Die neuen Wasserstoff-Mächte

Wasserstoff soll das neue Öl werden – auch geopolitisch. Weil Deutschland nicht genug herstellen kann, sollen künftig neue Wasserstoff-Mächte einspringen.

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Die neuen Wasserstoff-Mächte

(Bild: Shutterstock)

Von
  • Manuel Berkel

Wie viel Wasserstoff es braucht, damit die deutsche Wirtschaft bis 2050 klimaneutral wird, darüber gehen die Vorhersagen je nach politischen Überlegungen und wirtschaftlichen Interessen um den Faktor zehn auseinander. Eine Studie für die Mineralölwirtschaft etwa erwartet einen Bedarf von bis zu 1.000 Terawattstunden (TWh) Wasserstoff pro Jahr. Das UBA und der Bundesverband der Deutschen Industrie rechnen hingegen eher mit 320 bis 370 TWh.

TR 5/2020

Sicher ist nur: Bei den derzeitigen Ausbauplänen für erneuerbare Energien liegt die dafür nötige Strommenge in nahezu unerreichbarer Ferne, steht in der neuen Ausgabe 05/20 von Technology Review. Die BDI-Studie etwa rechnet auch vor, wie viel erneuerbarer Strom nötig wäre, um diese Menge Wasserstoff zu erzeugen: Aufgrund hoher Umwandlungsverluste 740 TWh pro Jahr. "Die Menge ist höher als die gesamte Nettostromerzeugung Deutschlands im Jahr 2015 (610 TWh) und im Inland nicht realistisch darstellbar."

Nun hat sich die Unternehmensberatung Frontier Economics mit der Frage beschäftigt, woher der Wasserstoff stattdessen kommen soll. Sie hat unter anderem gemeinsam mit dem Think Tank Agora Energiewende und dem Weltenergierat Studien zu dem Thema durchgeführt. Ihre Antwort: aus dem Ausland. In einer Studie für den Weltenergierat listen die Analysten über 30 potenzielle Exportländer auf: vom Norden Afrikas über den Nahen Osten bis hin zu Chile.

Am weitesten vorangetrieben hat Deutschland die Zusammenarbeit mit Marokko. Sowohl das Umwelt- als auch das Entwicklungshilfeministerium sind dort an Pilotprojekten für die Produktion von Ammoniak und Methanol beteiligt. Frontier Economics nennt in seiner Studie mehrere Vorzüge Marokkos: günstige Bedingungen für Photovoltaik und Windkraftanlagen, politische Stabilität, lange Küsten als Standorte für Entsalzungsanlagen für die Wasserelektrolyse. In Marokko etwa gibt es bereits eine Gas-­Pipeline nach Europa sowie mehrere Häfen, von denen sich Wasserstoff oder darauf basierende Chemikalien verschiffen lassen.

Wasserstoff kann – stark heruntergekühlt – in flüssiger Form transportiert werden, ähnlich wie LNG (verflüssigtes Erdgas), oder chemisch gebunden in Ammoniak, Methanol oder flüssigen organischen Trägerstoffen ("LOHC"). Für den Transport mit Tankschiffen in die EU kommen laut Frontier-Berater Jens Perner aber auch Regionen wie Patagonien und Australien infrage: "Wenn PtX-Produkte einmal hergestellt sind, spielen Distanz und Transportkosten nicht mehr die ent­scheidende Rolle." Die Analysten gehen davon aus, dass die Wasserstoffproduktion mit Offshore-Wind in Europa langfristig teurer bleiben wird als der Weg über Photovoltaik in sonnenreichen Regionen.

Weil es so viele Staaten mit günstigen Bedingungen für Wind- und Solarenergie gibt, hält Perner die Gefahr für gering, dass es in einer Was­serstoffwirtschaft zu neuen Abhängigkeiten kommt: "Für Wasserstoff gibt es viel mehr mögliche Produzenten als Förderer von Erdöl. Langfristig sehe ich deshalb eine realistische Perspektive, dass sich ein liquider Weltmarkt ent­wickelt. Ein intensiver Wettbewerb würde helfen, die Preise im Rahmen zu halten."

Der Ökonom hält auch wenig von Unkenrufen, den ­Wasserstoffplänen könne es ähnlich gehen wie dem Desertec-Projekt. Vor zehn Jahren wollte ein Industriekonsortium Solarstrom aus dem Nahen Osten und Nordafrika über Gleichstromleitungen nach Europa transportieren. Um Desertec wurde es dann aber still. Für Perner machen die etablierten Transportmöglichkeiten von Wasserstoff und PtX-Produkten den Unterschied: "Verglichen mit dem Bau von Gleichstromtrassen ist der Transport chemischer Energieträger einfach."

Den vollständigen Artikel "Wasserstoff: Von Blasen und Perlen" lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von 05/20 von Technology Review (jetzt im Handel).

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(jle)