Die unsichtbare Supermarktkasse: Mit RFID gegen Amazon Go

Mit Funkchips soll die Supermarktkasse unnötig werden. Auf der Messe Euroshop zeigen Hersteller neue Konzepte, die mit dem US-Handelsriesen konkurrieren sollen.

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Payfree von den Volksbanken Raiffeisenbanken. Bezahlen im Vorübergehen.

(Bild: heise online / Torsten Kleinz)

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Die Waren aus dem Regal nehmen, in die Tasche stecken und einfach den Laden verlassen – was Amazon Go in den USA vormacht, soll auch in Deutschland möglich werden. Auf der Fachmesse Euroshop in Düsseldorf präsentieren mehrere Hersteller Konzepte, die auf Funkchips nach RFID-Standard setzen.

Die Idee der kassenlosen Geschäfte ist nicht neu. Die Metro Gruppe hatte bereits vor zehn Jahren mit dem Future Store entsprechende Konzepte getestet. Doch die RFID-Technik war damals noch zu teuer und zudem noch nicht performant genug, um etwa einen vollen Einkaufswagen zuverlässig abzuscannen. Stattdessen setzten sich seither immer mehr Produkte durch, bei denen Kunden ihre Waren noch einzeln selbst scannen müssen.

Einen neuen Anlauf wagen nun zwei verschiedene Firmenkonsortien. In Düsseldorf präsentierte etwa VR Payment der Volksbanken Raiffeisenbanken das Konzept Payfree. Hier kann der Kunde die mit RFID-Chips gekennzeichneten Waren einfach aus dem Regal nehmen und verlässt den Laden durch eine Scanner-Schleuse, die die Chips an den Waren einzeln erfasst und den Betrag dann automatisch abrechnet. Das System soll deutlich weniger aufwändig sein als bisherige Scan-Stationen und dem Handel Filialen ermöglichen, die komplett ohne Kassierer auskommen können.

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Die notwendige Technik stammt von dem Duisburger Startup ID4us, einer Ausgründung an der Universität Duisburg Essen. Um die Scanleistung zu erbringen, hat die Firma handelsübliche RFID-Tags nachbehandelt – mit den genauen technischen Details hält sich das Unternehmen aber noch zurück, solange eine Patentanmeldung läuft. Mithilfe der neuen "Locate Tags" wird ein virtueller dreidimensionaler Scan-Raum geschaffen, der den Bezahlvorgang in enormer Weise vereinfacht. Bei dem in Düsseldorf gezeigten Produkt muss der Kunde über zwei Fußmatten gehen: In der ersten Stufe werden die Waren erfasst und auf der zweiten Stufe der Bezahlvorgang abgewickelt.

Nun suchen die Kooperationspartner erste Interessenten aus dem Handel, die solche Scanner-Schleusen noch in diesem Jahr im Realbetrieb testen sollen. Infrage kommen etwa Kleidungsgeschäfte, in denen der Einsatz von RFID-Tags schon sehr verbreitet ist und für die der Preis von derzeit zirka 3 Cent pro RFID-Tag nicht sonderlich ins Gewicht fällt. Vorteil hier: Mit RFID könnte auch gleichzeitig der Diebstahlschutz implementiert werden. Und die Preise für RFID-Chips sollen langfristig stark fallen.

Die Kunden müssen sich aber auf das neue Bezahlverfahren einstellen und sich registrieren. Haben sie sich einmal angemeldet, sollen sie die freie Wahl haben, sich per Handy, per Wearable oder über ein spezielles Token zu identifizieren. Ganz ohne Bezahlvorgang geht es aber dennoch nicht. Vor jedem Kauf müssen die Kunden per App eine entsprechende Zahlung freigeben. Dazu müssen die Kunden einen Höchstbetrag angeben, den ein Einkauf kosten kann. Über ein Display in der Zahlschleuse können die Kunden die Beträge kontrollieren.

Deutlich einfacher ist die Idee, die von den Anbietern DXC, HARTING und Murata in Düsseldorf präsentiert wurde. Das Konzept, das auch mit herkömmlichen RFID-Chips funktionieren soll, erinnert mehr an ein klassisches Terminal, bei dem der Kunde seine Waren selbst scannt. Statt jedoch an jeder Ware den Strichcode abzuscannen, stellen die Kunden ihre Einkaufstasche in eine Art Wanne, in denen die RFID-Funktechnik integriert ist.

Dank fortgeschrittener RFID-Antennen und höherer zugelassener Funkleistung soll die Technik alte Schwächen überwunden haben. Konservendosen oder Wasserflaschen schirmen die Funkchips nicht mehr völlig ab. Der Scan-Vorgang soll in unter 30 Sekunden abgeschlossen sein. Im Prinzip seien auch Systeme denkbar, bei denen ein kompletter Wocheneinkauf direkt im Einkaufswagen gescannt werden – allerdings dürfe der Wagen dafür nicht aus Metall bestehen. Bezahlt wird im Demo-Store an einem normalen Karten-Terminal.

Ausgerechnet die Konkurrenz durch den Handelsgiganten Amazon, der in seinen automatisierten Läden mit Kameras genau erfasst, welche Waren Kunden aus den Regalen nehmen, sorgt für neue Bewegung im Markt. "Amazon Go hat einen starken Impuls gesetzt, sodass sich niemand mehr neuen Techniken verweigern kann", erklärt Peter Weichert, Geschäftsführer von Harting Systems im Gespräch mit heise online. Nun suchen die Unternehmen erste Handelspartner, die ihr System in der Praxis testen. Infrage kämen etwa Kioske, die komplett ohne Kassierer auskommen könnten.

Die RFID-Produkte seien zum einen deutlich kostengünstiger als die aufwändige Sensortechnik, die für das Amazon-Konzept notwendig sei. Es sei wesentlich weniger aufwändig, RFID-Tags an den Waren zu befestigen, als jedes einzelne Produkt in die Sensorsysteme einzuspeisen. Zudem können RFID-Systeme für viele weitere Zwecke eingesetzt werden – von der Überwachung der Lieferketten bis hin zu Rückrufaktionen, bei denen Händler genau feststellen können, wo und an wen bestimmte Produktchargen verkauft wurden. Voraussetzung dafür ist aber, dass die RFID-Technik breit akzeptiert und bereits von den Herstellern an den Produkten befestigt werden. Neue Produktionstechniken, bei denen die Tags im Massenverfahren gedruckt werden, sollen hierbei helfen.

Auch für Marketing-Auswertungen könnte die Funktechnik gebraucht werden. Systeme könnten etwa erfassen, wenn ein Kunde eine Flasche Wein aus dem Regal genommen aber wieder zurückgestellt habe. Wenn das Interesse einmal registriert ist, könnten den Kunden etwa über einen Gutschein zum Kauf verleitet werden. (anw)