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Dieselgate: Wie geht es weiter bei VW

Der Abgas-Skandal hält Volkswagen auch sieben Monate nach dem Ausbruch fest in seinem Bann. In Wolfsburg überschlagen sich in diesen Tagen die Ereignisse - tiefrote Zahlen inklusive. Trotz neuer Erkenntnisse bleiben noch viele Fragen offen.

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Rekordverlust, immense Risiken, interne Konflikte - der Abgasskandal hält VW in Atem. Obgleich inzwischen auch andere Autobauer in der Kritik stehen - bei Volkswagen herrscht seit Monaten Ausnahmezustand. Ein Ende ist auch nach dem "April der Wahrheit" nicht absehbar. Die wichtigsten Fragen.

Europas größter Autobauer muss wegen der Diesel-Affäre den größten Verlust der VW-Konzerngeschichte verkraften. Unterm Strich betrug das Minus 1,6 Milliarden Euro. Verantwortlich dafür sind Rückstellungen zur Abfederung der Dieselkrise in Höhe von 16,2 Milliarden Euro. Auch die Aktionäre bekommen die Manipulationen zu spüren: Die Dividende für Stammaktien sackt um 96 Prozent auf 11 Cent ab (2014: 2,40 Euro).

Am kommenden Donnerstag (28. April) stellt VW in Wolfsburg auf einer Pressekonferenz die genauen Geschäftszahlen für das vergangene Jahr vor - eine Bilanz im Schatten der Abgas-Affäre. Spannend dürften vor allem das Abschneiden der Konzern-Kernmarke VW sein, die bereits vor dem Skandal ertragsschwach war und die meisten Folgen der Abgas-Manipulationen zu schultern hat. Am 22. Juni findet die VW-Hauptversammlung statt - die Spitze des Autobauers muss sich auf viele unangenehme Fragen der Aktionäre einstellen.

In den USA hatte der weltweite Skandal über manipulierte Abgaswerte seinen Ursprung, betroffen sind hier rund 600.000 Dieselfahrzeuge. Rund um den Globus gibt es mehr als elf Millionen Fahrzeuge mit der Betrugssoftware. Der zuständige US-Richter hat VW und den Behörden an diesem Donnerstag eine Frist bis zum 21. Juni gesetzt - bis dahin soll es nach der Grundatzvereinbarung über Rückkäufe von betroffenen Dieselfahrzeugen und Umrüstungen eine detaillierte Einigung geben. Am 19. Mai soll es die nächste Gerichtsanhörung geben. In den USA drohen weiterhin Milliardenkosten.

Das ist noch nicht abzusehen. Es drohen massive Auseinandersetzungen zwischen dem Management, Gewerkschaften und Betriebsrat. Bei der ertragsschwachen Kernmarke VW mit Modellen wie dem Golf und dem Passat will Markenchef Herbert Diess den Sparkurs verschärfen - hat aber versprochen, dass es in der Stammbelegschaft keinen Stellenabbau gegen soll. Betriebsratschef Bernd Osterloh und andere Mitglieder des Aufsichtsrates haben Diess wiederholt vor allem für seinen Kommunikationsstil heftig kritisiert. Auf Initiative des Betriebsrats soll es Verhandlungen über feste Produkt-, Stückzahl- und Investitionszusagen für die nächsten Jahre geben.

Chronologie des Abgas-Skandals (60 Bilder)

Mitte September 2015:  Die US-Umweltschutzbehörde EPA beschuldigt den Volkswagen-Konzern, Diesel-PKWs der Baujahre 2009 bis 2015 mit einer Software ausgestattet zu haben, die die Prüfungen auf US-amerikanische Umweltbestimmungen austrickst. Zu ähnlichen Untersuchungsergebnissen ist auch das California Air Resources Board (CARB) gekommen. Beide Behörden schicken Beschwerden an VW. (Im Bild: Zentrale der EPA in Washington D.C.)
(Bild: EPA
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Volkswagen hat eine immens wichtige Bedeutung für Niedersachsen; das Land ist VW-Großaktionär. Die Mini-Dividende hat aber nur wenig Auswirkungen auf den Haushalt, weil das Land noch satte Einnahmen aus den vergangenen Jahren hat und diese in einer eigenen Gesellschaft verbucht. Die Bedeutung des VW-Konzerns für Niedersachsen ist auch darüber hinaus enorm: Laut einer Analyse der Landesbank NordLB entfielen in Niedersachsen zuletzt fast zwei Drittel der gesamten Wertschöpfung der Top-50-Firmen auf VW.

Schlecht ist die Lage für die Städte mit großen VW-Standorten wie Wolfsburg, Braunschweig, Emden oder Hannover. Die Kämmerer prüfen wegen wegbrechender Steuereinnahmen alle Ausgaben, einige Kommunen verhängten schon Haushaltssperren. Bereits Ende März hatten die Landesstatistiker mitgeteilt, dass es an den VW-Standorten Einbrüche bei der Gewerbesteuer gab: In Wolfsburg 80 Prozent Minus, in Salzgitter 30 Prozent, in Osnabrück 22 Prozent, in Braunschweig 13 Prozent und in der Hafenstadt Emden 8 Prozent.

Der in Deutschland im Januar gestartete Rückruf läuft bisher sehr holprig. Die Kernmarke VW konnte nur 8500 betroffene Modelle des Pick-ups Amarok in die Werkstätten holen. Dagegen musste der Rückruf des Volumenmodells Passat wegen der fehlenden Freigabe des Kraftfahrtbundesamtes verschoben werden. Deshalb soll sogar der Golf vorgezogen werden. Der Rückrufplan ist nach internen Berechnungen bereits 250.000 Autos in Verzug. In den USA gibt es noch keinen Fahrplan. Hier drohen auch teure Rückkäufe. Immerhin dürfen auch die VW-Töchter Audi und Seat erste Modelle umrüsten.

Die Schuldfrage ist auch mehr als sieben Monate nach Beginn der Ermittlungen offen. Weder die staatlichen Ermittler in Deutschland und den USA noch die internen Ermittlungen durch die vom Aufsichtsrat engagierte US-Kanzlei Jones Day haben bislang einen Schuldigen präsentieren können. Nach dpa-Informationen geht Jones Day bislang davon aus, dass es keine Weisung der Konzernspitze gegeben hat. Der Betrug soll das Werk von wenigen Einzelnen gewesen sein. (von Andreas Hoenig und Marco Hadem) (uk)