meiner Liste auftauchten. Hm? War sie krank? Ich mailte Angelika an. Statt einer schriftlichen Antwort tauchte sie nach wenigen Minuten in meiner Kabine auf. "Hast du schon gehört?"

"Nein. Wovon sprichst du?", fragte ich.

"Susan."

Ein leises Klingeln im Verbund mit den Worten STUFE DREI bildete sich in meinem Kopf. "Jetzt spann mich nicht auf die Folter. Was ist mit ihr?"

"Na, sie ist raus."

"Raus? Wo raus?"

"Es gab ein Riesengeschrei heute Morgen am Eingang. Susans Chip war deaktiviert. Dann rief sie den Sicherheitsdienst, der sie reinlassen sollte. Aber bei einer Überprüfung stellten sie fest, dass irgendwas mit den Personalien nicht stimmte."

"Was?"

"Klingt strange, nicht wahr?" Angelika schaute mich an. "Man nahm wohl Kontakt mit der Zentralen Verwaltung auf, und dort konnte man nicht weiterhelfen. Alle Daten waren verschwunden. VR-Netz-Zugang, Steuermerkmale, Krankendaten – alles gelöscht."

"Echt jetzt?"

"Ja. Sie luden die Backups. Vergeblich. Susan ist in keiner Datenbank mehr vorhanden. Sie ist nicht existent, wie die Offline-Rebellen. Man hielt sie eine halbe Stunde fest. Dann kam der Staatsschutz und transportierte sie ab."

"Krass." Ich verstummte. Mein schlechtes Gewissen meldete sich.

Angelika schaute mich an. "Alles klar?"

"Ja, schon. Ich bin nur ein wenig entsetzt."

"Ach, Vici. Man hört von solchen Fällen sonst immer nur in den News. Und jetzt hier! Susan ist ein Schatten. Es wird Monate dauern, bis sie wieder integriert werden kann. Vielleicht klappt es auch gar nicht mehr. Weißt du, wie viele Schatten Selbstmord begehen, weil sie mit der Situation nicht zurechtkommen?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Mist!" Angelika richtete sich auf. "Ich muss zurück an den Platz. Nicht jeder erhält einen Bonus für Übererfüllung. Entschuldige mich."

Ich fragte mich, ob es reiner Zufall oder meine App gewesen war, dass Susan nun nur noch ein Schattendasein blieb. Vorläufig war ich die nervigste Kollegin los.

Ich versuchte, die seltsam befriedigenden Gedanken wegzudrängen.

Zurück an die Arbeit. Fall für Fall, Akte für Akte. Es fluppte, bis plötzlich eine blutrote Schrift meinen Workflow unterbrach.

HALLO

JETZT WEISST DU, WOZU WIR FÄHIG SIND

WIE WÜRDE ES DIR GEFALLEN, NACH STUFE DREI AUSGEBLENDET ZU WERDEN?

ZU GEGEBENER ZEIT BITTEN WIR DICH UM EINEN GEFALLEN

DIESEN WIRST DU ERFÜLLEN, OHNE IHN ZU HINTERFRAGEN

DANKE FÜR DEINE AUFMERKSAMKEIT

DIE APPLIKATION AUSBLENDUNG STEHT DIR WEITERHIN ZUR VERFÜGUNG

Welche Wahl hatte ich? Ich saß wie erstarrt in meiner Kabine. Da war er. Der Preis. (jk)