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Digital Natives wählen – aber ohne peinliches Gezwitscher

Flyer, Podiumsdiskussionen, Infostände - alles out im Wahlkampf um die jungen Erstwähler? Von wegen! Plakate wecken am meisten Aufmerksamkeit – im Unterschied zu Twitter- oder Facebook-Posts. Denn die muss man in den Weiten des Internets lange suchen.

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Auch 16-Jährige sollen bei den Kommunalwahlen ihren Senf dazu geben.

Peinliche Posts auf Facebook – das ist nicht, was Josefine von den Kandidaten im Kommunalwahlkampf erwartet. Die 16-jährige Schülerin aus Mannheim gibt am 25. Mai zum ersten Mal ihre Stimme ab. Über die Wahl informiert sie sich deshalb genau. Doch was die Kandidaten auf Facebook, YouTube und Twitter treiben, darüber muss sie schon manchmal schmunzeln. Einer habe ein Foto von sich auf einem Fischmarkt hochgeladen. "Bizarr" nennt sie das. Auch Schulfreund René ist skeptisch. "Zum Beispiel ist die CDU in Sachen Internetpräsenz nicht so fortschrittlich", findet der 16-Jährige.

Doch was zieht bei den jungen Wählern, wenn nicht Social Media? "Die meiste Aufmerksamkeit bekommt man schon durch die Plakate", sagt Leona (16). Sie geht mit René und Josefine in den Leistungskurs Politik. "Im Internet haben wir nur recherchiert, um uns auf eine Podiumsdiskussion vorzubereiten." Altmodische Wahlplakate und Podiumsdiskussionen - das wollen also die modernen Erstwähler, die ständig als "Digital Natives" in aller Munde sind?

"Ich kann mir vorstellen, dass viele zu faul sind, im Internet zu recherchieren", sagt Leona. "Es gibt einfach zu viele Kandidaten." Nicht alle sind auf Facebook oder Twitter und nicht alle sind dort gleich aktiv - viele haben weder Follower noch Posts. Doch wer den Kandidaten in seinem Wahlkreis nicht schon kennt, sucht lange, um ihn im Netz zu finden. "Die Kommunalwahl ist ja die, bei der man direkt Einfluss nehmen kann", sagt René. "Gerade deshalb finde ich es wichtig, dass man die einzelnen Personen wirklich kennt."

Und kennenlernen - das geht am besten im persönlichen Gespräch, in einer Diskussion oder am Infostand, findet Josefine. "Dann hat man eine Ahnung, wie die Leute ticken, was sie durchsetzen wollen." Sie hat Politiker aus ihrem Wahlkreis bei einer vom Stadtjugendring Mannheim organisierten Podiumsdiskussion gehört. "Von einigen war ich echt überrascht." Jetzt könne sie besser entscheiden, wem sie von ihren 48 ein, zwei oder sogar drei Stimmen gibt.

Auf persönlicher Schiene will auch Melis Sekmen bei den jungen Leuten punkten: Die 20-Jährige tritt als Spitzenkandidatin für die Grünen in Mannheim an. Wenn sie nicht am Infostand steht, will sie mit kreativen Happenings in der Stadt auf sich aufmerksam machen. Für Aktionismus im Internet bleibt beim Engagement auf der Straße wenig Zeit.

"In sozialen Medien können Anhänger mobilisiert und motiviert werden", sagt Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Hohenheim. "Sie sollten aber nicht der zentrale Wahlkampfkanal sein." Denn: Um sich über das politische Geschehen zu informieren, eignen sich für 14- bis 29-Jährige Facebook & Co. wenig - das zeigen auch Ergebnisse einer aktuellen repräsentativen Umfrage.

Doch nicht nur Politiker bespielen die neuen Medien. Auch Initiatoren von Informationskampagnen setzen auf das Internet. Mit kurzen Film-Clips auf YouTube und Facebook wirbt die Landeszentrale für politische Bildung gemeinsam mit dem Landesjugendring für die Wahl. In den Filmchen fordern Prominente und Landespolitiker die Jugendlichen auf, ihre Stimme abzugeben. Der Spot "Meet you there" ist seit Anfang Mai online. Die Zahl derer, denen das Filmchen gefällt, ist aber sehr überschaubar. Ein bis aufs Ende identischer Clip wirbt übrigens auch für die gleichzeitig stattfindende Europawahl.

Um junge Menschen zu erreichen, reicht es nicht, einfach nur auf "angesagte" Medien zu setzen, wie die wenigen Reaktionen auf diesen Werbespot zur Beteiligung an der Wahl zeigen.

Bewirkt die Online-Präsenz am Ende also gar nichts? "Entscheidend ist, dass die vielfältigen Wahlkampfinstrumente aufeinander abgestimmt sind", sagt Brettschneider. Mit Blick auf die Erstwähler müssten die Schulen aber strenger in die Pflicht genommen werden. "Man geht nicht zur Wahl, wenn man nicht hingeführt wird", sagt er. Auch Leona findet, dass die Schulen mehr machen müssen. "Wahlen sind doch ein aktuelles Thema. Immer nur Regierungssysteme auswendig lernen, das bringt ja auch nichts." (anm)