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Die technische Revolution erleichtert das Leben in der Provinz

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Frédéric hat es geschafft. Vor Jahren hat der damalige Projektchef in der Informatik-Industrie der Großstadt den Rücken gekehrt und ist weit aufs Land gezogen -- in ein Nest mit dem hübschen Namen Saint-Bomer-les-Forges. Inzwischen läuft das Geschäft mit dem Obst und Gemüse, das Wahl-Gärtner Frédéric auf dem Markt des Fleckens in der Normandie verkauft. Auch Francis und Sylvie, früher dynamische Angestellte in der französischen Hauptstadt, konnten dem Ruf der Campagne, des Lebens auf dem Land, eines Tages nicht länger widerstehen. Sie führen heute ein Ferienquartier in den Pyrenäen.

Die französische "Wüste" belebt sich. Vorbei ist der Drang in die Großstadt mit ihrer Hektik, ihrem Verkehrs-Infarkt, der Kriminalität, den überhöhten Preisen, den muffeligen Verkäufern und Busfahrern. Vor allem Paris, die Metropole an der Seine, hat über die Jahre viel von ihrem Glanz verloren. "Paris und die Einöde", hieß es vor Jahrzehnten noch spöttisch. Mittlerweile hört sich das etwas anders an: "Alles auf in die Campagne" -- das klingt nach einer neuen Völkerwanderung. Und Millionen machen in der einen oder anderen Form ihren Traum vom Leben in der "Provinz" wahr. Mit dem ländlichen Exodus ist Schluss.

Die Zahlen sprechen für sich: In den vergangenen zehn Jahren haben allein 500.000 Menschen die Region Paris verlassen. Die "Provinz" ist inzwischen wieder so dicht bevölkert wie seit 1962 nicht mehr. Die Franzosen zieht es vor allem in den warmen, sonnigen Süden. Und die Leute werden immer jünger, die sich dem Großstadtstress entziehen und dafür oft auch niedrigere Einkommen in Kauf nehmen. "Junge Paare mit Kindern, mit höherer Bildung und einer kleinen Rücklage", so schaut das Phantombild der Neo-Landbewohner nach einer Umfrage aus. Und der ungeheuer steile Boom bei den Zweitresidenzen hat längst das Bild von Frankreich verändert -- die Zweitresidenz wird oft zum Hauptwohnsitz.

Was hat dieser Völkerwanderung den Weg geebnet? Die "neue Geographie" Frankreichs hat nicht zuletzt mit technischer Revolution zu tun. Die in Schnelligkeit verliebten Franzosen bauen für ihren so attraktiven Hochgeschwindigkeitszug TGV jede nur denkbare Trasse, um im Nu am Mittelmeer zu sein. Computer und Laptop, Internet und Handy machen es möglich, praktisch überall zu arbeiten. Wenn es denn sein muss, dann kann man problemlos für ein paar Tage pro Woche in Paris auf den Konferenzen "präsent" sein. Die Arbeitszeitverkürzung, also die 35-Stunden-Woche, macht Millionen mobiler Franzosen noch mobiler.

"Dank TGV, Autobahnnetz und Flugverkehr hat die Entfernung heute ganz und gar nicht mehr die Bedeutung wie noch vor zwei Jahrzehnten", erläutert der Transport-Soziologe Yves Crozet von der Universität in Lyon. Der Burgunder Unternehmer Patrick Bataille formuliert es so: "Die Angestellten wollen sich mehr ihrer Familie widmen und ihrer Freizeit." Sie haben es außerdem satt, "wie Kaninchen in Käfigen zu leben." Mehr als 700.000 Franzosen machen es bereits so, dass sie auf dem Land leben und zur Arbeit in der Woche rasch in die Stadt fahren.

Das Heer der Stadtflüchtlinge setzt sich also aus diesen "neuen Pendlern" zusammen, aus richtigen "Aussteigern" sowie aus jenen, die den elektronischen Arbeitsplatz komplett mitnehmen. Oder die im "Midi" einen Job in der Hochtechnologie ergattern. Dazu kommt noch die steil steigende Zahl von Rentnern, die sich beizeiten ein Standbein in der Provence oder im Südwesten zugelegt haben. Seit 1980 sind etwa eine Million Franzosen von Nord nach Süd gezogen -- bis 2020 dürften es nach Berechnungen des staatlichen Statistik-Büros INSEE nochmals eine Million sein. "Das ist Sehnsucht nach dem Süden", sagt der Soziologe und Verlagschef Jean Viard, "eine wirkliche kulturelle Revolution". (Hanns-Jochen Kaffsack, dpa) / (anw)