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Diess soll Umbau von VW forcieren – und bekommt Unterstützung vom Betriebsrat

Neue Führungsämter, neue Strukturen: Volkswagen verpasst sich wieder einen grundlegenden Umbau. Der neue Chef Diess soll den Wandel zum Mobilitätskonzern vorantreiben. Der Betriebsrat, mit dem er anfangs über Kreuz lag, gibt dem Manager Rückendeckung.

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Diess soll Umbau bei VW forcieren – und bekommt Unterstützung vom Betriebsrat

Herbert Diess noch vor seiner Zeit als Konzernchef mit Kenias Staatspräsident Uhuru Kenyatta.

(Bild: Volkswagen)

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Als neuer Konzernchef bei Volkswagen will Herbert Diess den größten Autohersteller der Welt zu einem integrierten Mobilitätsanbieter umkrempeln. Das Unternehmen müsse Tempo aufnehmen und deutliche Akzente bei Elektromobilität, Digitalisierung des Autos und des Verkehrs sowie neuen Dienstleistungen setzen, sagte der Manager. Am Donnerstagabend hatte der VW-Aufsichtsrat nach einer Sitzung bekanntgegeben, dass der bisherige Leiter der Kernmarke VW Pkw die Führung des gesamten Konzerns übernehmen soll. Vom mächtigen Betriebsratschef Bernd Osterloh bekam Diess Rückendeckung.

Der 59 Jahre alte frühere BMW-Manager Diess verantwortet künftig zusätzlich die Konzernentwicklung und -forschung. Außerdem lenkt er die Fahrzeug-IT – also alles rund um die Vernetzung des Autos. Zugleich führt Volkswagen neue Markengruppen ein. Laut Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch soll die Neuordnung die Entscheidungen des riesigen Autokonzerns beschleunigen und Strukturen verschlanken.

Osterloh, der im Rahmen des Sparprogramms "Zukunftspakt" noch Diess kritisiert hatte, kündigte nun die volle Unterstützung der Arbeitnehmerseite an. Er begrüße es ausdrücklich, dass der Konzern und die Marke VW Pkw wieder in Personalunion geführt werden sollten, schrieb Osterloh in einem Brief an die Belegschaft. Diess' Vorgänger Matthias Müller wandte sich ebenfalls an die Mitarbeiter. Er sei froh, dass es in der bisherigen Neuausrichtung schon Erfolge gegeben habe – mit weniger Hierarchie, der "Strategie 2025" unter anderem für mehr Elektromobilität und vielen Projekten und Partnerschaften.

Eingeführt werden nun die einzelnen Markengruppen "Volumen" – dazu gehören VW, Skoda und Seat –, "Premium" mit Audi und "Super Premium" mit Porsche, Bentley, Bugatti und Lamborghini. Für die Nutzfahrzeugeinheit Truck & Bus sollen die Voraussetzungen eines Börsengangs geschaffen werden. Auch diesen Schritt unterstützten die Betriebsräte. Osterloh würdigte zudem die Arbeit Müllers. Dieser habe Volkswagen in der Abgas-Affäre erfolgreich durch die schwerste Krise der Konzerngeschichte gesteuert.

Aufsichtsratschef Pötsch sagte: "Dr. Diess hat bei der Marke Volkswagen erfolgreich bewiesen, mit welchem Tempo und welcher Konsequenz er tiefgreifende Transformationsprozesse umsetzen kann." Daher sei er für das Amt des Konzernchefs "prädestiniert" gewesen. Es war Diess gelungen, die Effizienz der im Vergleich zur Konkurrenz lange Zeit ertragsschwachen Kernmarke zu verbessern.

Diess will den Wert von Randbeteiligungen für den Konzern ausloten und sie gegebenenfalls verkaufen. Man werde Optionen für nicht zum Kerngeschäft gehörende Teile prüfen. Dazu gehöre die Motorradmarke Ducati, deren Verkauf in der Vergangenheit an Widerstand im Aufsichtsrat gescheitert war. Schon Müller hatte die Prüfung von Randbereichen angestoßen.

Die Autobranche ist mitten in einem umfassenden Wandel, hin zu alternativen Antrieben, mehr Vernetzung und autonomem Fahren. Diess löst Müller mit sofortiger Wirkung ab. Die Aufseher beschlossen auch weitere Personalien: Gunnar Kilian, bisher Generalsekretär im Betriebsrat und ein enger Vertrauter Osterlohs, wird Personalvorstand und damit Nachfolger von Karlheinz Blessing. Dieser steht für die Dauer seiner Vertragslaufzeit als Berater zur Verfügung. Zugleich rückt Porsche-Chef Oliver Blume in den Konzernvorstand auf.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter kommentierte gegenüber der dpa: "Der neue VW-Chef Diess muss eine lange To-Do-Liste abarbeiten. Er muss endlich die Dieselaffäre aufklären und reinen Tisch machen. Andernfalls haftet der Vorwurf der Geheimniskrämereien und Klüngelei auch in Zukunft an VW." Der Konzern müsse auch auf die Kunden zugehen. Volkswagen lehnt in Europa hohe Entschädigungen wie in den USA unter Verweis auf ein anderes Rechtssystem ab.

Chronologie des Abgas-Skandals (59 Bilder)

Mitte September 2015:  Die US-Umweltschutzbehörde EPA beschuldigt den Volkswagen-Konzern, Diesel-PKWs der Baujahre 2009 bis 2015 mit einer Software ausgestattet zu haben, die die Prüfungen auf US-amerikanische Umweltbestimmungen austrickst. Zu ähnlichen Untersuchungsergebnissen ist auch das California Air Resources Board (CARB) gekommen. Beide Behörden schicken Beschwerden an VW. (Im Bild: Zentrale der EPA in Washington D.C.)
(Bild: EPA
)

(dpa) / (anw)

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