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Digital Life Design: IP-Adressen gegen Kindermissbrauch

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Nach vielen Jahren ist die DLD-Konferenz auf ihre Art politisch geworden. Die Schauspielerin und DLD-Gastgeberin Maria Furtwängler-Burda bezeichnete die abwägende Haltung der FDP zur Vorratsdatenspeicherung als fatal. Sie appellierte an die Partei und ihre Justizministerin, das "Handicap" der deutschen Polizei zu beseitigen und die Speicherung von IP-Adressen zuzulassen. Andernfalls sei dem Kindesmissbrauch Tür und Tor geöffnet.

Unter dem Titel "Human Trafficking" (Menschenhandel) lancierte die DLD-Konferenz eine Kampagne, die offenbar Druck auf die Bundesregierung ausüben soll, die Speicherung von IP-Adressen wieder einzuführen. Wie Moderatorin Furtwängler-Burda in ihrer Einleitung vorrechnete, ist der Menschenhandel nach dem Drogenhandel der zweitwichtigste Geschäftszweig des organisierten Verbrechens. Vom Menschenhandel ging es flugs zum Kinderhandel und noch schneller zum Verkauf von Kindern an kambodschanische Bordelle. Somaly Mam von der Somaly Mam Foundation schilderte ihren Kampf gegen die Kinderprostitution in Kambodscha. Mit dabei ein heute 14-jähriges Mädchen, das von der Stiftung gerettet wurde und über ihren Leidensweg berichtete.

Auf die Erzählung vom Elend in Asien folgte Stephanie zu Guttenberg vom Verein Innocence in Danger mit einer Art "Live-Demonstration". Nach Angaben von zu Guttenberg gibt es drei Varianten des Kindesmissbrauchs: Einmal ist da der Kindesmissbrauch, der gefilmt wird und von dem immer mehr Bilder zirkulieren. Eine Datenbank in den USA soll 2009 über 23 Millionen Bilder gespeichert haben. Dann gibt es den Kindesmissbrauch offline, dem eine Online-Anbahnungsphase vorhergeht, in der der Täter sein Opfer sucht. Die dritte Variante ist das Anpirschen in Online-Angeboten und der Online-Missbrauch, etwa durch das Schicken von Masturbationsbildern durch den Täter. Diese Variante sei stark im Wachsen und ein sehr ernsthaftes Problem, erklärte zu Guttenberg. Ihre anschließend auf Deutsch gezeigten Online-Dialoge waren einem Chat entnommen, in dem sich eine ihrer Mitarbeiterinnen als 13-Jährige ausgab. Binnen fünf Minuten diskutierten acht Männer mit ihr. Ein 44-Jähriger fragte in drastisch direkter Sprache, ob sie ihn treffen wollte und beschrieb seine geplanten Handlungen. Nach den Ausführungen von zu Guttenberg ist diese Art von Online-Missbrauch sehr süchtig machend und sie verlange deshalb nach Steigerung. "Irgendwann reicht der Chat nicht mehr aus, dann steigen diese Männer in ein Flugzeug nach Kambodscha und kaufen sich ein Kind." Dass allerdings Kindesmissbrauch überproportional häufig im engsten Bekannten- und Verwandtenkreis auftritt, war kein Thema ihrer Präsentation.

Ralf Mutschke vom Bundeskriminalamt (BKA), der als einziger der 150 Referenten des Kongresses nicht im dicken Handbüchlein vorgestellt wird (die DLD-App bezeichnet ihn als Head of Violence and Felony Unit) komplettierte den Dreiklang mit seinen Ausführungen, wie deutsche Kindersextouristen nach ihren Besuchen in Kambodscha und Thailand nach Hinweisen der lokalen Polizei in Deutschland verhaftet und verurteilt wurden. Ausführlicher berichtete er von dem "Strudel-Fall", als es dem BKA gelang, das Tätergesicht aus verfremdeten Bild-Dateien zu rekonstruieren. Zu der Notwendigkeit der Speicherung von IP-Adressen nannte Mutschke die im Jahre 2009 angelaufene internationale Operation Charly, bei der das BKA über die Nutzung eines Servers in Luxemburg 1200 IP-Adressen deutscher Nutzer kinderpornografischer Materialien erhielt und diese identifizieren konnte. Dies war vor der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes. Seitdem ruhe die Arbeit mit IP-Adressen. Mutschke sprach sich deshalb nachdrücklich für die Vorratsdatenspeicherung aus und setzte all seine Hoffnungen auf einen tragfähigen Kompromiss zwischen Innen- und Justizministerium aus. Zu der besonderen Problematik von Chats und phantasierten Handlungen äußerte er sich nicht. Auch die unterschiedlichen Bewertungen von Untersuchungen, bei denen auch Strafverfolgungsexperten infrage stellten, wieweit der kommerzielle Hintergrund von Kindesmissbrauch reiche und welche Maßnahmen dagegen angemessen seien, spielten auf der Veranstaltung keine Rolle.

In der abschließenden Diskussion antwortete Stephanie zu Guttenberg auf die Frage, warum in Deutschland keine härteren Gesetze gegen Kindesmissbrauch existierten, mit dem Verweis auf die libertären 60er-Jahre, die heute noch viele Politiker im Deutschen Bundestag beinflussen würden. Als praktischen Vorschlag forderte sie alle Anbieter von Chat-Software auf, einen "Lernknopf" und einen "Notfallknopf" für das sofortige Verlassen eines Chats anzubieten. Die 14-jährige Kambodschanerin appellierte an die Zuhörer, die Opfer nicht immer in ihrer Opferrolle zu sehen, sondern sie darin zu bestärken, als Überlebende ihr Trauma zu überwinden. Maria Furtwängler-Burda spendete 100.000 Euro an die Somaly Mam Foundation. (Detlef Borchers) / (jk)

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