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Differenzen nach Verbot von Computerspiel-Wettbewerb in Stuttgart

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Nach der Absage der für den kommenden Freitag geplanten eSport-Veranstaltung in der Stuttgarter Liederhalle beteuern sowohl der Veranstalter Turtle Entertainment als auch die Verantwortlichen der Stadt ihre Gesprächsbereitschaft. Ein Dialog findet derzeit allerdings nicht statt. Die abgewiesenen Veranstalter zeigen mit dem Finger auf die Stadt. Mit jeder Minute schwinden die Chancen für einen Kompromiss, den beide Seiten immerhin noch für grundsätzlich möglich halten.

Turtle weist in einer Reaktion vom heutigen Dienstag auf die gestern Abend publik gewordene Absage "öffentliche Vorwürfe" zurück, nicht auf ein Gesprächsangebot reagiert zu haben. Ein solches Angebot seitens der Stadt oder des Hallenbetreibers habe es nicht gegeben, erklärt ein Sprecher. Auf Nachfrage räumt der PR-Chef und Jugendschutzbeauftragte Ibrahim Mazari einen Kontakt in der vergangenen Woche ein, bei dem es um mögliche öffentliche Reaktionen auf die Durchführung eines Counterstrike-Wettbewerbs im direkten Umfeld des Amoklaufs in Winnenden gegangen sei. Dazu habe Turtle Entertainment Stellung genommen. Von der offiziellen Absage (PDF-Datei) habe der Veranstalter dann am Montagabend über die Medien erfahren.

Bei der Betreibergesellschaft der Liederhalle, einer hundertprozentigen Tochter der Stadt, klingt das etwas anders. Verantwortliche von Turtle Entertainment seien in der vergangenen Woche telefonisch gefragt worden, wie sie mit der Veranstaltung angesichts der aktuellen Ereignisse umgehen wollten. Dabei sei es auch um mögliche Lösungen gegangen, etwa die Spielauswahl zu ändern, bekräftigte ein Sprecher der Gesellschaft gegenüber heise online. Konkrete Lösungsvorschläge hätten allerdings von Turtle kommen müssen.

Ein weiteres Gesprächsangebot habe es am gestrigen Montagabend per E-Mail gegeben, hieß es in Stuttgart weiter. Zuvor hatten sich die Geschäftsführung der Betreibergesellschaft, die Stadtverwaltung und schließlich der Aufsichtsrat auf eine Absage der Veranstaltung verständigt. "Angesichts der Ereignisse und des schrecklichen Amoklaufs in Winnenden und Wendlingen, bei dem 15 Menschen getötet wurden, können wir eine solche Veranstaltung derzeit in unserer Stadt nicht akzeptieren", hatte Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) die Absage begründet.

Die Absage sei auch das Ergebnis moralischer Überlegungen gewesen, erklärte der Sprecher der Liederhalle, von denen allerdings nicht nur die eSport-Veranstaltung betroffen sei. Die Messe Stuttgart hat auch die für April geplante Internationale Waffenbörse (IWB) abgesagt. Turtle Entertainment vermutet hinter diesen Signalen noch andere Motive: "Das war eine politische Entscheidung der Stadt", sagt der Turtle-Sprecher unter Verweis auf die am 7. Juni stattfindenden Kommunalwahlen in Baden-Württemberg.

Dabei muss sich Turtle auch an die eigene Nase fassen. Mazari räumt ein, dass sein Interview mit dem Stuttgarter Wochenblatt in der letzten Woche, in dem er Konsequenzen aus dem Amoklauf noch weitgehend ausgeschlossen hatte, nicht so glücklich gelaufen ist. Einen symbolischen Beweis der Anteilnahme wie etwa eine Schweigeminute "hätte man machen können", sagt Turtles PR-Chef, der sich weiter dialogbereit zeigt. "Ich respektiere die Entscheidung."

Zwar will Turtle auch mögliche rechtliche Konsequenzen prüfen, zieht eine einvernehmliche Lösung aber vor. "Wir suchen nicht die Konfrontation." Die Stuttgarter auch nicht. Sie erwarten allerdings konkrete Vorschläge von den eSportlern. "Es ist noch Zeit für einen Dialog", erklärt der Sprecher der Liederhalle. "Der Ball liegt jetzt bei denen im Feld." Das klingt so, als sei die Tür für den Spieltag der Electronic Sports League (ESL) am Freitag in Stuttgart noch nicht ganz zu.

Turtle hatte die Absage bedauert, auch weil das zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung vorher veranstaltete Eltern-LAN ins Wasser fällt. Die Veranstaltung für Eltern, die den Erwachsenen auch einen Einblick in den eSport bieten soll, wäre eine "ideale Möglichkeit gewesen, sich differenziert mit dem Thema Computerspiele als Teil unserer heutigen Jugendkultur auseinander zu setzen und die Mediennutzung junger Menschen zu thematisieren und zu diskutieren", heißt es in der Stellungnahme zur Absage. Gerade nach Winnenden wäre so eine Veranstaltung vielleicht ganz nützlich. Offenbar hat Turtle es weiter in der Hand, ob es in Stuttgart noch dazu kommt. (vbr)