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Die ersten deutschen Cyborgs sind da

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Ein Dutzend Verfechter der technischen Erweiterung des Menschen hat in Berlin am Samstag den ersten Cyborgs-Verein nach den Vorbildern in Barcelona und Pittsburgh gegründet. Den Mitgliedern geht es laut der dabei festgezurrten Satzung vor allem darum, Prothetik, Robotik und Bionik zu fördern, zu erforschen, anzuwenden und kritisch zu bewerten. Dabei sollen Hard- und Software genauso berücksichtigt werden wie die Wetware, also das menschliche Gehirn und das Nervensystem.

Darüber hinaus wollen die selbsternannten Cyborgs "die ethische, rechtliche, kulturelle und politische Entwicklung der Interaktion und Verschmelzung von Mensch und Maschine" vorantreiben. Der Verein möchte auch die Belange der neuen "Spezies" in der Öffentlichkeit vertreten. Dabei helfen sollen Schulungen, Vorträge, Workshops und kulturelle Veranstaltungen im Zusammenhang mit einschlägigen Technologien.

"Wir wollen Hackerprojekte verschiedenster Art machen und eigene Cyborg-Devices bauen", erklärte der Initiator und frischgebackene Vorstand Enno Park bei dem Gründungstreffen in der c-base, einer "Raumstation" im Herzen der Hauptstadt. "Dafür brauchen wir ein Dach, einen Anlaufpunkt für interessierte Leute." Der Verein solle die Möglichkeit schaffen, Geldmittel anzuwerben und damit spätestens im Sommer einen "Hackerspace" zu mieten. Biohacker und Gentechnologen suchten in Berlin auch nach Räumen. Eventuell könnten sich die mehr oder weniger Gleichgesinnten da zusammentun.

Das Zusammenwachsen von Mensch und Technik soll der Verein Park zufolge "aus einer bejahenden Grundhaltung heraus kritisch begleiten". Ziel sei es auch, Rechte von Cyborgs zu formulieren. Dem Journalisten und Blogger erscheinen etwa Verbote zweifelhaft, mit tragbaren Computern wie der Datenbrille Google Glass bestimmte Räume zu betreten.

Nicht zuletzt wollen die Gründer Lobbying betreiben und Akzeptanz schaffen für kybernetische Organismen. Der Begriff Cyborg habe derzeit ein "Kampfmaschinen-Image", sagt Park. Dieses gelte es in ein positives zu überführen. Schließlich seien "die ersten Cyborgs im Grunde da", was viele noch nicht realisiert hätten. Für ihn ist schon das Smartphone ein Cyborg-Gerät, "da es die Internet-Ebene rund um uns sichtbar macht". Dazu kämen immer mehr "Wearables" und im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut gehende technische Apparate.

Der Vorstand des Cyborgs-Verein nebst Schatzmeisterin: Sigi, Enno Park & Katrin (v.l).

(Bild: Stefan Krempl)

Der gelernte Mediengestalter trägt selbst seit geraumer Zeit ein Cochlea-Implantat, das seinen persönlichen "Zündpunkt" darstellte. Die Hörprothese hat für ihn bereits "kleine Effekte, die über das Normale hinausgehen". So kann er auf Knopfdruck etwa Hintergrundgeräusche abschwächen, um sich besser auf einen Gesprächspartner konzentrieren zu können. Er würde das mit einem Sprachprozessor ausgerüstete Gerät aber gern auch manipulieren oder mehr aus ihm herauskitzeln können. Derzeit muss er für eine Einstellungsänderung einen Kliniktermin ausmachen. Lieber wäre es ihm, "einfach im Café mit dem Laptop nachzujustieren" und künftig etwa auch Ultraschall hörbar zu machen, um den Sound der Fledermäuse wahrzunehmen.

Auf Kriegsfuß steht Park dagegen mit dem Transhumanismus, der den Menschen lieber heute als morgen in einer "höher entwickelten" Maschinengattung aufgehen und ewig leben sehen möchte. Eigentlich sei er auch in diese Richtung ja liberal, aber "ein Designerkind mit bestimmten Eigenschaften auszustatten" würde ihm dann doch etwas zu weit gehen. Auch das Streben US-amerikanischer Verfechter der Künstlichen Intelligenz (KI) wie Ray Kurzweil, ihr Gehirn auf eine Festplatte hochzuladen, sieht er immer skeptischer, je mehr er sich mit dem Thema beschäftigt. Er fürchtet, dass auf diesem Weg rasch ein "totalitäres Regime" entstehen könne, das ökonomischen Zwängen unterläge.

Ähnlich sieht die Sache Stefan, der an der TU Berlin Mensch-Maschine-Interaktion studiert und die Vereinsidee mit Park seit Mai in vierzehntägigen Treffen vorangetrieben hat. Für ihn steht beim Cyborg die Persönlichkeitsentfaltung im Vordergrund, also ein letztlich humanistisches Ideal. Er möchte, dass sich alle "in ihrer Sinneswelt frei mit Technologie entfalten können". Er glaube zwar an eine "starke KI" und dass sich "in der Maschine Bewusstsein entwickeln kann". Am Transhumanismus störe ihn aber die "kapitalistische Ausrichtung" einiger ihrer Vorreiter und ein "fast schon religiöser Touch" nebst "faschistischem Einschlag".

Wearables findet das Gründungsmitglied nur halbwegs interessant. Er beschäftigt sich lieber mit Geräten, die fest am oder im Körper sind und von denen der Träger weiß, dass er sie nicht wieder ablegen kann. Selbst hat er sich vor einem Monat in einem Piercing-Studio einen Biomagneten in einen Finger einsetzen lassen. Das habe ganz schön geblutet und sei ohne Betäubung erfolgt, aber im Krankenhaus finde man derzeit niemanden, der einen solchen Eingriff vornehme. Nun vernimmt er ein leichtes Vibrieren, wenn er ein elektromagnetisches Feld aufspürt. Künftig hofft er, mit vergleichbaren Implantaten sein Smartphone mit Mikrogesten aus der Ferne steuern zu können.

Stefans Nachbarin Rin findet solche Trends "einfach cool". Sie trägt ebenfalls bereits einen Magneten unter der Haut und will diesen bald mit einem RFID-Chip ergänzen. Hardwaretechnisch sei sie noch nicht so erfahren, "möchte das jetzt aber lernen".

Stefan hat sich vor einem Monat in einem Piercing-Studio einen Biomagneten in einen Finger einsetzen lassen. Damit vernimmt er ein leichtes Vibrieren, wenn er ein elektromagnetisches Feld aufspürt.

(Bild: Stefan Krempl)

Frauen sind in dem Verein, der nach vier Stunden Satzungsdiskussion und Vorstandswahl noch durch einen dreizehnten Gründungsveteranen ergänzt wird, bislang knapp in der Überzahl und legen deshalb beim Stricken der rechtlichen Basis besonders viel Wert auf politische Korrektheiten. "Wollt ihr gendern?", fragt die auf dem Kopf dunkelrot gefärbte Lara und wirbt so etwa für eine_n Schatzmeister_in. "Mit Stern oder Unterstrich?" Persönlich wäre ihr das "generische Femininum" am liebsten gewesen, also alles in der weiblichen Form. Es bleibt aber bei der Doppelschreibweise. Irgendwann sind dann auch die Unterschiede zwischen Cis- und Trans-Männern geklärt, die im Vorstand neben Frauen eine Rolle spielen dürfen.

Patrick, der in letzter Minute abspringt, wird offenbar die Bürokratie zu viel. "Das liest sich wie im Kleingartenverein", stößt er sich an einer Formulierung. "Ohne feste juristische Begriffe können wir gleich nach Hause gehen", hält die Protokollführerin Katrin dagegen, die das Eintragen in die Mitgliederliste mit einem "iih, Klarnamen" quittiert. Zum Ende hin wird die Rechtsexpertin, die für den Landesverband der Piratenpartei arbeitet, zur Schatzmeisterin gewählt. Und das mit Ja- und Nein-Zetteln, die vom Berliner Parteitag der Piraten von 2011 übrig geblieben sind.

Die Wahlkarten sind vom Berliner Parteitag der Piraten von 2011 übrig geblieben.

(Bild: Stefan Krempl)

Sigi, die kurzhaarige Apothekerin, darf sich über die Kür zum zweiten Vorstandsmitglied freuen. Ihre persönliche Motivation, in der Gruppe mitzumischen, liegt im möglichen Bau einer künstlichen Netzhaut. "Viele in meiner Familie haben Retinitis pigmentosa", erläutert die Brillenträgerin. "Die führt langfristig zur Erblindung." Sie selbst wisse noch nicht, ob sie auch das dafür verantwortliche Gen trage, würde aber gern vorsorgen.

Sonst sieht die Pharmazeutin vor allem noch viele offene Fragen vor dem Verein liegen. Wie weit "unnötige" Operationen gehen dürften und wofür die Kasse zahlen müsse, ist eine davon. Wie die Gesellschaft darauf reagiere, wenn Teile von ihr "höher springen oder besser denken können" als der Rest, eine andere. Gehirnimplantate seien jedenfalls "definitiv ein Forschungsgegenstand" der Gruppe, auch wenn man sich wohl noch länger damit beschäftigen müsse, "wer das machen darf". (Stefan Krempl) / (ola)

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