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Digital Freedom Forum: Das Silicon Valley debattiert im Baltikum übers Grundeinkommen

Ein Teil der US-Gründerszene ist geschockt über den Trump-Sieg und fragt sich auf einer nordeuropäischen Startup-Konferenz, ob die Digitalisierungsgewinne nicht an die Bevölkerung ausgeschüttet werden müssten.

Digital Freedom Forum: Das Silicon Valley debattiert im Baltikum übers Grundeinkommen

(Bild: Stefan Krempl)

Die Globalisierung wird spürbar, wenn Unternehmensgründer und Wagniskapitalgeber aus dem Silicon Valley nach Riga fliegen, um unweit vom nordöstlichen Ende des alten Kontinents auf einem Internetkongress über das bedingungslose Grundeinkommen zu diskutieren. Der Erfolg von Donald Trump bei den US-Wahlen habe viel mit abgebauten Arbeitsplätzen in der klassischen Industrie und der Angst vor weiteren Jobverlusten durch die Automatisierung zu tun, konstatierte Elizabeth Stark, Geschäftsführerin des Bitcoin- und Blockchain-Startups Lightning Network, auf dem Digital Freedom Festival.

"Die Effizienz wird größer durch die Automatisierung", führte die aus San Francisco angereiste Gründerin aus, die eigentlich intelligente Bezahlvorgänge zwischen Maschinen mithilfe der hinter Bitcoin stehenden verteilten Datenbanktechnologie ermöglichen will. Es sei daher nötig, eine Verteilung der Digitalisierungsgewinne etwa durch eine Art Grundeinkommen zu erwägen, schlug die Absolventin der Harvard Law School ungewöhnliche Töne für eine Abgesandte aus dem Silicon Valley an. Nur so könnten offenbar zurückfallende Schichten der Bevölkerung ausreichend abgesichert und auf neue Möglichkeiten vorbereitet werden.

Elizabeth Stark

(Bild: Stefan Krempl)

Zuvor hatte der langjährige Yahoo-Manager Marvin Liao davor gewarnt, dass allein durch autonome Lkws fünf Millionen Fahrer ihren Job in den USA verlieren könnten. Ähnlich sei die Lage bei den Bankern, da Algorithmen deren Arbeit mittlerweile besser machten. Auch der Partner des Firmenbrutkastens 500 Startups in San Francisco bezeichnete daher ein "universelles Grundeinkommen" für wichtig, um die negativen gesellschaftlichen Änderungen abzufedern, die sich zunächst für viele aus der Digitalisierung ergäben.

"Viele Wähler wollen keinen Wandel", brachte sich Kristo Käärmann, Geschäftsführer und Mitgründer des estnischen Finanz-Startups TransferWise in die Debatte ein, das Banken mit günstigen Transaktions- und Umtauschgebühren das Fürchten lehrt. Alle bisherigen technischen Revolutionen hätten aber die Innovatoren begünstigt, wähnte er sich auf der sicheren Seite. Den größten Vorteil der Digitalisierung und Vernetzung sieht der Jungunternehmer in einer deutlich größeren Transparenz etwa im geschäftlichen Umfeld: "Die hält uns ehrlich."

Auch Ilja Laurs, Gründer des litauischen Risikokapitalfonds Nextury Ventures, sieht die auf Nullen und Einsen basierende technische Entwicklung überwiegend positiv und jenseits des Punktes, an dem sich das Rad noch zurückdrehen lasse. Vor allem die Blockchain lobte der Geldgeber als "beste Technologie für die digitale Wirtschaft". Das ausgefuchste virtuelle Kassenregister setze ein Geldsystem durch, "das der Gemeinschaft gehört und von ihr reguliert wird". Die Auswirkungen der vielfach gehypten Blockchain seien "vergleichbar mit denen beim Übergang zur repräsentativen Demokratie".

Jānis Sārts, Leiter des in Riga angesiedelten Zentrums für "Strategic Communications" (Stratcom) der Nato, hielt den angehenden Durchstartern dagegen wie schon Estlands Ex-Präsident Toomas Hendrik Ilves vor Augen, dass sie ein Umfeld bräuchten, das die westlichen Internetfreiheiten, gut ausgebaute Netzwerke und allgemeine Grundrechte hochhalte. "Viele wollen diese Parameter ändern" und der Konnektivität sowie der Globalisierung den Rücken zukehren, warnte der Vertreter des Militärbündnisses im Blick auf den Brexit und die US-Wahlen. Innovationen und neue Produkte seien nicht ausreichend, um gegen diesen Trend vorzugehen.

Jānis Sārts

(Bild: Stefan Krempl)

"Information kann zur Waffe werden und wird verstärkt so genutzt", berichtete der Chef der Einrichtung, die früher vermutlich als Propaganda-Abteilung bezeichnet worden wäre. Speziell designte Phishing-Angriffe seien dafür genauso ein Beispiel wie die Tatsache, dass der Islamische Staat seine Beiträge in sozialen Medien wie einen Ego-Shooter gestalte. Paradox sei zudem, dass immer mehr Informationen online verfügbar seien, sich parallel aber in ihre eigene Filterblase zurückzögen und von der Realität abkoppelten.

Pēteris Zilgalvis, Leiter der Abteilung Startups und Innovation bei der Generaldirektion für den digitalen Binnenmarkt bei der EU-Kommission, empfahl der Tech-Community, von vornherein möglichst viele Bevölkerungsschichten einzubeziehen. Die Vorteile etwa der Share Economy müssten allen offenstehen, sonst fände das Tauschmodell wenig Unterstützer. Es sei aber nicht die Brüsseler Bürokratie, die der Online-Ökonomie und neuen Geschäftsmodellen Steine in den Weg lege: "Wir wollen den Wettbewerb fördern, die Wirtschaft modernisieren." Hürden bauten eher die nationalen Gesetzgeber in Punkten wie Steuern oder Arbeitsrecht auf.

Jo Bertram, Beauftragter bei Uber für Nordeuropa und Großbritannien, beeilte sich zu versichern, dass der alternative Taxi-Dienst auch "die Verdienstmöglichkeiten für die Fahrer" erhöhe. Tausende der Shuttle-Lenker sehen dies aber anders und demonstrierten am Dienstag in zwei Dutzend US-Städten für einen höheren Mindestlohn und das Recht, sich gewerkschaftlich vertreten lassen zu dürfen.

Natürlich durften auf der Konferenz in dem aufstrebenden Digital-Hub praktische Startup-Fragen nach den ersten 100 Kunden oder der ersten gemachten Million auf den Podien genauso wenig fehlen wie Panel zu möglichen Geschäftsmöglichkeiten rund um Smart Cities oder Cybersicherheit. Das Netz sei gar nicht geeignet für das Internet der Dinge, ließ sich dabei etwa vernehmen neben der These, dass Städte von sich aus schon intelligent seien und dies nicht erst würden, wenn die Mülltonnen selbst Bescheid geben, dass sie voll sind.

Größten Wert legten die Veranstalter, zu denen der Gründer der Visualisierungsplattform Infogram Uldis Leiterts gehört, auf die musikalische Untermalung des Festivals. Schon in der Eingangshalle der Tagungsstätte sowie in jeder der zahlreichen Lounge-Ecken legten DJs lautstark auf, zum Auftakt des zweiten Tag rockte ein Band mit einer Live-Darbietung von "Smells Like Teen Spirit" von Nirvana die große Bühne. Um ein Wegdämmern der Zuhörer zu verhindern, animierten die Moderatoren das Publikum ständig zu Kennenlern- und Klatschspielen sowie zu Wikingerrufen. Selbst ein Chaos Communication Congress der hiesigen Hackerszene nimmt sich demgegenüber als braves Stelldichein im Stil klassischer Wirtschafts- und Politik-Konferenzen aus. (Stefan Krempl) / (kbe)

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