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"Digital, Life, Design": Digitales Leben, grün und cool

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Zum dritten Mal fand in München eine Konferenz der Hubert Burda Media statt, die den digitalen Trends der Zeit auf der Spur ist. Drei Tage wurden auf der Digital, Life, Design (DLD 07) banale Werbeauftritte und interessante Ansichten zum digitalen Lebensstil in buntem Wechsel präsentiert. Die Mehrzahl der Referenten kam aus den USA, was nicht folgenlos blieb. Als klimaneutrale Konferenz ausgewiesen, produzierte die Veranstaltung 1000 Tonnen Kohlendioxid, die mit der Finanzierung eines Windkraftprojektes in China ausgeglichen wurden. Ökologisch korrekt endete die Konferenz am Dienstagnachmittag mit der Vorstellung von "The Love Initiative", einer sehr emotional aufgezogenen Umweltschutzkampagne, an der Intel beteiligt ist.

Im Gegensatz zum vergangenen Jahr hatte der DLD 07 kein eindeutiges technisches Thema. Blogger, Vlogger und soziale Netzwerke wurden bereits auf früheren DLD-Konferenzen behandelt. Neu war in diesem Sinne auch die schiere Menge von Venture-Kapitalgebern, die die Konferenz auf der Suche nach "Geschäftsmodellen" besuchten. Auf die vielen, mitunter aufgeregt geführten Diskussionen, was die nächste neue Firma beim nächsten Börsengang an Geldern einspielt, hatte einzig der Referent Craig Newmark von Craig's List die passende Antwort bereit: "My exit strategy is my death". Ich verkaufe mich nicht. Nach 18 Jahren im Dienst von IBM darf man so antworten, mit 6 Milliarden Pageviews im Monat.

Inhaltlich pflegte "Digital, Life, Design" in mehreren Punkten den globalen Rundumschlag zum Thema Life. Die ehemalige Microsoft-Forscherin Linda Stone erklärte, dass sich der Zustand der hyperaktiven Teilaufmerksamkeit der Internet-Generation legt und diese nun Wert auf das Filtern und Abschirmen gegenüber Zudringlichkeiten legt. Das begünstige die Entwicklung von sozialen Netzwerken. Frei nach dem Motto des referierenden Stararchitekten Norman Foster "Green is cool" beschäftigten sich viele Referenten mit ökologischen Themen.

Grün und cool eben, wie der sparsam mit Energie umgehende Laptop des OLPC-Projektes, den Nicholas Negroponte genüsslich vor dem Publikum präsentierte. Geschickt nahm der Cyberdenker dabei alle Argumente gegen das Laptop-Projekt (etwa Unterernährung und medizinische Versorgung als drängendere Probleme als die Versorgung mit IT) vorweg, um den Laptop als Quantensprung zu feiern. Der Unterricht mit einem derart ausgefeilten Gerät soll Menschen heranbilden, die sich Hunger und Ungerechtigkeit nicht mehr gefallen lassen. "Die Frage ist immer, auf welcher Ebene die Hilfe einsetzt. Die Hilfe, eine Erziehung zu bekommen, mit der Kinder dem Elend entkommen, ist etwas anderes als die Linderung einer Hungersnot." Der von Negroponte ausgepackte Laptop wurde vom Publikum beklatscht, er wurde aber nicht andächtig durch die Reihen der verzückten Teilnehmer gereicht, wie zuvor beim Kongress des Chaos Computer Clubs. Dort durfte jeder Hacker einmal andächtig den Rechner anfassen.

"Ist es nicht eine sehr amerikanische Art, auf diese Weise der Welt helfen zu wollen? Das noch in einer Welt, in der Amerika als sehr gewaltsames Land erfahren wird", wollte Moderator Martin Varsavsky von Negroponte wissen. Für den argentinischen Unternehmer, der sich mit seinen Foneros ebenfalls als Gutmensch mit kapitalistischen Einschlägen positioniert hat, ist der OLPC-Laptop nicht attraktiv und geradezu geschäftsschädigend. Der OLPC-Laptop arbeitet im Ruhestand als Router in einem Mesh-Netz und schafft Strukturen wie beim Freifunk. Außerdem soll er von den argentinischen Schulbehörden angeschafft werden. Im Münchener HVB-Forum, in dem in wenigen Tagen die deutsche Premiere von Windows Vista ablaufen wird, hielt Negroponte ein Plädoyer auf DRM-freie Rechner, ohne die kein Unterricht frei von Eigentumsansprüchen möglich ist. Er appellierte an das Publikum, nicht so sehr das Gerät zu sehen, sondern die Lernmethode, die mit dem Laptop in den Schulen eingeführt wird. "Jeder Laptop ist Teil eines Wikis, eines gemeinsamen Schulprojekts, in dem das Wissen der ganzen Klasse allen gehört. Wir haben hier viel von der Wikipedia gelernt."

Auch Burda hat gelernt. Zur Konferenz feierte die Website Burda Style Premiere, die voll auf Open Source setzt. Auf den ersten Blick mögen frei im Weg verfügbare Schnittmusterbögen samt Video-Hilfen bei kniffligen Details irgendwie von Vor-Vorgestern sein. Etwa aus der Zeit anno 1987, als Aenne Burda mit den Schnittmuster-Blättern den Sprung in den "Ostblock" wagte. Das Unternehmen war sehr erfolgreich, weil Millionen Frauen begannen, nach westlichen Vorbildern Kleider selbst zu schneidern. Genau das bietet Burda Style im Internet an. Welches "Geschäftsmodell" sich daraus entwickeln wird, ist noch nicht klar. (Detlef Borchers) / (jk)

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